Have a break, write a book

Monat: Januar 2020

Der Maulbeerbaum – 5

Es folgt das Finale. Während ich die Geschichte geschrieben habe, habe ich mich dazu entschlossen, alles gut ausgehen zu lassen. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Von den knapp 66000 Wörtern sind nach einer ersten Überarbeitung noch knapp 55000 übrig geblieben. Jetzt warte ich gespannt auf die Rückmeldung meiner Testleser.)

Zacharias sah Gott sei Dank in eine andere Richtung und so konnte Jojakim in unbemerkt beobachten. Zacharias ging schnellen Schrittes die Straße entlang und Jojakim folgte ihm. Es schien, als gingen sie ziellos durch die Stadt, doch sie näherten sich unwillkürlich dem Stadtrand. Jojakim war schon früher einmal mit Thomas dort draußen gewesen. Er wusste, was kommen würde, wäre nichts weiter als eine staubige Wüste. Was um alles in der Welt wollte sein Vater dort? Jojakim wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias sich plötzlich umdreht, ihn sah und ungläubig fragte: „Jojakim, bist du das?“
Jetzt zählte es. Jojakim spürte alle Reaktionen seines Körpers auf einmal. Sein Herz raste, Schweiß bildete sich auf seinen Händen, in seinen Ohren dröhnte ein lautes Summen, ihm wurde schwarz vor Augen. Es kostete ihn einiges an Kraft, sich nicht hinknien zu müssen, standhaft zu wirken. Er räusperte sich, ehe er mit seiner rechten Hand nach hinten in den Hosenbund griff und nach der Waffe tastete. Sie lastete schwer in seiner Hand, wie damals die Waffe seines Vaters.
„Ich bin gekommen, um das zu tun, was du früher nie geschafft hast.“
Er zog die Waffe und richtete sie auf seinen Vater.
„Ich werde dich erschießen. Hier auf dieser Straße. Ich werde das tun, was du hättest tun sollen.“
„Jojakim, nein!“, schrie sein Vater, doch Jojakim wollte nichts hören. Er wollte nur noch das loswerden, was ihm seit seiner Kindheit auf der Seele brannte, und dann wollte er endlich einen Schlussstrich ziehen.
„Wieso hast du mich und Mama damals so gequält, anstatt einfach dich selbst zu töten? Du mit deiner Sauferei! Jeden Abend warst du blau und deine Augen sagten ‚Ich will nicht mehr‘. Wieso hast du es denn dann nicht einfach selbst getan? Stattdessen musstest du mich quälen!“
„Jojakim, ich bitte dich. Lass uns über alles reden. Ich wollte das doch alles nicht!“
Jojakim wurde übel. Er spuckte auf den dreckigen Straßenboden, die Waffe immer noch auf seinen Vater gerichtet.
„Halt dein dummes Maul!“, schrie Jojakim und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
„Ich…ich wollte das nicht“, schluchzte Zacharias und sank auf die Knie. So hatte Jojakim sich das Treffen vorgestellt. Jetzt würde er es beenden. Er würde jetzt…
„Wir hatten nie etwas zu feiern.“
Jojakim verstand zunächst nicht, was sein Vater meinte. Doch dann erinnerte er sich an die Vaterschaft des Einen und die Erbschaft des Anderen und an all die anderen fadenscheinigen Gründe deretwegen sein Vater betrunken nach Hause gekommen war.
„Ich wollte nie so sein, wie mein Vater, glaub mir. Er war grausam. Die Waffe war von ihm.“
Jojakim hatte Mühe, den Satzfragmenten seines Vaters einen Sinn zu entnehmen. Je länger er zuhörte, desto mehr wurde ihm klar, dass hier auch er sprechen könnte. Die Waffe des grausamen Vaters. War es möglich, dass er die gleichen Fehler beging, wie sein Vater? Aber er war doch im Recht. Ihm war Unrecht getan worden. Er war im Recht!
„Er hat immer gesagt, er brauche sie, um sich gegen die Nazis zu schützen. Bloß gab es bei uns gar keine Nazis. Es gab nur ihn, Mutter, meine Schwester und unseren Nachbarn. Der war ein kleiner netter Palästinenser und eines Morgens lag er mit einem Loch im Kopf auf dem Hof. Mein Vater zwang mich, ihn hinterm Haus zu vergraben. Er zielte mit der Waffe auf mich, während ich das Grab aushob.“
In Jojakims Kopf blitzten Bilder auf. Sein Vater, wie er ihm die Waffe an die Stirn hält. Seine Mutter, wie sie weint. Seine Mutter, wie sie das Bügeleisen nach ihrem Mann wirft.
„Er hat mich gezwungen, seinen Mord zu vertuschen.“
Jojakim sah, wie schwer es seinem Vater fiel, all das zu erzählen. Er sah, wie es auch ihm Schmerzen bereitete, all den Schrecken erneut zu durchleben.
„Jeden Abend hat er mich geschlagen, hat mir den Lauf der Waffe an die Stirn gehalten. Einmal hat er ihn mir in den Arsch geschoben!“
Zacharias weinte jetzt hemmungslos und Jojakim kämpfte weiter gegen das Gewicht der Waffe an.
