Have a break, write a book

Monat: Dezember 2019

Der Maulbeerbaum – 1

Die Wochen der ernsten Texte werden fortgesetzt. Was nun (und die nächsten vier Wochen) folgt, ist eine Geschichte (der Titel stammt wie immer vom lieben Lutz), die ich geschrieben habe, weil ich mir einfach mal wieder ins Gedächtnis rufen musste, dass ich auch länge zusammenhängende Sachen schreiben kann. Vielleicht musste ich mir das auch nur beweisen, bevor ich mich an meinen neuen Roman setze (Aktueller Stand: 41829 Wörter). Wie dem auch sei. Hier ist das erste „Kapitel“ von „Der Maulbeerbaum“.

Jojakim hasste seinen Vater abgrundtief. Er hatte dafür gute Gründe, wobei der eigentliche tiefsitzende Grund, seit langem unangetastet in der Düsternis seiner Vergangenheit lag. Verborgen unter dem geladenen Revolver, den Zacharias in betrunkenem Zustand seinem Sohn an die Stirn gehalten hatte. Vergraben auch unter den Trümmern seiner Ehe mit Mariam. Fast erschlagen von dem Gewicht seiner Ängste. Tief unter all dem lag die Wurzel des Hasses und sie trank gierig seit vielen Jahren.
Jojakim war das langersehnte Einzelkind einer mittelprächtigen Ehe. Seine Eltern hatten sich vielleicht einmal vor langer Zeit geliebt, doch mittlerweile vergessen, worin ihre Liebe einst gegründet war. Jojakims Vater, Zacharias, arbeitete im Werk. Dort stellten sie Dosen her, in denen dann konservierte Nahrungsmittel aufbewahrt werden konnten. Jeden Abend kam er nach Hause und nahm seinen Sohn in die Arme. Jojakim, der damals noch keine fünf Jahre alt war, wartete meistens sehnsüchtig auf die Schritte seines Vaters, die dann durchs Treppenhaus hallten.
Doch eines Abends kam Zacharias nicht nach Hause. Susanna hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden und die Anrichte poliert. Jetzt stand sie neben Jojakim am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Als der Vater nach über einer Stunde endlich kam, war das Essen bereits kalt und Jojakim lag im Bett. Jedoch ohne zu schlafen. Er hatte gelauscht und als er endlich die Schritte seines Vaters hörte, schob er die Decke zur Seite und setzte sich im Bett auf. Er lauschte. Draußen auf dem Flur redeten seine Eltern. Seine Mutter zischte leise, sein Vater antwortete laut. „Goldberg hatte was zu feiern. Ja und?“ Er klang ein wenig zornig. Und irgendwie war seine Stimme nicht ganz so fest, wie sonst immer. Die Stimmen verstummten und die Tür wurde geöffnet. Hell umrahmt vom Flurlicht stand Zacharias in der Tür zu Jojakims Zimmer.
„Na mein kleiner, hast du lange auf deinen Vater gewartet?“, fragte er und setzte sich auf die Bettkante. Unbeholfen streichelte er Jojakims Haare. Sein Atem roch nach Alkohol.
„Warum bist du erst so spät zuhause?“
Zacharias atmete einmal schwer durch. Süßer Alkoholgeruch schwebte durch die Luft. Nach einer langen Denkpause, die auf Jojakim beinahe so wirkte, als sei sein Vater mit offenen Augen eingeschlafen, antwortete er: „Wir hatten was zu feiern. Ein Kollege von mir ist Papa geworden.“
Jojakim dachte darüber nach. Schließlich fragte er: „Habt ihr auch gefeiert, als du Papa geworden bist?“
„Das haben wir. Das haben wir.“ Zacharias Stimme klang mittlerweile so müde und verwaschen, dass Jojakim nur noch „Das ham ir“ verstand. „Jetzt mach die Augen zu Kleiner.“
Zacharias küsste seinen Sohn auf die Stirn und deckte ihn dann zu.
Jojakim lag noch lange wach und lauschte, ob er hören könnte, wie seine Eltern sich stritten. Doch von jenseits der Tür kamen keine Geräusche mehr.
Am nächsten Morgen schien zwischen seinen Eltern wieder alles beim Alten zu sein. Sein Vater gab seiner Frau wieder einen Kuss, beide tranken ihren Kaffee und Jojakim hatte die Szene vom Abend schon fast wieder vergessen. Doch ein kleiner Teil blieb ihm im Gedächtnis hängen. In Gedanken hörte er immer wieder das Zischen seiner Mutter und die verwaschenen Sätze seines Vaters.
In der darauffolgenden Woche kam sein Vater wieder jeden Abend pünktlich nach Hause. Jojakim lief ihm immer entgegen und der Vater nahm ihn in die Arme. Das bewährte Theaterstück ging in eine neue Saison. Doch schon in der zweiten Woche verspätete Zacharias sich abermals. Wieder ging Jojakim allein ins Bett. Wieder blieb er wach, bis er die Schritte hörte. Wieder dieses Zischen. Und wieder kam der Vater an sein Bett und streichelte ihm den Kopf.
