Have a break, write a book

Monat: März 2020

Nicht vergessen!

Totaler Nonsense. Blitzeinschlag in mein Autorenhirn.

Rumms. Oskar landete ungebremst auf dem Hintern. Er bildete sich ein, spüren zu können, wie – begleitet vom Ticken der Uhr – auf seiner Stirn ein großes Horn wuchs. Vorsichtig befühlte er mit der Hand seinen Kopf. Wenigstens spürte er kein Blut, soviel war ihm erspart geblieben. Stattdessen glaubte er, einen Abdruck der Verzierungen der großen alten Standuhr zu ertasten.
Die Uhr war ein Geschenk seines Großvaters gewesen und stand seit Jahren links an der Wand, gegenüber der Badezimmertür. Nur diese Nacht befand sie sich auf einmal mitten im Gang. Der Hausgeist hatte die Uhr umgestellt.

Ende

Mut und Torte

Zuletzt vergaß ich vor lauter Corona-Aufregung tatsächlich, einen Text online zu stellen. Momentan komme ich vor lauter Lesen kaum zum Schreiben. Irgendwann zwischen Homeschooling und Waldspaziergang entstand der folgende Text. Viel Spaß beim Lesen. Bleib zuhause und gesund!

Es war kein Paukenschlag, der Richard Mayer vollends aus dem Gleichgewicht brachte, auch keine Weltbewegende Nachricht über irgendeine neue globale Krise, ja nicht einmal eine persönliche Nachricht, etwa über den plötzlichen Tod eines guten Freundes, sondern lediglich ein lilafarbener Postitzettel, der da an seinem Monitor klebte. Ein Postit mit der Aufschrift „BITTE INS BÜRO VOM CHEF KOMMEN“.
Mayer war schon des Öfteren zum Chef zitiert worden. Und jedes einzelne Mal hatte er den Schwall wütender Worte über sich ergehen lassen. Jedes Mal hatte er sich wieder und wieder sein Mantra aufgesagt, dass einen alles nur abhärte und er gestärkt aus jeder Krise hervorgehen würde.
Mayer war geübt darin, sich abzuhärten. Strampelte er sich doch schon seit Jahren ab, wie ein Ertrinkender im Ozean. Tag für Tag arbeitete er Berge von Akten ab, und Tag für Tag türmten sich neue Berge vor ihm auf, entstanden durch die Plattentektonik der Abteilung K – Q, und Mayer nahm auch diese Berge in Angriff. Zum Ausgleich ging er jeden Tag eine Stunde schwimmen, forderte seinen Körper, der doch all diese Anstrengungen zu bewältigen hatte. Abend für Abend legte Mayer sich mit einer Schmerztablette und seinen Vitaminpräparaten ins Bett, las einige Kapitel in einem Buch und schloss um Punkt elf Uhr die Augen, nur um am nächsten Morgen erneut in das Mühlrad einzutreten.
Mayer stellte sich sein Leben manchmal vor wie einen endlosen Korridor, von dem unzählige Türen abzweigten in andere Leben. Doch alle Türen waren verschlossen. Manchmal klopfte er an eine der Türen an, doch immer eilte er weiter, im weiter, so dass er nie mitbekam, ob jemand öffnete.
Heute Morgen hatte der Korridor in Flammen gestanden. Schon auf dem Weg ins Badezimmer hatte Mayer die vielen ungelesenen Nachrichten auf seinem Smartphone gesehen. Während des Frühstücks hatte er sie der Reihe nach beantwortet, doch noch ehe er das Haus verlassen hatte, waren schon drei neue Nachrichten eingegangen. Als er in der Firma angekommen war, waren es bereits 27. Mayer schaltete seinen Rechner ein und las jede einzelne Nachricht durch. Nachdem er alle beantwortet hatte, ging er zum Kaffeeautomaten. Auf dem Weg dorthin sah er bereits den Stapel an Akten und Ordnern, den irgendjemand in der Firma auf ihn abgewälzt hatte. Mayer stöhnte geräuschvoll auf. Er dachte, wie schön es wäre, einfach einmal für eine Woche nichts zu tun. Einfach einmal die Füße hochzulegen und der Stille zu lauschen. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass sich in dieser Woche ein Aktenberg an seinem Schreibtisch auftürmen würde, so hoch wie der Himalaya. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als immer weiter zu strampeln. Akten, Schwimmen, Schmerztablette. Jeden Tag den Korridor entlang laufen und sich gelegentlich ausmalen, was sich hinter der einen oder anderen Tür verbergen mochte.