„Ich habe ihn gehasst und eines Tages habe ich ihn mit seinem eigenen Revolver erschossen!“
Jojakim erinnerte sich an Micha, der behauptet hatte, Aron sei nicht sein Großvater.
„Ich rannte weg, verlor mein halbes Leben. Und jeden Tag schwor ich mir, nie so zu werden wie mein Vater. Jeden Tag diese Qualen.“
Jojakim senkte die Waffe. Sein Vater sah ihn schon lange nicht mehr an. Er redete vielmehr zu sich selbst.
„Und dann traf ich deine Mutter. Sie hat mir das Leben gerettet. Und Aron, der mich zu sich aufnahm, mich wie seinen eigenen Sohn behandelte.“
Zacharias hatte aufgehört zu weinen. Er starrte nur weiter ins Leere und beichtete sein Leben.
„Wir waren glücklich. Ich war glücklich. Das erste Mal in meinem Leben war alles gut. Und dann kamst du. Du warst ein Engel. Alles war so gut. Wir hatten dich. Wir hatten uns. Und ich hatte Arbeit. Alles war so gut, bis…“
Zacharias machte eine Pause. Jojakim hob den Revolver wieder an. Vor lauter Anspannung tat ihm der Arm weh. „Wieso erschießt du ihn denn nicht gleich?“, fragte er sich. Doch er kannte die Antwort. Er musste mehr über seinen Vater erfahren.
„Wir stellten Konservendosen her. Das haben sie uns immer gesagt. Und wir Trottel haben es geglaubt. Wir haben jeden Tag die Maschinen eingeschaltet und gewartet und das neue Material angeschafft und uns nie gefragt, was wir da eigentlich taten. Wir stellten Konservendosen her. Wenn ich nicht lache.“ Zacharias lachte verächtlich. Dann sprach er weiter. „Eines Tages belauscht Ruben ein Gespräch der Chefs. Er faselt irgendwas von Kriegsgeräten, die wir angeblich bauen. Ich lache ihn aus, doch der Zweifel ist gesät und so brechen wir in das Büro des Chefs ein und finden Pläne von Bomben. Bomben, die Menschen töten. Und uns wird klar, dass wir für die Tode unzähliger Menschen verantwortlich sind und wir können mit dieser Schuld nicht leben und so betrinken wir uns. Und jeden Morgen, den ich aufgewacht bin, sehe ich die verkohlten Leichen der Bombenopfer vor mir und dann sehe ich deine Mutter und dich und alles ist wieder gut und auf der Arbeit rieche ich verbranntes Fleisch und höre dumpfe Explosionen und laute Schreie und ich halte es nicht aus und trinke wieder, bis ich nichts mehr wahrnehme.“
Zacharias drehte seinen Kopf und sah Jojakim jetzt wieder in die Augen. Dem war die Waffe nun doch zu schwer geworden und so hatte er die Hand gesenkt.
„Es tut mir alles so leid!“
Mehr hörte Jojakim nicht mehr. Er ließ die Waffe fallen und drehte sich um. Er rannte so schnell er konnte. Fort von seinem Vater, fort von der Stadt. Er rannte, bis ihm die Lunge brannte und er sich vor Schmerzen beinahe übergeben musste. Als er endlich stehen blieb, hatte er die Stadt weit hinter sich gelassen. Hier draußen war nicht mehr außer Fels und Sand.
Und ein Maulbeerbaum.
Jojakim ging zu dem Baum und setzte sich in den Schatten. Sein Herz hämmerte immer noch, doch dieser Ort, dieser kleine schattige Fleck, brachten ihn auf eine seltsame Art zur Ruhe.
„Es war gut, die Waffe zu senken.“
Jojakim dachte über diesen Satz nach. Er weinte, da er versagt hatte. Er hätte seinen Vater gleich erschießen sollen. Er hätte sich nicht von ihm zuschwallen lassen dürfen.
„Es ist immer besser, einander zu vergeben.“
Jojakim war sich nicht sicher, ob er seinem Vater wirklich vergeben hatte, oder ob ihm am Ende einfach der Mut gefehlt hatte. Er hätte doch einfach nur…
„Rache ist niemals gerecht. Ebenso wie die Gnade.“
…abdrücken sollen. Eine kleine Bewegung seines Zeigefingers hätte ausgereicht. Wieso hatte er es nicht tun können? Wieso?
„Weil du etwas in den Augen deines Vaters gesehen hast.“
Er hatte gesehen, dass sein Vater einst er gewesen war. Und er würde werden wie sein Vater. Beladen von der Schuld. Und es würde kein Entkommen geben. Selbst dann nicht, wenn er ein neues Leben anfing. Er würde nie ohne seine Vergangenheit leben können. Aber er würde auch nie in einer Zukunft leben müssen, in der er seinen Vater erschossen hatte. Alles, was er tun musste, war aufstehen und in dieses neue Leben gehen. Doch Jojakim war zu müde, und so beschloss er, dass er noch eine kurze Weile unter dem Maulbeerbaum sitzen bleiben würde. Sein neues Leben konnte nicht einen kurzen Moment warten.

Ende

Der Maulbeerbaum – 4

Es geht auf die Zielgerade. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Es leben jetzt noch ca. 62000 Wörter.)