„Habt ihr wieder gefeiert?“, fragte Jojakim.
Zacharias wusste nicht sofort, was sein Sohn meinte. Schließlich nickte er. „Oh ja. Mendelson hat eine Erbschaft gemacht. Das mussten wir feiern.“
Er sprach wieder mit verwaschener Stimme und eine deutliche Fahne umwehte ihn.
„Hast du auch schon einmal eine Erbschaft gemacht?“
„Wie? Oh, nein. Deine Großeltern leben doch noch. Eine Erbschaft kann man nur machen, wenn jemand stirbt.“ Er streichelte seinem Sohn erneut durchs Haar. „Jetzt ist aber Schluss mit der Fragerei mein Großer. Mach jetzt die Augen zu.“
Jojakim tat, wie man ihn hieß. Doch er schlief nicht ein. Er dachte darüber nach, wie es wohl wäre, wenn seine Großeltern stürben und sein Vater etwas erbte. Würden sie dann auch feiern, wo sie doch eigentlich um die Verstorbenen trauern müssten? Über diesen Gedanken schlief Jojakim schließlich doch ein, und als er am nächsten Tag in die Küche kam, war wieder alles beim Alten.
Fast.
Zacharias gab Susanna keinen Kuss, als er sich seinen Kaffee einschenkte. Alles weitere verlief wie gewohnt, doch dieser Moment, als Zacharias sich mit seiner Tasse Kaffee an den Tisch setzte, ohne zuvor…
Die Tage drauf kehrten alle wieder zum gewohnten Muster zurück, doch auf eine seltsame Art und Weise haftete dieses kleine Ereignis an der Realität. Und es kam noch viel schlimmer. Es zog eine giftige Schleimspur durch Jojakims Leben. Immerzu dachte er daran, dass sich seine Eltern nicht geküsst hatten. Und das alles nur, weil Mendelson eine Erbschaft gemacht hatte.
Die Feieranlässe wurden immer zahlreicher. Die Abstände zwischen den Abenden, an denen Zacharias verspätet nach Hause kam, wurden immer kleiner. Und der Schleimklumpen, der den Alltag beschmutzte, wurde immer größer und giftiger, und er schleimte immer größer werdende Bereiche des Lebens voll.
Aus dem Zischen der Mutter wurde irgendwann ein Schreien, dann ein Weinen und zuletzt ein Schweigen. Zacharias kam trotz allem jeden Abend in Jojakims Zimmer und tätschelte ihm den Kopf. Anschließend unterhielten sie sich meist, ehe der Vater ging und Jojakim sich leise in den Schlaf weinte. Er hatte gelernt, stumm zu weinen.
Dieses Theater dauerte an, bis Jojakim sich eines Tages dazu entschloss, sich schlafend zu stellen. Irgendwann öffnete sein Vater nur noch kurz die Tür, um nach ihm zu sehen, bis er auch das ließ.
Dann entdeckte Jojakim eines Tages die Waffe.
Es war ein ziemlich alter Revolver mit Rostflecken und Kratzern im matt glänzenden Metall. Der Sechsschüsser lag in der Schreibtischschublade seines Vaters, in der Jojakim nach einem Blatt Papier gesucht hatte.
Neugierig nahm er sie in die Hand. Im echten Leben hatte er noch nie eine Waffe gesehen, sondern nur im Fernseher. Der Revolver lag schwer in seiner kleinen Kinderhand. Jojakim hob ihn hoch und zielte auf die alte Wanduhr. Plötzlich ging die Tür auf und seine Mutter kam herein. Vor Schreck ließ Jojakim die Waffe fallen. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie zu Boden.
„Großer Gott, Jojakim, was machst du denn da?“
Susanna kam hereingestürmt und hob die Waffe auf.
„Die darfst du niemals wieder in die Hand nehmen, hörst du?“, sagte sie streng.
„Ja Mama“, gab Jojakim kleinlaut als Antwort. „Sagst du mir, wieso Papa eine Waffe hat?“
„Was?“ Susanna sah ihren Sohn verwirrt an. „Ja, er hat sie von seinem Vater geschenkt bekommen. Der hat sie aus dem Krieg.“
Susanna legte hektisch die Waffe zurück in die Schublade und schloss sie mit dem Schlüssel ab. Dann steckte sie den Schlüssel in ihre Hosentasche.
„Du musst wissen, dass Waffen sehr gefährlich sein können. Vor allem, wenn man…“
Sie kam nicht weiter, denn Zacharias kam zur Tür rein.
„Was ist denn hier los?“, fragte er, tätschelte Jojakims Haar – was dieser schon seit mehreren Monaten nicht mehr schön fand – und sah seine Frau an.
„Jojakim hat Arons Pistole gefunden“, antwortete Susanna.
„Es ist ein Revolver, das weißt du, oder?“
„Ja Schatz. Ich habe ihn wieder zurück in die Schublade gelegt und abgeschlossen. Wir müssen den Schlüssel verstecken.“
„Warum? Damit Jojakim ihn nicht findet? Was soll denn schon geschehen? Glaubst du, er schießt sich mit dem alten Ding die Rübe weg?“ Zacharias lachte herablassend und streckte auffordernd die Hand aus. „Gib mir den Schlüssel. Ich will dem Kleinen die Waffe zeigen. Er darf keine Angst davor haben.“

