Have a break, write a book

Kategorie: Prosa (Seite 1 von 3)

Alle Texte, die nicht bei drei auf den Bäumen waren.

Das Geschäft mit der Hoffnung

Passend zu Ostern gibt es eine Geschichte über Gott. Wahrscheinlich ist sie theologisch nicht sonderlich durchdacht. Vielmehr geht sie mal wieder auf eine Titelvorgabe durch den lieben Lutz zurück. (Buchupdate: Die unlektorierte Fassung Nr. 1 ist jetzt zu 36 % überarbeitet. Es geht voran.)

Jeden Tag kamen sie in Scharen zu ihm. All die Mühseligen und Beladenen, all die kleinen Kinder mit ihren kranken Katzenbabys und all die Menschen ohne Essen und Trinken. Jeden Tag schrien sie zu ihm hinauf, jeder in seiner Sprache. Doch Gott wollte das alles nicht mehr hören. Schon lange nicht mehr. Er hatte sich noch nie als den gesehen, den die Menschen in ihm sahen: Einen alten Opa, zu dem man kommt, wenn es einem nicht gut geht und der einem ein Lutschbonbon gibt, damit man wieder lächelt.
Gott sah sich vielmehr als Beobachter. Nicht nur von außen, sondern auch von innen. Schließlich war er ja mehrere Male auf die Erde gegangen und hatte als Mensch gelebt. Dabei hatte er ihnen doch gezeigt, dass sie sich selbst helfen konnten, wenn sie auf einander achteten. Doch irgendwie war der Teil seiner „Botschaft“, wie manche Leute gerne sagten, verloren gegangen.
Stattdessen kamen sie nach wie vor in Scharen.
Gott wollte sich schon griesgrämig von der Welt, die er erschaffen hatte, abwenden, als ihm die rettende Idee kam: Das Stichwort lautete Hoffnung. Er würde die Menschen hoffen lassen. Und zwar alle Menschen, auch diejenigen die schon gelebt hatten. Hoffnung würde sich für die Menschen anfühlen wie eine sanfte Hand, die sie über die Wange streichelt.
Jetzt konnte der Hungernde hoffen, er würde gesättigt. Der trauernde konnte auf ein Wiedersehen in einer anderen Welt hoffen. Der Arme konnte hoffen, jemand gäbe ihm Geld. Und Gott hatte endlich seine Ruhe. Seit Äonen mal wieder Zeit für sich, kein Klingeln im Ohr, keine Probleme.
Bis es an der Tür klingelte. Gott machte neugierig auf, da er keinerlei Besuch erwartete. Draußen stand Luzifer, den Mantel nass vom strömenden Regen.
„Darf ich reinkommen, Gott?“, fragte er und Gott ließ ihn ein.
„Was willst du? Hast du in deiner Welt nichts mehr zu tun?“
„Nein, nein, das ist es nicht“, versicherte Satan. „Ich wollte mich nur bei dir bedanken.“
„Wofür?“
„Na, für die tolle Idee mit der Hoffnung. Ich habe sie natürlich direkt in meiner Welt ausprobiert und du wirst nicht glauben, was das alles verändert hat.“
Satan setzte sich auf das Ledersofa und sah zum Fenster raus. Unten auf der Erde sah er mit seinen Adleraugen einen kleinen Lichtblitz.
„Da“, rief er erfreut, „jetzt fangen sie bei dir auch an!“
Gott ging zum Fenster und starrte angestrengt hinaus.
„Womit fangen sie an?“
Doch, noch ehe er die Frage zu Ende ausgesprochen hatte, wusste er, was Satan meinte. Er sah Explosionen und wild schreiende Mütter mit ihren Kindern davonlaufen.
„Was zum Teufel…“, presste er heraus und verstummte, da er an seinen Gast dachte. „Oh, entschuldige Bitte. Ich wollte deinen Namen nicht missbrauchen.“
„Schon gut. Aber siehst du, was ich meine? Es gibt doch tatsächlich Spinner dort unten, die in anderen Spinnern die Hoffnung wecken, sie kämen in eine Art Paradies, wenn sie sich und andere Menschen in die Luft jagen.“
„Das ist nicht gut.“ Mehr sagte Gott nicht.
„Das ist doch fantastisch!“, jubelte Satan und schlug sich vor Lachen mit den Händen auf die Schenkel. „Stell dir doch nur mal vor, wie die sich fühlen, wenn sie merken, dass sie sich umsonst in die Luft gesprengt haben. Zum Brüllen ist das!“
„Na, deinen Humor möchte ich haben. Sie werden gar nix fühlen, weil sie dann ja tot sind. Aber ihre Hinterbliebenen werden Trauer und Schmerz fühlen. Und dann kommen sie doch wieder zu mir. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.“
„Tja, es ist gar nicht so einfach, sich um eine Welt zu kümmern, nicht wahr Gott?“
„Da hast du recht, Satan.“ Gott stand immer noch am Fenster und jetzt liefen ihm Tränen über die Wangen. „Aber ich habe mich an diese Welt gewöhnt. Ich will nicht, dass sie vor die Hunde geht. Ich denke, ich krieg das wieder hin, wenn ich mich mal ernsthaft um die Welt kümmere.“
Gott steigerte sich aus seiner Traurigkeit in einen Tatendrang hinein. Er spürte ein Kribbeln am ganzen Körper und ahnte nicht, dass es Hoffnung war.