Es war ein heißer Nachmittag und Jojakim schlenderte mit Mariam Hand in Hand durch die Straßen. Sie liebten beiden die kleinen Seitengassen viel mehr als die überlaufenen Hauptstraßen. Gerade hatte Jojakim in einem kleinen Laden eine Holzschnitzfigur für seinen Sohn gekauft – Mariam trug ihn auf den Rücken gebunden –, da sah er ihn. Jojakim konnte seinen Augen nicht trauen, als er den Mann, der ihn als kleiner Junge so gequält, und den er dennoch so geliebt hatte, in einem kleinen Café sitzen sah. Zacharias hatte eines Tasse Espresso, wie in die Südeuropäer bevorzugen, vor sich stehen. Jojakim wollte gerade Mariam auf seinen Vater aufmerksam machen, als er neben sich ein Klirren vernahm. Es klang, als sei eine kleine Porzellantasse zu Boden gefallen, oder als habe eine dünne Glasscheibe auf einmal einen Sprung bekommen. Jojakim drehte sich zu Mariam um und erstarrte, als er sah, wie sie wie ein Scherbenhaufen in sich zusammenfiel und sogleich fielen die Schuppen von seinen Augen und er erkannte, dass sein Leben, wie er es kannte, nichts weiter war als ein immer wieder und wieder geträumter Traum. Sein Sohn Moses hatte sich schon in Luft verwandelt und ganz langsam, wie in Zeitlupe, verschwand nun auch Mariam. Die einzelnen Scherben zerfielen zu Staubkörnern, die der Wind davontrug. Jedes Detail ihres makellosen Körpers, dass er sich in den letzten Jahren ausgemalt hatte, verblasste zu nichts, zu einer Erinnerung an ein Leben, dass nie eines gewesen war. Alles, was jetzt noch war, war sein Vater Zacharias, der – ohne es zu wissen – ein weiteres Mal Jojakims Leben zerstört hatte.
Dafür musste er büßen.
Jojakim wollte mit heiligem Zorn auf ihn zu rennen und ihm am liebsten den Schädel einschlagen, doch der gleiche Zorn, der ihn wünschen ließ, seinen Vater zu töten, hielt ihn nun zurück. Wie gelähmt stand Jojakim an der Kreuzung und beobachtete den Mann, der ihm alles genommen hatte. Er würde ihn töten, das stand fest. Aber er würde es nicht jetzt tun. Er würde warten und es zu gegebener Zeit tun. Vorher würde er herausfinden, wo sein Vater lebte.
Jojakim stellte sich so hinter eine Hausecke, dass er vom Café aus unmöglich zu sehen war. Immer wieder schielte er um die Ecke, um nachzuschauen, ob sein Vater noch dort säße. Als dieser nach einer Zeit, die Jojakim wie ein Jahr vorkam, endlich aufstand, folgte Jojakim ihm. Er ließ immer genügend Abstand zu seinem Vater und es gelang ihm, herauszufinden, wo er wohnte, ohne bemerkt zu werden.
Zacharias wohnte in einem heruntergekommen Häuserblock, in dem viele ehemalige Sträflinge untergebracht wurden. Jojakim merkte sich die Hausnummer. Er würde sich zunächst überlegen, wie er seinen Vater umbringen wollte. Dann würde er wiederkommen und darauf warten, dass sich eine günstige Gelegenheit ergab.
Er wandte sich von dem Haus seines Vaters ab und schlug die Richtung zu seinem Heim ein. Auf dem Weg dort hin schlenderte er wieder durch die engen Gassen, stets in der Hoffnung, einen klaren Kopf zu bekommen. Und in der Hoffnung, dort Mariam zu begegnen. Er wollte sein altes Leben wiederhaben. Wenigstens eines der beiden.
Als er an einem Kramladen vorbeikam, wurde er stutzig. Im Schaufenster waren einige der Waren ausgestellt. Darunter auch ein alter Revolver, den wohl einmal jemand bei einem Pfandleiher eingelöst hatte. Es war nicht exakt das Model, mit dem sein Vater ihn früher immer gequält hatte, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Jojakim blieb vor dem Schaufenster stehen und sah interessiert nach dem Preis, obwohl im klar war, dass niemand ihm eine Waffe verkaufen würde. Aber er musste sie ja nicht kaufen. Er musste nur schnell genug sein. Und das Terrain kannte er wie kein zweiter. Zu oft war er mit Mariam…
Er betrat den Laden. Man konnte von hinten ins Schaufenster greifen. Lediglich ein wackliges Regal trennte das Fenster vom Innenraum des Ladens ab. Jojakim sah sich im Laden um. Es waren keine Kunden da und der Verkäufer saß gemütlich hinter seinem Tresen und las in einer Zeitung. Jojakim holte tief Luft. Dann stieß er das Regal um, griff blitzschnell nach der Waffe und rannte aus dem Geschäft nach draußen. Vor der Tür prallte er gegen eine alte Frau, die soeben die kleine Treppe hochstieg. Das alles ging so schnell, dass der Verkäufer nicht einmal die Zeit hatte, laut aufzuschreien und hinter Jojakim herzurennen.
Draußen war die Luft immer noch drückend heiß und Jojakim musste schon nach ein paar Metern keuchend nach Luft schnappen. Er zwang sich, nicht zu rennen, sondern nur zügig zu gehen. Dabei bog er jede zweite Straße ab, um so eventuelle Verfolger in die Irre zu führen. Doch niemand folgte ihm. Und so kam er eine knappe Stunde später im Heim an.