Weihnachten ohne dich

Heute gibt es einmal einen etwas ernsteren Text (genaugenommen, läute ich hiermit die Wochen der ernsten Texte ein). Weihnachten steht vor der Tür und alle Familien treffen sich, essen gemeinsam und überreichen einander Geschenke. Doch leider gibt es auch Familien, in denen das nicht mehr möglich ist. Diesen Familien widme ich den folgenden Text.

„Wo zum Henker ist der große Weihnachtsstern?“, hast du immer gefragt. Gefunden hast du ihn nie. Und deshalb haben wir jedes Jahr einen neuen gebastelt. Nach dem Fest wanderte der dann in die Tonne. Du konntest die Hoffnung einfach nicht aufgeben, im nächsten Jahr den Stern deiner Kindheit auf dem Dachboden zwischen all den anderen Kisten zu finden.
Jetzt stehe ich auf den Zehenspitzen und versuche, mit ausgestreckten Armen den neuen Stern am oberen Ende der Tanne zu befestigen. Ich werde ihn nach dem Fest wieder wegwerfen und nächstes Jahr nach dem echten Weihnachtsstern suchen.
Alles scheint wie immer. Doch der Schein trügt, denn obwohl dein Geschenk neben all den anderen unterm Baum liegt, ist seit Wochen nichts mehr wie immer. Früher war es so einfach, für dich ein Geschenk auszusuchen. Jedes Jahr kam eine neue Puppe hinzu, später Bücher oder schicke Schuhe. Als du langsam erwachsen wurdest, hatten dein Vater und ich immer größere Probleme, das passende Geschenk zu finden. Was sollte man einer Tochter schenken, die dank ihres Jobs bereits alles besaß?
Dieses Jahr liegt ein neuer roter Bademantel für dich unter dem Baum. Rot, wie dein Haar. Rot, wie dein Lieblingskleid. Rot, wie dein Auto.
In meiner Brust wächst wieder ein Kloß an, wie in der Nacht, in der du nicht nachhause gekommen bist. Ich habe das Gefühl, mein Herz würde platzen. Nicht vor Freude, sondern vor Schmerz. Dieser nichtendende Schmerz.
Meine Glieder werden wieder taub. Genauso, wie in der Nacht, als du es nicht mehr geschafft hast, deine Schuhe in den Flur zu stellen, als Zeichen, dass du sicher angekommen bist. Als du es nicht geschafft hast, deinen Corsa sicher ans Ziel zu lenken. Wie schon unendliche Male zuvor, die immer gleiche Straße, das immer gleiche Auto.
„Wahrscheinlich ein Sekundenschlaf“, meinte die Polizei. Nach einer schrecklichen Sekunde schläfst du jetzt für immer. Und wir, dein Vater und ich, wir feiern dieses Jahr Weihnachten ohne dich. Das erste von vielen.

Ende

Bärbel und der Kontrollverlust

Ein weiser Mann behauptete einst, es täte gut, seine Figuren die Kontrolle verlieren zu lassen. Ein hochnäsiger Mann entgegnete hingegen, ein solcher Kontrollverlust sei stets nur ein „scheinbarer Kontrollverlust“, da der Autor ja als Gott seiner Welt stehts die Zügel in der Hand halte. Wie dem auch sei. Bärbel hat definitiv die Kontrolle über ihr Leben verloren und ich hatte definitiv keine Zeit, die Geschichte zu überarbeiten. Ich finde sie trotzdem gut. Nicht hervorragend, aber gut. Das muss reichen.