Als Mayer vom Kaffeeautomaten zurückkam, fand er besagten Klebezettel vor. Sofort wurden seine Knie weich. Er stellte den Kaffee ab und ließ sich auf den rückenschonenden Bürostuhl fallen. Es war nie gut, wenn man vom Chef gerufen wurde. Mayer nahm den Zettel und betrachtete ihn genauer. Die Handschrift musste die der Chefsekretärin sein. Eine Zwanzigjährige, die der alte Franke nur eingestellt hatte, damit er ihr auf den knackigen Arsch starren konnte. Mayer atmete noch einmal tief durch, dann stand er auf. Es half ja doch nichts.
Er trottete zum Aufzug und fuhr nach oben in die Chefetage. Auf dem Weg dort hin ertappte er sich dabei, wie er die leise Melodie der Fahrstuhlmusik mitsummte. Sofort hielt er inne. Er musste sich jetzt konzentrieren. Was konnte Franke bloß von ihm wollen? Erledigte er seine Arbeit nicht ordentlich genug? Hatte sich ein Kunde über ihn beschwert? Oder vielleicht eine Mitarbeiterin? Sollte er gar gefeuert werden? Das Klingeln des Aufzugs riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür öffnete sich. Er war da. Nur noch wenige Meter trennten ihn von Frankes Büro.
Mayer ging mit vorsichtigen Schritten auf die Bürotür zu. Der Vorraum war leer, die Sekretärin nirgends zu sehen. Am Rand seines Gesichtsfeldes verschwamm die Einrichtung. Mayer glaubte jetzt unzählige Türen zu erkennen. Er war in seinem langen Korridor gefangen. Hinter jeder der Türen wartete ein anderes Leben. Was sich wohl hinter dieser Tür verbarg? Oder hinter jener? Mayer wollte gerne anklopfen und nachsehen, doch am Ende des Korridors wartete Frankes Büro, in dem ihm mit Sicherheit verkündet würde, er sei den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen, sei zu alt, man müsse ihn leider entlassen.
Dann wäre er das erste Mal seit Jahren ohne Job. Ohne Druck. Frei.
Er wäre frei. Dann könnte er endlich hinter all die Türen sehen, das Leben leben, aufhören zu strampeln und endlich Boden unter den Füßen spüren. Er könnte…
Mayer hatte die Tür erreicht. Er klopfte an und trat ein.
Ah, schön Sie endlich zusehen, setzen Sie sich doch, wie geht es Ihnen heute…
Er wäre frei. Könnte Leben.
Wir sind sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit und möchten Ihnen gerne einen Posten in leitender Funktion anbieten, damit sie sich noch mehr in die Firma einbringen können.
Noch mehr einbringen, noch mehr Akten wälzen, noch mehr strampeln.
Mayer hatte keine Lust mehr auf all den Trott, die Routine, das allmähliche Dahinvegetieren. Er wollte endlich FREI SEIN. Wieso ließen sie ihn nur nicht? Musste er etwa darum betteln? Er würde es tun, er würde betteln, wenn sie ihn dann nur endlich gehen ließen. Er würde…
Auf dem Schreibtisch stand ein Teller mit einem Stück Sahnetorte. Ganz oben auf der Torte thronte eine Kirsche.
Wäre das nicht die Gelegenheit?
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns darüber freuen, Sie hier oben bei uns begrüßen zu…
Mayer nahm die Torte und klatschte sie Franke ins Gesicht. Danach lief er lachend aus dem Büro. Draußen gab er der jungen Sekretärin einen Kuss auf den rotgeschminkten Mund. Dann wandte er sich um und rannte den Flur entlang. Unterwegs klopfte er an jede Tür. Klopfte und lauschte. Klopfte und lauschte und lebte sein Leben.