Er ging hinunter in den Keller und versteckte die Waffe hinter einem Stapel Gerümpel. Jetzt musste er nur noch an Munition kommen. Doch er wusste schon, wo er sich die beschaffen konnte. Der einzige, von dem er wusste, dass er eine Schusswaffe besaß, war der Heimleiter Achmet. Der alte Kauz hatte immer behauptet, die brauche er, um sich gegen die wirklich üblen Typen – er hatte ihnen nie gesagt, wen er damit meinte – zur Wehr zu setzen. Das einzige Problem war, dass Jojakim dazu in Achmets Büro einbrechen musste. Sollte er dabei erwischt werden, flöge er direkt aus dem Heim, ohne die Gelegenheit, seine sieben Sachen zusammenzupacken. Er durfte einfach nicht erwischt werden.
Während des Abendessens tat er so, als sein ihm speiübel. Er erbat sich, zur Toilette gehen zu dürfen.
„Komm aber sofort wieder“, rief ihm der Pfleger noch hinterher.
Jojakim ging nicht zur Toilette, sondern schlich die alte Treppe nach oben zu Achmets Büro. Die Holzdielen knarzten bei jedem Schritt und Jojakims Herz pochte so laut, wie es zuletzt bei seinem ersten Kuss gepocht hatte. Nur, dass die hier real war. Realer.
Die Tür zu Achmets Büro stand offen, so dass er noch nicht einmal einbrechen musste. Er huschte in das kleine Büro und schloss die Tür hinter sich. Er hatte nur Gerüchte gehört, Achmet besäße eine Pistole, wusste aber weder, um welchen Typ es sich handelte – genau genommen, war er sich noch nicht einmal darüber im Klaren, dass es verschiedene Munitionstypen gab – noch wo die Waffe deponiert sein würde. Mit der Hoffnung, dass alle Männer ihre Waffen so unvorsichtig lagerten wie sein Vater, öffnete Jojakim die Schreibtischschublade. Achmets Schublade war ebenfalls nicht verschlossen. Doch sie enthielt keine Pistole. Jojakim wollte sie schon enttäuscht wieder schließen, als er die Patronen sah. Es waren zwei. Hastig nahm er sie beide und steckte sie in seine Hosentasche. Dann eilte er aus dem Büro und ging leise nach unten in den Speisesaal zurück.
„Das hat aber ziemlich lange gedauert“, sagten die anderen und Jojakim antwortete mit Schweigen. Er setzte sich stumm wieder an seinen Platz und aß brav seine Falafel.
Vor lauter Aufregung bekam er kaum einen Bissen herunter. Er war sich jetzt sicher, dass er morgen seinen Vater erschießen würde. In nicht einmal vierundzwanzig Stunden würde er den Mann töten, der…
„Erde an Jojakim!“
Achmet rüttelte ihn an der Schulter und Jojakim sackte das Herz in die Hose. Wie hatte Achmet nur so schnell feststellen können, dass er bei ihm eingebrochen war?
„Du bist heute dran mit Tischabwischen. Mach verdammt nochmal schnell, heute wird früh geschlafen!“
Jojakim nickte nur. Dann stand er langsam auf, nahm sich den Eimer und den Lappen und wischte über die Tische. Er tat dies gründlich, wollte er doch keinen weiteren Ärger provozieren. Nach zehn Minuten war er fertig. Er ging hoch in sein Zimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Er schloss die Augen, konnte jedoch nicht einschlafen. Das erste Mal seit Jahren lag er allein in dem Bett, dass er mit seiner Frau geteilt hatte. Er versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, doch was früher so gut funktioniert hatte, wollte einfach nicht klappen. Es gelang Jojakim nicht, wieder in seine Welt abzutauchen, aus der Realität aufzutauchen.
Immer wieder ging er den morgigen Tag durch und über dem sich wiederholenden Pläneschmieden schlief er doch endlich ein.
Der nächste Morgen weckte ihn mit freundlichen Sonnenstrahlen. Jojakim stand leise auf, zog sich an und verließ das Zimmer, ohne einen der anderen Jungen zu wecken. Er schlich hinunter in den Keller und holte die Pistole aus ihrem Versteck. Jojakim lud die zwei Patronen in die Trommel – sie passten tatsächlich – und schob sich den Revolver unter seinem T-Shirt in den Gürtel. Er kam sich vor wie einer der Gangster aus den Filmen, die er zusammen mit Miriam…
Jojakim verließ das Heim und ging zielstrebig auf das Haus seines Vaters zu. Dort stellte er sich an die gegenüberliegende Straßenecke und behielt die Tür im Auge. Er wartete. Nach einer Stunde schmerzten seine Füße, so dass er sich auf den noch kalten Steinboden setzte. Als ihm schließlich beide Beine einzuschlafen drohten, stand er wieder auf und trat von einem Bein aufs andere. Während er so seine Konzentration hochhielt, ging er immer wieder aufs Neue die Konfrontation mit seinem Vater durch. Sollte er ihn zuvor noch zur Rede stellen? Oder sollte er ihn einfach hinterrücks niederschießen? Er war sich sicher, dass er ihm zuvor noch in die Augen blicken wollte. Es war der Augenblick, auf den er jetzt schon so viele Jahre wartete.
Jojakim wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias zur Tür heraustrat.