Bärbel erhängte sich vor knapp fünf Minuten. Sie tat dies nicht etwa, weil sie ihres Lebens überdrüssig geworden wäre. Nein, Schuld waren ihre Großmutter (im doppelten Sinne) und in gewisser Weise der Umstand, dass Bärbel vor geraumer Zeit die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte. Aber der Reihe nach.
Alles fing damit an, dass Timo eines Morgens aufwachte und meinte: „Ich will nicht mehr mit dir zusammenleben, du ekelst mich an!“ Sprachs, kochte sich noch einen letzten Kaffee in der kleinen Küche und verließ für immer Bärbels Leben.
Bärbel war wie vor den Kopf gestoßen. Sie rief Tanja an und Jenny und Barbara, doch niemand hatte Zeit für sie. Laura teilte ihr sogar mit, sie wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und so blieb Bärbel nichts anderes übrig, als vor lauter Zorn das gesamte Mobiliar der Küche zu Kleinholz zu verarbeiten.
Gerade als sie mit der Spüle beschäftigt war (das verdammte Ding war überaus widerstandsfähig), kam Bärbels Großmutter Ingeborg zur Tür herein.
„Aber Schätzchen, wie sieht es denn hier aus? Wurde bei euch eingebrochen?“
Bärbel, die bei all dem Aufstand keine Träne vergossen hatte, schüttelte mit dem Kopf. „Das war ich. Weil ich wütend bin.“
„Aber auf wen bist du denn wütend?“, fragte die Oma.
„Auf alle. Und am meisten auf Timo. Der Drecksack hat mich heute Morgen verlassen. Einfach so. Er hat gemeint, ich sei zu eklig!“ Bärbel redete sich jetzt in Rage. Sie schrie beinahe. „ZU EKLIG! STELL DIR DAS DOCH MAL VOR!“
Ingeborg, die noch nie viel von Timo gehalten hatte, versuchte ihre Enkelin zu beruhigen. „Jetzt komm erst mal runter. Weißt du was, ich koch uns mal einen Tee. Der beruhigt die Nerven.“
Ingeborg nahm den Wasserkocher, der unter den Trümmern des Hängeschranks lag, und füllte ihn mit Wasser. Es dauerte einen Moment, bis das Wasser heißt genug war. Während sie wartete, räume Ingeborg das Schlachtfeld auf. Ganz mechanisch, so wie sie es immer getan hatte, wenn sie irgendetwas in Unordnung vorgefunden hatte.
Mit ihren Tees gingen sie nach nebenan ins Wohnzimmer, das Bärbel sich für eine mittägliche Ausrasterrunde aufgespart hatte. Sie setzten sich auf das kleine Sofa und Ingeborg zauberte aus ihrer Handtasche ein Garn Wolle und zwei Stricknadeln und begann zu stricken. Dabei plapperte sie drauf los.
„Weißt du, vielleicht kannst du diese Situation auch als einen Neuanfang betrachten. Ich mochte den Knaben ja nie so wirklich. Und jemand wie du, der findet doch bestimmt schnell einen neuen. Wie heißt es doch so schön: Es gibt für jeden Topf einen Deckel.“
Bärbel sagte zu all dem nicht, sondern starrte nur fasziniert auf die schnell hin und her huschenden Stricknadeln und den darunter entstehenden Schal.
„Darf ich das auch mal probieren?“, fragte sie.
Ingeborg, die zunächst nicht verstand, was ihre Enkelin meinte, sagte nur: „Gerne. Pass aber auf, dass du die Maschen nicht verlierst.“
Es war einer dieser Augenblicke, in denen man feststellte, dass es Dinge gab, die man nie verlernte, wie etwa das Fahrradfahren. Ganz offensichtlich gehörte Stricken auch dazu. Bärbel fing erst vorsichtig und in einem Tempo, das man wahrhaftig als Schneckentempo bezeichnen konnte, an, die einzelnen Maschen zu knüpfen. Dann wurden ihre Bewegungen immer schneller, bis sie beinahe das Tempo ihrer Großmutter erreichte.
Sie strickte und strickte und strickte und vergaß so fast, dass ihre Großmutter zu Besuch war. Erst, als sie innehalten musste, weil ihr nun doch eine der Maschen von der Nadel gefallen war, wurde ihr klar, dass sie die letzten zwei Minuten gestrickt hatte, ohne ein Wort zu sagen, ohne zornig zu sein, ohne an Timo zu denken.
„Kann ich das behalten?“, fragte sie und ihre Großmutter nickte.
„Ich geh dann jetzt mal. Wenn du noch einmal jemanden zum Reden brauchst, melde dich bitte bei mir.“
Doch Bärbel hörte schon nicht mehr zu. Sie war wieder ins Stricken vertieft.

Am Nachmittag war die mitgebrachte Wolle der Großmutter aufgebraucht. Deshalb ging Bärbel in den örtlichen Handarbeitsladen und kaufte sich einen riesigen Berg an Wolle.
Wieder zu Hause angekommen, strickte sie wie wild drauf los. Sie versuchte sich an einem Topflappen, einem Pullover, Socken, Legwarmern und dergleichen, stellte jedoch schnell fest, dass sie am besten Schals stricken konnte. Und so strickte sie einen Schal nach dem nächsten. Breite Schals, lange, kurze, Rundschals, welche mit Fransen, gestreifte, einen mit ihrem Namen und noch viele mehr. Sie strickte die ganze Nacht durch. Die fertigen Schals hängte sie über Stühle, Sessel und an die Kleiderhaken ihrer Garderobe und als all diese Stellen besetzt waren, hängte sie die neuen Schals in den Türrahmen auf oder an die Deckenlampen.