Ende

Nicht vergessen!

Totaler Nonsense. Blitzeinschlag in mein Autorenhirn.

Rumms. Oskar landete ungebremst auf dem Hintern. Er bildete sich ein, spüren zu können, wie – begleitet vom Ticken der Uhr – auf seiner Stirn ein großes Horn wuchs. Vorsichtig befühlte er mit der Hand seinen Kopf. Wenigstens spürte er kein Blut, soviel war ihm erspart geblieben. Stattdessen glaubte er, einen Abdruck der Verzierungen der großen alten Standuhr zu ertasten.
Die Uhr war ein Geschenk seines Großvaters gewesen und stand seit Jahren links an der Wand, gegenüber der Badezimmertür. Nur diese Nacht befand sie sich auf einmal mitten im Gang. Der Hausgeist hatte die Uhr umgestellt.

Ende

Mut und Torte

Zuletzt vergaß ich vor lauter Corona-Aufregung tatsächlich, einen Text online zu stellen. Momentan komme ich vor lauter Lesen kaum zum Schreiben. Irgendwann zwischen Homeschooling und Waldspaziergang entstand der folgende Text. Viel Spaß beim Lesen. Bleib zuhause und gesund!

Es war kein Paukenschlag, der Richard Mayer vollends aus dem Gleichgewicht brachte, auch keine Weltbewegende Nachricht über irgendeine neue globale Krise, ja nicht einmal eine persönliche Nachricht, etwa über den plötzlichen Tod eines guten Freundes, sondern lediglich ein lilafarbener Postitzettel, der da an seinem Monitor klebte. Ein Postit mit der Aufschrift „BITTE INS BÜRO VOM CHEF KOMMEN“.
Mayer war schon des Öfteren zum Chef zitiert worden. Und jedes einzelne Mal hatte er den Schwall wütender Worte über sich ergehen lassen. Jedes Mal hatte er sich wieder und wieder sein Mantra aufgesagt, dass einen alles nur abhärte und er gestärkt aus jeder Krise hervorgehen würde.
Mayer war geübt darin, sich abzuhärten. Strampelte er sich doch schon seit Jahren ab, wie ein Ertrinkender im Ozean. Tag für Tag arbeitete er Berge von Akten ab, und Tag für Tag türmten sich neue Berge vor ihm auf, entstanden durch die Plattentektonik der Abteilung K – Q, und Mayer nahm auch diese Berge in Angriff. Zum Ausgleich ging er jeden Tag eine Stunde schwimmen, forderte seinen Körper, der doch all diese Anstrengungen zu bewältigen hatte. Abend für Abend legte Mayer sich mit einer Schmerztablette und seinen Vitaminpräparaten ins Bett, las einige Kapitel in einem Buch und schloss um Punkt elf Uhr die Augen, nur um am nächsten Morgen erneut in das Mühlrad einzutreten.
Mayer stellte sich sein Leben manchmal vor wie einen endlosen Korridor, von dem unzählige Türen abzweigten in andere Leben. Doch alle Türen waren verschlossen. Manchmal klopfte er an eine der Türen an, doch immer eilte er weiter, im weiter, so dass er nie mitbekam, ob jemand öffnete.
Heute Morgen hatte der Korridor in Flammen gestanden. Schon auf dem Weg ins Badezimmer hatte Mayer die vielen ungelesenen Nachrichten auf seinem Smartphone gesehen. Während des Frühstücks hatte er sie der Reihe nach beantwortet, doch noch ehe er das Haus verlassen hatte, waren schon drei neue Nachrichten eingegangen. Als er in der Firma angekommen war, waren es bereits 27. Mayer schaltete seinen Rechner ein und las jede einzelne Nachricht durch. Nachdem er alle beantwortet hatte, ging er zum Kaffeeautomaten. Auf dem Weg dorthin sah er bereits den Stapel an Akten und Ordnern, den irgendjemand in der Firma auf ihn abgewälzt hatte. Mayer stöhnte geräuschvoll auf. Er dachte, wie schön es wäre, einfach einmal für eine Woche nichts zu tun. Einfach einmal die Füße hochzulegen und der Stille zu lauschen. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass sich in dieser Woche ein Aktenberg an seinem Schreibtisch auftürmen würde, so hoch wie der Himalaya. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als immer weiter zu strampeln. Akten, Schwimmen, Schmerztablette. Jeden Tag den Korridor entlang laufen und sich gelegentlich ausmalen, was sich hinter der einen oder anderen Tür verbergen mochte.