Der Maulbeerbaum – 3

Bevor es mit dem Maulbeerbaum weitergeht, gibt es eine kurze Wasserstandsmeldung zum neuen Roman: Ich war damit beim Metzger (oder Schlächter, wenn man so will). Es wurden in einer vierstündigen Session alle überflüssigen Fettschichten entfernt. Das komplette Ende wurde durch den Fleischwolf gedreht. Jetzt muss ich alles erst einmal wieder zusammensetzen. Ist auch wichtig.

Im Heim lernte Jojakim dann auch seine spätere Frau Maria kennen. Jeden Abend, wenn er einsam in seinem Stockbett lag, kam sie zu ihm gekrochen. Er träumte sie herbei. Mariam mit ihren dunklen Locken und ihrer weißen Haut. Er träumte von ihr, wie er sie als Kind kennen lernte und sie eine gemeinsame sorglose Kindheit durchlebten. Wie er sie in der Schule gegen die üblen Kerle aus den höheren Klassen verteidigte. Er träumte von ihrem ersten Kuss, wie er sich zögernd ihrem Mund genähert hatte. Jedes Mal, wenn er daran zurückdachte, sich dorthin träumte, pochte sein Herz laut in seiner Brust. Vor Aufregung, vor Freude, aber niemals vor Trauer darüber, dass dies alles nie stattgefunden hatte.
Je öfter Jojakim von Mariam träumte, desto realer wurde sie. Und so kam es ihm ganz natürlich vor, als er sie eines Tages auf der Schaukel des kleinen Spielplatzes neben dem Heim traf. Jojakim schlenderte zu ihr rüber, umarmte sie zur Begrüßung und setzte sich neben sie auf die Schaukel. Dann schwiegen sie gemeinsam. Sie hatten sich nichts zu sagen, da sie einander auswendig kannten. Sie saßen nur stumm da und genossen die Anwesenheit des jeweils anderen.
Als er abends wieder in seinem Bett lag, kam Mariam wieder zu ihm. Sie schmiegte sich an ihn und er nahm ihre Wärme auf. Wieder durchlebten sie ihre gemeinsame Jugend. Jedes Mal ein wenig detailreicher. Jedes Mal ein wenig weiter in die Zukunft hinein. Sie gingen jetzt beide schon in die höheren Klassen und standen kurz vor dem Abitur. Jojakim wollte auf jeden Fall Literatur studieren. Mariam, die eher praktisch veranlagt war, wollte nicht weiter an die Universität gehen, sondern gleich beim Militär bleiben. Sie würden sich schon irgendwie engagieren, wenn sie zu Einsätzen im ganzen Land beordert würde.
Tagsüber traf Jojakim Mariam wieder auf dem Spielplatz. Sie saßen erst schweigend nebeneinander, dann gingen sie gemeinsam runter in die Stadt. Mariam brauchte neue Kleider und da Jojakim ein wenig Geld verdient hatte, kaufte er sie ihr. Sie sah himmlisch aus in diesem blauen Kleid und in der weißen Bluse. Jojakim erfreute sich so sehr an ihrem Anblick, dass es ihm nichts ausmachte, all sein Geld ausgegeben zu haben. Er hatte, was er wollte und das konnte ihm niemand nehmen.
In dieser Nacht schliefen sie das erste Mal miteinander. Dazu träumte Jojakim sich in ein gemeinsames Hotelzimmer. Niemand im Heim bekam mit, dass er nicht in seinem Bett lag, als er in seinem Bett lag. Er war ganz bei Mariam, kannte jede Stelle ihres Körpers, jeden Moment ihres Lebens, jeden Wesenszug ihrer Seele. Und nach dieser Nacht war ihm klar, dass er sie heiraten musste.
Die Hochzeit fand an einem schönen Sommertag draußen unter freiem Himmel statt. Es waren nur die engsten Freunde und Verwandte eingeladen. Mariam Großmutter Hanna hatte ihrer Enkelin ein wunderschönes Hochzeitskleid vererbt. Mariams Eltern hatten ein kleines Büfett bereitet und ganz hinten in einer Ecke saß Jojakims Mutter Susanna.
Nach der Trauung tanzten sie die ganze Nacht. Jojakim mit Mariam, mit ihrer Mutter, mit seiner Mutter. Mariam mit ihrem Vater. Nur Jojakims Vater bekam von all dem nichts mit. Er saß hinter Gitter für den Mord an der Frau, mit der sein Sohn durch die Nacht tanzte.