Am nächsten Morgen – Bärbel hatte durchgängig gestrickt – stellte Ingeborg fest, dass sie ihre Stricknadeln brauchte. Sie griff zum Telefon und rief ihre Enkelin an. Bärbel schreckte aus ihrer Stricktrance auf und eilte zum Telefon. Um den Hörer hatte sich jedoch ein Schal gewickelt, der offenbar ein Eigenleben entwickelt hatte, und deshalb musste Bärbel kräftig ziehen. Als sie es endlich schaffte, den Telefonhörer aus der Umklammerung des Schals zu befreien, kam sie durch den plötzlichen Ruck ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und stolperte in einen grünrotgepunkteten Schal, der es sich zwischen zwei Deckenlampen gemütlich gemacht hatte. Bärbel fiel so ungeschickt, dass sie sich mit dem Hals im Schal verhedderte und jetzt da hing, wie ein zum Tode verurteilter Schwerverbrecher.
So hing sie fünf Minuten und hätte Timo nicht, als er sie Hals über Kopf verlassen hatte, seine Zahnbürste vergessen, würde diese Geschichte wirklich eklig enden.

Ende

Spiel mir das Lied vom Brot

Vorletzte Woche war Wortwitzwoche. Heraus kam dieser wundervolle Text. Ach ja: Der Titel stammt von Lutz.