Als Mayer vom Kaffeeautomaten zurückkam, fand er besagten Klebezettel vor. Sofort wurden seine Knie weich. Er stellte den Kaffee ab und ließ sich auf den rückenschonenden Bürostuhl fallen. Es war nie gut, wenn man vom Chef gerufen wurde. Mayer nahm den Zettel und betrachtete ihn genauer. Die Handschrift musste die der Chefsekretärin sein. Eine Zwanzigjährige, die der alte Franke nur eingestellt hatte, damit er ihr auf den knackigen Arsch starren konnte. Mayer atmete noch einmal tief durch, dann stand er auf. Es half ja doch nichts.
Er trottete zum Aufzug und fuhr nach oben in die Chefetage. Auf dem Weg dort hin ertappte er sich dabei, wie er die leise Melodie der Fahrstuhlmusik mitsummte. Sofort hielt er inne. Er musste sich jetzt konzentrieren. Was konnte Franke bloß von ihm wollen? Erledigte er seine Arbeit nicht ordentlich genug? Hatte sich ein Kunde über ihn beschwert? Oder vielleicht eine Mitarbeiterin? Sollte er gar gefeuert werden? Das Klingeln des Aufzugs riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür öffnete sich. Er war da. Nur noch wenige Meter trennten ihn von Frankes Büro.
Mayer ging mit vorsichtigen Schritten auf die Bürotür zu. Der Vorraum war leer, die Sekretärin nirgends zu sehen. Am Rand seines Gesichtsfeldes verschwamm die Einrichtung. Mayer glaubte jetzt unzählige Türen zu erkennen. Er war in seinem langen Korridor gefangen. Hinter jeder der Türen wartete ein anderes Leben. Was sich wohl hinter dieser Tür verbarg? Oder hinter jener? Mayer wollte gerne anklopfen und nachsehen, doch am Ende des Korridors wartete Frankes Büro, in dem ihm mit Sicherheit verkündet würde, er sei den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen, sei zu alt, man müsse ihn leider entlassen.
Dann wäre er das erste Mal seit Jahren ohne Job. Ohne Druck. Frei.
Er wäre frei. Dann könnte er endlich hinter all die Türen sehen, das Leben leben, aufhören zu strampeln und endlich Boden unter den Füßen spüren. Er könnte…
Mayer hatte die Tür erreicht. Er klopfte an und trat ein.
Ah, schön Sie endlich zusehen, setzen Sie sich doch, wie geht es Ihnen heute…
Er wäre frei. Könnte Leben.
Wir sind sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit und möchten Ihnen gerne einen Posten in leitender Funktion anbieten, damit sie sich noch mehr in die Firma einbringen können.
Noch mehr einbringen, noch mehr Akten wälzen, noch mehr strampeln.
Mayer hatte keine Lust mehr auf all den Trott, die Routine, das allmähliche Dahinvegetieren. Er wollte endlich FREI SEIN. Wieso ließen sie ihn nur nicht? Musste er etwa darum betteln? Er würde es tun, er würde betteln, wenn sie ihn dann nur endlich gehen ließen. Er würde…
Auf dem Schreibtisch stand ein Teller mit einem Stück Sahnetorte. Ganz oben auf der Torte thronte eine Kirsche.
Wäre das nicht die Gelegenheit?
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns darüber freuen, Sie hier oben bei uns begrüßen zu…
Mayer nahm die Torte und klatschte sie Franke ins Gesicht. Danach lief er lachend aus dem Büro. Draußen gab er der jungen Sekretärin einen Kuss auf den rotgeschminkten Mund. Dann wandte er sich um und rannte den Flur entlang. Unterwegs klopfte er an jede Tür. Klopfte und lauschte. Klopfte und lauschte und lebte sein Leben.