Als Jojakim am nächsten Morgen erwachte, war er schweißgebadet, so sehr hatte er getanzt. Er war noch so in seinem Traum – seinem Leben – gefangen, dass er auf dem Weg zum Waschraum beinahe mit Thomas zusammengestoßen wäre.
„Mensch, pass doch auf!“, fauchte Thomas. Er sah verwundert hinter Jojakim her. War das nicht der Junge, mit dem er früher die Straßen unsicher gemacht hatte? Der Typ, der sich mit diesem Spinner Micha unterhalten hatte?
Jojakim ging in den Waschraum und genoss die gemeinsame Dusche mit seiner Frau. Er würde ihr nachher einen Kaffee kochen und dann am Abend mit ihr nach Paris fliegen, um dort in die Oper zu gehen.
Obwohl die anderen Jungen Jojakim noch wahrnahmen, sah er sie nicht mehr. Er sah nur noch Mariam. Überall tauchte sie auf. Und als er ihr eines Tages unten im Keller begegnete – Jojakim versteckte sich gerade vor einigen der größeren Jungen – bemerkte er das erste Mal, dass sie sich verändert hatte. Die Veränderung war innerlich und äußerlich von statten gegangen. Mariam strahlte von innen heraus. Sie strahlte Liebe aus jeder Pore ihres Körpers. Ihre Augen strahlten, als seien sie Sonnen, die in einem seltsamen Sonnensystem auf einen Planeten herabschienen. Und Mariam hatte sich äußerlich verändert. Sie hatte größere Brüste bekommen und ihr Bauch war ein wenig dicker geworden. War es möglich, dass…
„Ich bin schwanger!“, sagte sie, als hätte sie die Frage in Jojakims Kopf gelesen, oder als sprudelte diese Neuigkeit vor Freude aus ihr heraus. „Wir bekommen ein kleines Baby!“
Jojakim standen die Tränen in den Augen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so umarmte er seine Frau nur still. So standen sie eine Weile da und ihm schossen tausend Gedanken durch den Kopf (was würde aus Mariams Kariere bei der Armee) und Jonas, der in den Keller gekommen war, um einige Kohlen nachzulegen, wunderte sich über den Spinner, der wie in Trance einsam und allein in der Ecke stand und die Wand anstarrte.
Sie kauften ein kleines Kinderbettchen, Strampler, einen Wickeltisch und vieles mehr. Die ganze Wohnung stand voll von Kartons mit Geschenken ihrer Verwandtschaft. Alle hatten eine Glückwunschkarte geschrieben und waren zur Geburt des kleinen Moses erschienen. Jojakim hielt seinen Sohn stundenlang in den Armen und betrachtete ihn voller Faszination über das kleine Wunder des Lebens. Er entdeckte immer neue Merkmale an ihm – die kleinen Falten auf seiner Stirn, die winzigen Finger, die schon so fest zugreifen konnten – und so liebte er ihn immer mehr.
Während Mariam ihn stillte, putze Jojakim die Wohnung. Er verdiente als Literaturkritiker des Fernsehens zwar genug Geld, dass sie sich eine Putzfrau hätten leisten können, doch er wollte niemanden sonst in ihrem Leben haben. Es sollte nur noch sie drei geben.
Und so gab es keine Chance für Jojakim, als er eines Tages in dem Abklatsch seiner Welt durch einen puren Zufall – einer der Erzieher hatte ihn zum Einkaufen geschickt, weil ein anderer Junge krank geworden war – Elisabeth kennen lernte, die auf die selbe Schule ging wie er und die ihm zulächelte, die ihn süß fand mit seinen dunklen Haaren. So kam es, dass er wieder nach Hause kam, mit Windeln für das Baby, Karottenbrei und einem Strauß Blumen für seine Frau und Jojakim erwachte erst wieder, als er bei einem Spaziergang mit seiner Familie seinen Vater traf, den man wegen guter Führung vorzeitig entlassen hatte.