Karl lag der Käse noch schwer im Magen. Er hätte die Finger davon lassen sollen, aber wenn er eines aus der Vergangenheit gelernt hatte, dann dass er nichts aus der Vergangenheit lernte. Und so hatte er sich mal wieder den Bauch mit Bergkäse vollgestopft und lag jetzt mit üblen Bauchschmerzen in der Ecke der Stube und wünschte sich nichts mehr als einen Chirurgen, der ihm den Käse operativ entfernte.
Karl gegenüber saß Luis und knapperte an einem Stück Speck. Er war so fett, dass er kaum noch durch die schmalen Ritzen in der Wand passte. Wäre er nicht so behände, er wäre Piet, dem ollen Kater schon mehrfach zum Opfer gefallen.
„Ich will nicht mehr leben“, stöhnte Karl. Er rechnete nicht mit einer Antwort. Die einzige Äußerung, die von Luis zu erwarten war, wäre ein Rülpser gewesen. Umso erstaunter war er, als er dennoch eine Antwort bekam.
„Sag doch sowas nicht. Du weißt nie, wie schnell sich ein solcher Wunsch erfüllt.“
Die stimme kam von der Tür – einem gefährlichen Areal, in dem sich nur die mutigsten aufhielten. Karl drehte sich langsam um. Sein Magen rebellierte bei jeder Bewegung. Er hatte sich die Stimme nicht eingebildet. Dort an der Tür stand tatsächlich jemand. Es war Hank, den alle schon für tot gehalten hatten, da er vor drei Tagen verschwunden war.
„Hank, bist du es?“, fragte Karl. „Du lebst?“
„Auferstanden von den Toten, wie der olle Jesus.“
Hank durchquerte den Raum und setzte sich neben Karl auf den Boden.
„Du siehst aber gar nicht gut aus, mein Freund. Hast du wieder mal zu viel am Käse genascht?“
„Bergkäse“, stöhnte Karl. Mehr als ein Stöhnen brachte er nicht heraus. „Der gottverdammte Bergkäse ist schuld.“
„Nein“, widersprach Hank, „du bist schuld. Du allein. Du lernst es eben nie. Und man sollte nie mehr essen, als man vertragen kann. Sieh dir Luis an.“ Er deutete auf Luis, der mittlerweile den Schlaf des Überfressenen schlief. „Der kennt kein Maß. Willst du so enden, wie er? Dick und rund und glücklich?“
„Ich wäre schon gerne glücklich, aber eben ohne diese Bauchschmerzen.“
Karl fühlte, wie sich ein großer kantiger Brocken Käse seinen Weg aus dem Magen nach oben bahnte. Wenn er jetzt auch noch kotzen musste, könnte er sich auch gleich erschießen lassen.
„Glück wird überbewertet. Momentanes Glück jedenfalls. Stell dir nur vor, du bist jetzt total glücklich, aber im nächsten Moment tot. Was bringt dir dein Glück dann noch?“ Hank sah Karl jetzt tief in die Augen. „Ich denke, man ist im Großen und Ganzen glücklicher, wenn man lange lebt und dafür jeden Tag nur ein bisschen glücklich ist.“
„Das klingt schon irgendwie logisch“, sagte Karl, „doch im Moment würde ich alles dafür geben, wenn diese Bauchschmerzen aufhörten. Wirklich alles. Ich würde mein Leben dafür riskieren.“