Ende

Ein Geheimnis kommt ans Licht

Letztens nahm ich an einem Schreibwettbewerb teil, den ich leider nicht gewinnen konnte, da ich aus unerfindlichen Gründen doch nicht so wirklich teilgenommen habe. Möglicherweise fehlte es mir einfach an der nötigen Intelligenz, meine Geschichte parallel auf zwei Portalen hochzuladen. Die Vorgabe war: Ein Geheimnis kommt ans Licht in weniger als 2500 Satzzeichen (inklusive Leerzeichen). Bitte sehr:

Kennen Sie das Gefühl der Erleichterung, das man verspürt, wenn man bei einer Lüge ertappt wird? Wenn die Angst von einem abfällt, man könne erwischt werden? Nur, um sogleich durch die absurde Angst ersetzt zu werden, der Belogene könnte einen bestrafen.
Und irgendwo unter all dieser Angst huscht eine Freude durch die Schatten. Die Freude darüber, endlich von der Last des Lügengebildes befreit zu sein. Die Freude darüber, dass ein lange gehegter Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen ist: Der heimliche Wunsch, alles würde irgendwann auffliegen, ans Licht kommen.
All das habe ich bei meiner Frau gesehen. Wie die Hoffnung auf Gnade mit der Gewissheit des Todes gekämpft hat. War da ein Aufflackern von Erleichterung in ihren Augen, nun endlich zu ihrer Affäre stehen zu können? Und dann die Enttäuschung, als sie realisiert hat, was das bedeuten würde: Mit durchlöcherter Stirn im Hinterhof zu liegen.
Was wird meine Frau gedacht haben? Hat sie beim Auftreffen des Schlagbolzens auf die Patrone noch schnell ein Gebet gesprochen zu einem Gott, der sie nicht hört? Ist ihre Hoffnung, ich würde sie leben lassen, bei der Explosion der Treibladung geplatzt wie eine Seifenblase?
Was hat sie zuletzt verspürt? War es die Angst vor dem Tod, oder die Erleichterung darüber, dass nun alles vorbei ist, oder gar eine völlig irrationale Freude auf ein Leben nach dem Tod? Wie mag es sich für sie angefühlt haben, als die Welt um sie herum langsam erlosch? Ihr lebloser Körper verschwand im Dunkel des Vergessens, zwei Meter unter der Grasnarbe.
Und all die Jahre wuchs in mir die Angst, jemand könnte doch noch ihre Leiche finden und mich zur Rechenschaft ziehen. Nachts, erwachten dann Ungeheuer der Furcht, die durch meine Träume liefen und wieder und wieder riefen, alles käme ans Licht, die beiden Tode seien nicht unbemerkt geblieben.
Bei jedem Klingeln des Telefons ließ mich diese Angst zusammenzucken. Jedes Klopfen an der Tür sorgte dafür, dass mein Herzschlag für einen Moment aussetzte.
Letztlich überwog bei meiner Verhaftung aber doch die Freude. Diese völlig irrationale, unkontrollierte Freude darüber, ertappt zu sein.

Ende

Verwandlung

Neulich dachte ich: „Hey, du hast noch nie etwas über einen Vampir geschrieben.“ Also habe ich mal etwas über einen Vampir geschrieben. Bitte sehr.