Der Maulbeerbaum – 2

Weiter geht’s mit Jojakim. Wie schon letzte Woche erwähnt, stammt der Titel von Lutz. Kurzes Update zum neuen Buch: Die Rohfassung des Manuskripts wurde nach 15 Tagen (inklusive ein Tag Pause) und 65613 Wörtern gestern beendet.

Zacharias zeigte Jojakim die Waffe. Immer wieder hielt er sie ihm an die Schläfe, wenn er zu viel getrunken hatte. Dabei zitterten seine Hände so stark, dass der Lauf der Waffe auf Jojakims Kopf hin und her sprang. Susanna hielt stehts den Atem an und beobachtete das Schauspiel fassungslos. Jojakims Herz hämmerte und Tränen liefen ihm die Wangen herunter, doch er wollte sich seinem Vater nicht widersetzen, schwelte doch irgendwo in ihm drinnen die Hoffnung, dieser täte das alles, um auf irgendeine kuriose Weise seine Liebe zu zeigen.
Jojakim weinte jetzt immer öfter, stets lautlos. Am meisten schmerzte es ihn, wenn sein Vater seine Kunstwerke – Bilder, die er in der Vorschule gemalt hatte, oder kleine Modelle, die er aus Streichhölzern gebastelt hatte – zerstörte, oder – was noch schlimmer war – gar nicht beachtete.
„Mach was Vernünftiges, mit dem du Geld verdienen kannst!“, sagte er immer.
„Aber lass doch den Jungen noch Kind sein“, entgegnete die Mutter dann.
„Wie soll er denn für dich sorgen, wenn du mal alt und krank bist, und er sein gesamtes Leben mit Kindsein verbracht hat?“, blaffte Zacharias und dann fing es wieder an, das Schreien und Zischen und Weinen.
Noch schlimmer wurde es nur, als selbst die Streitereien zwischen den Eltern einer gleichgültigen Kälte gewichen waren. Jetzt weinte jeder im Stillen für sich und Mutter zischte im Stillen für sich und der Vater schrie für sich und sie lebten jeder für sich und Jojakim wurde Angst und Bange, er könne sich irgendwann einfach auflösen und seine Eltern bekämen es nicht mit und so lernte er die Straße kennen.
Dort schrien alle laut durcheinander und die Autofahrer hupten, wenn ihnen jemand die Vorfahrt nahm. Hier schien die Welt noch in Ordnung, was sich dadurch zeigte, dass sie im Chaos versank und die Menschen dies wahrnahmen.
Jojakim lernte Thomas kennen, der ihm beibrachte, wie man Äpfel vom Krämer stahl und der ihm zeigte, wie man rauchte und trank. Als Susanna das erste Mal roch, dass ihr Sohn Alkohol getrunken hatte, strafte sie ihn mit einer Woche Hausarrest. Beim zweiten Mal waren es nur noch drei Tage. Von da an nahm sie keine Notiz mehr von dem, was Jojakim tat, was er trank, was er rauchte.
Jojakim vermutete, dass das daran lag, dass er immer raffinierter vorging, was das Verbergen seines Alkoholkonsums anging, doch nach einiger Zeit merkte er, dass es seiner Mutter auch egal war, wenn er mit einer Fahne nach Hause kam. Dabei war er doch gerade einmal acht Jahre alt.
Jojakim zog mit Thomas jetzt regelmäßig um die Häuser, manchmal auch Tage lang. Am liebsten lief er von zuhause fort, nachdem ihm sein Vater mal wieder den alten Sechsschüsser an die Stirn gehalten hatte. Seine Mutter hatte nur weggesehen. Und er hatte es ertragen.
Die Hände seines Vaters zitterten jetzt immer, unabhängig davon, ob er betrunken war oder nicht. Und wenn sie die schwere Waffe hielten, hatte Zacharias allem Anschein nach Mühe, sie überhaupt hoch zu heben und ruhig zu halten. Ganz so, als wollte die Waffe, dass sich dank der zittrigen Hand ein Schuss löste; als sehnte sie es herbei. Sie musste sich noch einige Jahre gedulden.
Bei einem ihrer Streifzüge trafen die beiden Jungen auf Micha, einen alten Rabbi. Zumindest behauptete er das von sich, doch Jojakim hatte da so seine Zweifel. Soweit er wusste, waren Rabbiner gut gekleidete Männer, die die Thora lehrten. Micha hingegen sah aus, wie ein alter versoffener Landstreicher. Er sah so aus, wie Jojakim aussehen würde, folgte er weiterhin dem eingeschlagenen Pfad.
„Ich kenne deinen Vater und ich habe auch dessen Vater gekannt“, sagte Micha.
„Was heißt, du hast meinen Großvater gekannt. Er lebt doch noch. Wie kannst du von den Lebenden in der Vergangenheitsform sprechen?“, fragte Jojakim den Rabbi.
„Bist du dir da sicher?“, entgegnete dieser nur. Ansonsten schwieg er.
Jojakim dachte über das nach, was der Alte gesagt hatte, und als er wieder zu Hause war, fragte er zögernd seinen Vater: „Lebt dein Papa noch?“
Zacharias war gerade damit beschäftigt gewesen, seine Schuhe zu polieren. Er hielt mitten in der Bewegung inne. Dann legte er die Schuhcreme zur Seite und sah seinen Sohn an.
„Wie kommst du auf diese Frage?“
Jojakim überlegte einen Moment, ob er von Micha dem verrückten Rabbi erzählen sollte. Er entschied sich dagegen. Schließlich sagte er: „Ein Freund von mir hat gemeint, Opa sei gar nicht dein Vater.“
„So, wer sagt denn so einen Unsinn?“
„Ein Freund.“
Zacharias nahm die Schuhcreme wieder zur Hand und polierte weiter an seinen Schuhen. Er sah seinem Sohn nicht in die Augen und Jojakim meinte, eine Träne in den Augen seines Vaters zu sehen.
„Du musst nur wissen, dass mein Revolver nicht deinem Großvater Aron gehört hat.“