„Wirklich? Würdest du wirklich dein Leben dafür riskieren?“, fragte Hank und senkte seine Stimme. „Ich weiß nämlich, wo es die Lösung für dein Problem gibt. Aber dort ist es verdammt gefährlich.“ Er sprach jetzt noch leiser, so dass Karl große Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Ich war nämlich gar nicht tot, verstehst du? Ich war nur nebenan. In der Todeszone. Und was soll ich sagen. Dort ist es himmlisch. Geradezu paradiesisch.“
Karl konnte nicht glauben, was sein Gegenüber ihm da erzählte.
„Du warst in der Todeszone? Wie lange? Wie sieht es da aus? Ist es dort wirklich so gefährlich?“, sprudelte es aus ihm heraus.
„Scht. Bist du wohl leise? Wenn der Fette mitkriegt, dass ich dort war, ist es vorbei mit meinem Geheimnis.“
„Welches Geheimnis?“, fragte Karl.
„Das wüsstest du wohl gerne“, antwortete Hank. Er machte eine Pause und endlich redete er weiter. „Also schön, aber du musst versprechen, es niemandem zu sagen.“
Karl nickte. Dann sagte er schnell: „Ich schwöre, ich werde es niemandem erzählen.“
Hank holte noch einmal tief Luft, dann erzählte er alles.
„Alles, was du über die Todeszone weißt, ist falsch. Es gibt dort keine Gefahren. Keine Fallen, keine Monster, nichts von alledem. Stattdessen ist es dort einfach himmlisch. Überall gibt es Essen und Trinken. In großen Mengen. Soviel könnte nicht einmal der fette Luis verputzen.“
Karl kam aus dem Staunen nicht mehr raus.
„Und das Beste ist das Brot. Es gibt unendlich viel Brot. Das schmeckt viel besser, als der alte vergammelte Käse und der schimmlige Speck, den man hier zwischen den Ritzen finden kann. Herrliches, duftendes Brot.“
Karl hatte seine Bauchschmerzen vergessen. Plötzlich hatte er Hunger. Er hatte Lust auf Brot.
„Führst du mich dahin? Zeigst du mir, wo es das Brot gibt?“, fragte er.
Hank schüttelte den Kopf. „Ich muss mich ausruhen von meiner langen Reise. Aber ich kann dir den Weg verraten.“
„Oh ja, das wäre super!“, rief Karl und verstummte sofort. Der dicke Luis hatte einen Laut von sich gegeben. Er durfte nichts von dem Essen in der Todeszone mitbekommen, sonst …
„Du gehst durch die Tür und direkt danach musst du dich links halten. Immer links an der Wand entlang. Am Ende des Raumes gibt es eine zweite Tür. Wenn du Glück hast, steht sie offen. Wenn nicht, musst du dich verstecken und abwarten, bis jemand sie öffnet. Hinter dieser Tür ist der Lagerraum. Dort ist all das Brot und das Obst und das Fleisch.“
Karl lief das Wasser im Mund zusammen. Seine Bauchschmerzen waren auf magische Art und Weise wie weggeblasen.
„Ich muss sofort dort hin. Ich muss, ich muss, ich muss.“
Hank lachte. „Aber lass mir was übrig.“ Dann wurde er wieder ernst. „Und zu niemandem ein Wort. Haben wir uns verstanden?“
Karl nickte nur noch, dann lief er auf die Todeszone zu.
Hank legte sich in eine bequeme Position und schloss die Augen. Sein letzter Gedanke, bevor er in tiefen Schlaf abtauchte, war: „Eigentlich ist es schade um ihn. Er war ein so netter.“

Ende

Die Linie

Letztens gab ich Lutz den Titel „Die Linie“ vor. Weil mir gerade mal langweilig war, habe ich ebenfalls eine Geschichte zu diesem Titel geschrieben. Hier ist also mein Text.