Meiner Meinung nach gibt es kaum etwas, das das Leben derart aus den Fugen geraten lässt, wie der Anfang und das Ende des Lebens: Eine Geburt, die Glück und Verantwortung gleichermaßen mit sich bringt, und der Tod, der wie eine unaufhaltsame Macht eine Schneise der Verwüstung durch die Leben all derer zieht, die dem Verstorbenen nahestehen.
Was mich betrifft, wurde mein Leben von letzterem getroffen. Nur, dass sich in meinem Falle der Übergang vom Leben in den Tod quälend langsam vollzieht. Unweigerlich und ohne Hoffnung auf ein gutes Ende. Wobei: Ist es nicht immer so? Ist das nicht der natürliche Lauf der Dinge? Wir nennen diesen Prozess das Leben. Ich nenne ihn Verwandlung.
Die Uhr tickt unglaublich laut. Ihre Zahnräder rattern ohne Unterlass. Die Zeiger drehen sich unaufhaltsam im Kreis. Eines Tages werden auch sie still stehen.
Ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt die alte Uhr durch eine Digitaluhr zu ersetzen. Jetzt sehe ich darin keinen Sinn mehr. Ich sitze reglos auf dem Sofa und starre die Uhr an. Die Wunde an meinem Hals pocht unter dem Kühlkissen. Kondenswasser hat sich auf der Plastikoberfläche des Pads gebildet und läuft langsam an meinem Hals runter. In fünf Minuten werde ich mir ein neues Kühlpad aus dem Eisfach holen. Fünf Minuten, in denen ich dem Ticken der Zeiger lauschen muss. Fünf quälend lange Minuten, in denen ich wieder und wieder die letzte Nacht durchlebe.
Wieso rennt der Mensch wissentlich in sein Verderben? Wieso fassen Kinder auf heiße Herdplatten, obwohl ihre Eltern sie wieder und wieder gewarnt haben? Wieso bin ich Schutzlos den Weg durch den Hafen gegangen, wo ich doch all die Geschichten kannte. Seit der Grundschule wurden wir immer wieder vor ihnen gewarnt. Vor ihnen. Wie sich das anhört. Immer noch traue ich mich nicht, sie beim Namen zu nennen, wo ich doch bald einer von ihnen sein werde.
Lange habe ich versucht, es zu leugnen, doch ich habe die ganze Zeit gewusst, dass sich außer dem Pochen der Wunde und dem Schwindelgefühl noch ein Gefühl bei mir eingestellt hat. Anfangs dachte ich noch, ich hätte mich zu allem Überfluss erkältet. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass das Kratzen in meinem Hals eine andere Ursache hat. Ich habe bereits drei Flaschen Wasser getrunken, und verspüre dennoch Durst. Durst nach… Ich weigere mich, daran zu denken.
Ich stehe auf und wechsle das Kühlkissen. In der Küche trinke ich ein weiteres Glas Wasser. Mit jedem Schluck wird das Kratzen in meinem Hals schlimmer, wird der Durst größer, die Gewissheit, was ich brauche, klarer.
Ich setze mich wieder auf mein Sofa. Eine Stunde werde ich noch aushalten. Eine weitere Umdrehung des großen Zeigers. Und wenn ich Glück habe und stark bin, halte ich danach noch eine weitere Stunde aus.
Ich schließe die Augen. Sofort höre ich die Nachbarin in der Wohnung nebenan lachen.
Nur noch eine Stunde, und dann vielleicht noch eine.
Es kratzt in meinem Hals. Der Durst zieht unergründlich tiefe Furchen in meinen Rachen.
Die Nachbarin lacht.
Nur noch eine…
Ich stehe auf und gehe zur Tür.

Ende

Verschlafen

Passend zum Titel erscheint der heutige Text leicht verspätet. Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß beim Lesen.