Ende

Ein Geheimnis kommt ans Licht

Letztens nahm ich an einem Schreibwettbewerb teil, den ich leider nicht gewinnen konnte, da ich aus unerfindlichen Gründen doch nicht so wirklich teilgenommen habe. Möglicherweise fehlte es mir einfach an der nötigen Intelligenz, meine Geschichte parallel auf zwei Portalen hochzuladen. Die Vorgabe war: Ein Geheimnis kommt ans Licht in weniger als 2500 Satzzeichen (inklusive Leerzeichen). Bitte sehr:

Kennen Sie das Gefühl der Erleichterung, das man verspürt, wenn man bei einer Lüge ertappt wird? Wenn die Angst von einem abfällt, man könne erwischt werden? Nur, um sogleich durch die absurde Angst ersetzt zu werden, der Belogene könnte einen bestrafen.
Und irgendwo unter all dieser Angst huscht eine Freude durch die Schatten. Die Freude darüber, endlich von der Last des Lügengebildes befreit zu sein. Die Freude darüber, dass ein lange gehegter Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen ist: Der heimliche Wunsch, alles würde irgendwann auffliegen, ans Licht kommen.
All das habe ich bei meiner Frau gesehen. Wie die Hoffnung auf Gnade mit der Gewissheit des Todes gekämpft hat. War da ein Aufflackern von Erleichterung in ihren Augen, nun endlich zu ihrer Affäre stehen zu können? Und dann die Enttäuschung, als sie realisiert hat, was das bedeuten würde: Mit durchlöcherter Stirn im Hinterhof zu liegen.
Was wird meine Frau gedacht haben? Hat sie beim Auftreffen des Schlagbolzens auf die Patrone noch schnell ein Gebet gesprochen zu einem Gott, der sie nicht hört? Ist ihre Hoffnung, ich würde sie leben lassen, bei der Explosion der Treibladung geplatzt wie eine Seifenblase?
Was hat sie zuletzt verspürt? War es die Angst vor dem Tod, oder die Erleichterung darüber, dass nun alles vorbei ist, oder gar eine völlig irrationale Freude auf ein Leben nach dem Tod? Wie mag es sich für sie angefühlt haben, als die Welt um sie herum langsam erlosch? Ihr lebloser Körper verschwand im Dunkel des Vergessens, zwei Meter unter der Grasnarbe.
Und all die Jahre wuchs in mir die Angst, jemand könnte doch noch ihre Leiche finden und mich zur Rechenschaft ziehen. Nachts, erwachten dann Ungeheuer der Furcht, die durch meine Träume liefen und wieder und wieder riefen, alles käme ans Licht, die beiden Tode seien nicht unbemerkt geblieben.
Bei jedem Klingeln des Telefons ließ mich diese Angst zusammenzucken. Jedes Klopfen an der Tür sorgte dafür, dass mein Herzschlag für einen Moment aussetzte.
Letztlich überwog bei meiner Verhaftung aber doch die Freude. Diese völlig irrationale, unkontrollierte Freude darüber, ertappt zu sein.

Ende

Verwählt

Heute gibt es zur Abwechslung endlich mal wieder ein Gedicht. Ich habe es ursprünglich für unsere (= Lutz und ich) grandiose Lesung „Über kurz oder lang“ geschrieben. Viel Vergnügen.

Früher hat man sich vorgestellt
Gott sei der Schöpfer dieser Welt
Er sei es, der dies alles hier zusammenhält

Dieses Bild ist nun entstellt
Wir haben es abgewählt
Jetzt ist’s der Zufall, der zählt

Wir sind nun gemeinsam einsam unterm Sternenzelt
Von der Sinnfrage gequält
Dem Tod zur Abholung bereitgestellt

© 2020 David schreibt

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