Könnt ihr sie auch sehen? Diese feine, dünne Linie, die alles trennt? Das Leben vom Tod, die Liebe vom Hass, Recht von Unrecht, die Ordnung vom Chaos. Ich sehe sie seit ungefähr fünf Jahren. So genau weiß ich das nicht mehr, da ich jegliches Zeitgefühl verloren habe. Hier unten im Keller des Krankenhauses, wo die hoffnungslosen Fälle landen, verschwindet die Zeit. Sie zerfließt langsam zwischen Doppelschichten und Stress und zu kurzen Wochenenden.
Ich glaube, die Linie sieht für jeden anders aus. Irgendwie scheint sie von ihrem Betrachter abhängig zu sein. In meinen Augen hat sie einen lilafarbenen Schimmer. Meist verläuft sie geradlinig, oder elegant geschwungen. An manchen Tagen ist sie weit entfernt und kaum zu sehen. An anderen Tagen verläuft sie keine zwei Meter entfernt von mir. Immer geradeaus. Immer schön zwischen den Dingen. Hier ist alles in Ordnung, jenseits der Linie tobt ein Sturm, der alles ins Chaos stürzt. Hier bei mir geht es all meinen Patienten gut. Drei Zimmer weiter sterben einer Schwester Zwillinge unter den Händen weg.
Die Linie ist beständig. Nur manchmal, wenn die eine Seite versucht, in den Bereich der anderen hineinzugreifen, kräuselt sie sich leicht, wie die sanften Wellen an den Ufern eines Sees. Wenn Politiker oder Polizisten, die die Schwächsten schützen sollten, sich auf die Seite der Starken schlagen und die Schwachen unterdrücken, wenn Junge Mütter von Drogendealern erschossen werden, wenn der Mann, der seine Frau eigentlich über alles liebt, eine Affäre mit der Nachbarin hat.
Ich denke, dass alle Menschen dieses Kräuseln wahrnehmen und dass jeder versucht, den richtigen Zustand wieder herzustellen, die Wogen zu glätten, die Linie zu beruhigen. Ich habe mich schon oft gefragt, was Menschen dazu bringt, die Linie absichtlich zu übertreten. Bis heute. Seit heute weiß ich, was mich dazu bringen wird, all das aufzugeben, was mir wichtig – heilig – ist.
Ich stehe am Bett von Janina. Sie hat eine schlimme Operation an ihrer Lunge hinter sich. Ihre Welt ist gerade dabei, sich wieder zu ordnen. Doch im Nachbarzimmer liegt mein Sohn Lukas und wartet auf eine gesunde Niere. Janina käme laut Krankenakte als Spenderin in Frage. Ich sehe noch einmal auf ihre Akte, auf ihre geschlossenen Augen, den Überwachungsmonitor, auf dem ebenfalls eine dünne Linie zuckt. Auf und ab. Immer im Takt ihres Herzens. Dann sehe ich über meine Schulter. Draußen im Flur schimmert sie, die dünne lilafarbene Linie.
Ich nehme die Spritze und injiziere Janina Luft in die Venen. Die Linie auf dem Monitor beginnt zu zucken. Schneller, immer schneller. Die Linie hinter mir kräuselt sich. Jetzt wogt sie vor und zurück, auf und ab, wie die Wellen eines Ozeans. Sie kommt immer näher und näher und ich spüre, wie etwas in mir zerreißt, als ich sie übertrete.

Ende

© 2020 David schreibt

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