Die Leute sagen, unseres sei das verschlafenste Nest der Welt. Sie sagen das mit einer solchen Verachtung, dass man sich fragen muss, was ihnen ihr Leben in der schnellen Welt dort draußen, mit all den Burnouts, der Arbeitslosigkeit und dem ganzen Gesindel, gibt. Was bringt einem ein Smartphone mit bestem Netzempfang, wenn es einen doch nur wieder und wieder daran erinnert, dass man dem Leben nicht genügen kann? Niemand, der von draußen je bei uns zu Besuch war und verzweifelt nach einem einzigen Balken Empfang gesucht hat, konnte mir diese Frage bisher befriedigend beantworten.
Was einem das Leben in unserem Nest daher beschert – wobei „beschert“ zu negativ klingt, es müsste heißen „darreicht“ – was es einem also darreicht, ist frisches Brot vom Bäcker, gebacken aus Mehl vom Müller, frische Milch von glücklichen Kühen vom Bauer Reimund oder vom Tillmann, nette Nachbarn und vor allem Ruhe. Unendliche Ruhe.
Die meisten denken, die Ruhe entstünde, weil es bei uns keine Kinder gibt. Doch die gibt es. Sie gehen entweder in den Kindergarten neben der Kirche oder werden in der Schule vom alten Pichler unterrichtet. Es kommen zwar noch zwei junge Lehrerinnen von außerhalb, doch der Pichler hat die beiden gut im Griff, so dass sie unseren Buben und Mädeln nichts beibringen, was sie nicht wissen brauchen. Wer will schon Französisch lernen, wenn er doch nie in die Welt hinaus gehen möchte?
Die Ruhe im Dorf kommt woanders her. Wenn man tagsüber durch die Straßen schlendert, um vielleicht im Kaufladen Obst zu holen, hört man ein Brummen und kein Gerede, da jeder bei der Arbeit ist. Denn bei uns gibt es niemanden, der mal eben nichts zu tun hätte. Jeder hat sein Tagewerk zu verrichten. Manche freilich außerhalb, da die Näherei neben der alten Schmiede nicht für jeden einen Arbeitsplatz bietet, doch von halb acht bis nachmittags um fünf geht jeder seiner Pflicht nach.
Die Ruhe spürt man auch im Wald, der uns umgibt. Hier zwitschern noch die Vöglein, springen die Rehe durchs Unterholz, denn hier gibt es nichts als Natur. Kein Müll liegt abscheulich auf der Erde rum und vergiftet die Tiere oder stört den Blick des Wanderers. Kein Windrad verschandelt die Umwelt mit seiner Monstrosität. Natürlich gab es einst Bestrebungen solch ein Ding zu errichten, um die Gemeinde mit Strom zu versorgen, doch der beherzte Protest der Bürger hat dafür gesorgt, dass diese Sünde am Landschaftsbild die Nachbargemeinde begnügt.
„Was“, so fragen die Leute von außerhalb, „ist denn das Besondre an euch Dörflern?“
Menschen, die solche Fragen stellen, erzähle ich von den allsonntäglichen Fußballspielen unserer Mannschaft. Wenn die Vereine der Nachbargemeinden zu uns auf den Sportplatz kommen, ist das ganze Dorf versammelt. Man isst Rindswurst – stets steht der Tillmann am Grill und kann auf Nachfrage den Namen der Kuh nennen, die man soeben verspeist -, trinkt Bier und auf dem Platz wird gekämpft, bis der letzte Mann nicht mehr laufen kann. Hier sind wir unter uns, denn die Zuschauer der Gastmannschaften finden meist den Weg nicht, mit ihren teuren Navigationscomputern und Smartphones.
Manchmal habe ich Angst, es könne sich etwas ändern. Etwa, wenn mal wieder einer von der Telefongesellschaft kommt, um einen Standort für einen dieser Sendemasten zu finden. Dann ruht alle Hoffnung auf dem Förster. Siegbert macht dann nämlich die Geländebegehung mit dem Herrn. Der ist anfangs immer ganz angetan von der schönen Natur und findet es eigentlich auch schade, dass hier bald eines dieser Dinger aufgebaut werden soll. Doch spätestens, wenn Siegbert im die alte Fledermaushöhle gezeigt hat, ist wieder Ruhe. Dann muss nur noch jemand den Wagen des Heinis entsorgen, falls man nach ihm sucht. Doch, sollte jemand kommen und Nachforschungen anstellen, wäre noch genug Platz bei den Fledermäusen.

Ende

Das gestrichene Kapitel

Ich wage einmal etwas: Mein neuestes Machwerk liegt zur Zeit noch bei diversen Testlesern und wartet noch gespannt darauf, ein weiteres Mal überarbeitet zu werden. Der Text für heute ist ein Auszug aus einem Kapitel, dass es leider nicht über die erste Überarbeitung hinaus geschafft hat (sage und schreibe 4348 Wörter). Viel Spaß beim Lesen. Um nichts vorweg zu nehmen, habe ich mal spontan ein paar Namen geändert.