Bei dieser knappen Antwort ließ Zacharias es beruhen. Jojakim wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Er beschloss, es morgen noch einmal beim Rabbi zu probieren. Und sollte dieser auch nicht mit weiteren Informationen herausrücken, würde er in einem passenden Moment noch einmal seinen Vater fragen.
Doch weder der Rabbi, noch sein Vater machten den Mund auf und so vergaß Jojakim fast, dass er seinen Vater hatte fragen wollen, wieso jemand behauptete, Aron sei nicht sein Großvater. Wäre Jojakim auf die Idee gekommen, seinen Großvater selbst du fragen, würde Susanna möglicherweise noch leben. Doch Jojakim hatte an diese Möglichkeit nicht gedacht. Stattdessen fragte er ein letztes Mal seinen Vater.
Zacharias saß mit hängenden Schultern an seinem Schreibtisch und starrte mit trübem Blick ins Leere. Susanna bügelte gerade die Wäsche. Jojakim saß auf dem Sessel und las in einem Buch. So beiläufig wie möglich fragte er: „Wem hat die Pistole gehört, wenn nicht meinem Großvater Aron?“
Zacharias wurde mit einem Male kreidebleich. Langsam zog er die Schublade auf und griff nach der alten schweren Waffe. Er hielt sie hoch und betrachtete sie.
„Diese Waffe gehörte meinem Vater. Und weißt du, was er damit gemach hat?“, fragte er fast flüsternd. „Soll ich dir sagen, was er mit diesem Ding gemacht hat?“
Jojakim spürte, wie sich die Stimmung seines Vaters wandelte. Er hatte auf einmal Angst, etwas schreckliches könnte geschehen, doch der Wunsch, zu erfahren, was es mit der Waffe auf sich hatte, war zu groß.
„Sag es mir“, zischte er.
„Ich soll es dir sagen? Wie wäre es, wenn ich es dir zeige?“, fragte sein Vater und stand auf. Er ging langsam auf Jojakim zu. Susanna, die immer noch am Bügelbrett stand, legte das Bügeleisen nieder. Sie hielt die Luft an, wie überhaupt die ganze Welt die Luft anzuhalten schien, als merke sie, dass sich alle an einem Scheideweg befänden.
„Lass das“, brachte Susanna schließlich heraus.
„Sag du mir nicht, was ich zu machen habe, Weib!“, herrschte Zacharias sie an. „Er hat danach gefragt, jetzt zeige ich es ihm!“
Jojakim bekam es jetzt richtig mit der Angst zu tun. Er war verwundert, als er sah, wie Tränen über die Wangen seines Vaters liefen.
„Ich zeige dir jetzt, was mein Vater Moses mit mir und der Waffe gemacht hat. Zieh deine Hose aus, dann zeige ich es dir!“
„Nein!“, schrie Susanna und schlug Zacharias mit dem heißen Bügeleisen gegen den Arm. Zacharias schrie auf, ließ die Waffe jedoch nicht fallen. „Nein!“, schrie Susanna immer noch und holte zu einem weiteren Schlag aus, doch Zacharias drückte ab und hinderte sie so daran, einen weiteren Treffer zu landen; hinderte sie am Weiterbügeln, am Weiterleben.
Susanna starb, weil sie ihren Sohn, den sie immer geliebt hatte, vor einem wahnsinnig gewordenen Vater schützen wollte. Sie starb an einem Samstag, an dem sie als Jüdin eigentlich nicht hätte Bügeln sollen. Rabbi Micha hätte das gewusst. Er hätte gesagt, dass die Gottlosen irgendwann gestraft werden, wie schon damals, zu Zeiten des alten Testaments. Er hätte gesagt, dass Zacharias ein Werkzeug Gottes wäre. Und damit hätte er Jojakim überzeugt, denn obwohl er seine Mutter geliebt hatte, fühlte er mit seinem Vater. Er hatte den Schmerz gesehen, der aus den Augen seines Vaters gesprochen hatte. Und er hatte seinen Vater doch ebenfalls geliebt.
Jetzt flog die Tür auf und brachte Jojakim wieder zurück in die Gegenwart. Zacharias stand stumm im Raum, starr wie Lots Frau, und weinte. Er weinte still, wie man es in ihrer Wohnung seit zu langer Zeit getan hatte.
Der Nachbar kam hereingestürmt. Er packte Jojakim am Arm und riss ihn aus der Wohnung. Nach draußen, weg vom Vater, weg von der Mutter. Jojakim lernte das Kinderheim von innen kennen, vergaß Thomas und Micha und weinte jeden Abend. Jetzt könnte er laut weinen, doch er konnte es nicht. Er fragte sich immer wieder, was sein Vater ihm hatte zeigen wollen und wieso er dafür die Hose hatte ausziehen sollen. Er traute sich nicht, diese Frage laut auszusprechen, denn obwohl er Freunde fand und jede Woche ein Gespräch mit der Heimleitung hatte, wusste er doch, dass der einzige Mensch, der ihm diese Frage beantworten konnte, unerreichbar im Gefängnis saß und die Tage zählte, die er noch zu leben hatte.
Und so kam es, dass Jojakim, der die nächsten zehn Jahre im Heim verbringen sollte, diese Frage in seinem Herzen bewahrte und diese Frage zum Nährboden für einen Plan wurde, den Jojakim wieder und wieder verwarf und dann in immer neuen Variationen schmiedete: Er würde seinen Vater erschießen. Einzig die Gefängnismauern hinderten ihn an der Umsetzung seines Vorhabens, und die Zeit tat ihr Bestes, ihn seinen Plan vergessen zu lassen. Doch selbst die Zeit arbeitet unzureichend, und so kam es, dass Jojakim sich an sein Vorhaben erinnerte, als er seinen Vater zehn Jahre später auf dem Markt sah und alles kam wieder in ihm hoch.

© 2020 David schreibt

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