Oskar hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Jeden Morgen (war es morgens, oder doch eher abends) kam einer der Männer und gab ihm eine Spritze in den Arm. Danach waren alle Schmerzen weg. Die Welt schwand dahin und Oskar löste sich langsam auf. Wenn er erwachte, musste er sich meist übergeben. Anfangs kam nur ekliger Schleim aus seinem Mund. Später gesellte sich auch Blut hinzu. Die Tage zerflossen zu einem Brei aus Übelkeit, Spritzen und trockenem Brot dass einer der Kerle Oskar in den Mund steckte. Die drei Männer redeten nie, und nach einiger Zeit glaubte Oskar nicht mehr, dass sie wirklich da waren. Er hatte sie sich nur eingebildet, wie er sich so vieles in letzter Zeit eingebildet hatte. Die Wachträume im Koma (Dubois Stimme!), sein Leben auf dem Hof, seinen neuen Freund Sven und seine Erfolge beim Schreiben. „All das hat es nie gegeben“, dachte Oskar. Und dann fiel er.
Oskar stürzte in einen Traum und es fühlte sich an, wie damals, als er von der Brücke gesprungen war. Oskar hatte es einfach nicht mehr ertragen, ein nichts zu sein. Gefangen in einem Leben, dass er nicht mehr leben wollte. Ohne Ziele, die er erreichen konnte. Er war früh morgens losgegangen und ziellos durch die Gegend spaziert, bis er gegen Abend an der Bavariabrücke ankam. „Soll ich hier sterben?“, hatte er sich gefragt. Er hatte die Radlkoferstraße zur Hälfte überquert und war dann auf die Brücke gelaufen. Dort hatte Oskar sich auf das Geländer gestellt, die Augen geschlossen („Nicht lange nachdenken!“) und war gesprungen.
Aus diesem Sturz erwachte er jetzt. Er schrie und schrie. Als er die Augen aufriss, durchzuckte ihn ein Schmerz. Über ihm war nichts als die kahle Decke. Oskar drehte sich zur Seite und erbrach sich neben sein Bett. Als er wieder aufblickte, sah er, dass einer der Männer immer noch da war. Er saß stumm auf einem Klappstuhl. Jetzt nahm er eine Telefon aus seiner Tasche und Oskar fiel zum ersten Mal die seltsame Kleidung auf, die der Kerl trug. Er war von Kopf bis Fuß in einen schwarzen Plastikanzug gepackt. („Sie wollen keine Spuren hinterlassen du Superhirn!“) Der Bullige wählte eine Nummer und wartete.
„Ich denke, wir können ihn jetzt bringen.“
Stille. Der Bullige lauschte den Anweisungen. (Er lauschte Dubois Anweisungen.)
„Ja, wir laden ihn vor dem Hof aus.“
Wieder Stille.
„Hier ist alles klar. Wir haben keine Spuren hinterlassen.“
Wieder lauschte der Bullige dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.
„Okay, wir machen dann später hier Klarschiff.“
Er legte auf und ging auf Oskar zu.

Das ist auch völlig denkunmöglich

Vor langer Zeit hat mir der liebe Lutz obigen Titel vorgegeben. Vor noch längerer Zeit hat er mit den bereits veröffentlichten Text über Körzdörfers Kratzen geschenkt. Hier ist nun ein weiterer Körzdörfertext.

Körzdörfer lag mal wieder wach in seinem Bett. Ein tiefsitzender Teil seines Reptilienhirns wünschte sich, er läge wach in Emilias Bett, doch es gab gute Gründe, warum dem nicht so war.
Emilia war vor etwa einem Monat zu seinem Forscherteam gestoßen. Ihre Reputation passte nicht mehr wirklich zu Körzdörfers aktuellem Untersuchungsgebiet. In Emilias Bewerbung stand nämlich noch, sie sei eine Koryphäe auf dem Gebiet des „Kratzens“, doch Körzdörfer hatte sich bereits anderen Themen – wie zum Beispiel der „Entschleunigung des Nagelwachstums“ – zugewandt.
Er hatte sie dennoch in sein Team aufgenommen und Emilia hatte sich direkt gut eingearbeitet.
„Da sieht man mal wieder, dass sich ein wahrer Wissenschaftler für jede Disziplin begeistern kann“, dachte Körzdörfer, der sich doch auch für jede Disziplin begeistern konnte, ausgenommen der Kunst und der Literatur. In jenen Zweigen des Baums des Wissens wurde – Körzdörfers Meinung nach – keine zielführende Forschung betrieben, was, wie er nicht müde wurde zu erläutern, daran lag, dass es nichts zu erforschen gab.
Das erste Mal war Körzdörfer der Glanz in Emilias Augen aufgefallen, als sie ihm im Labor half, die Proben – abgestorbene Zehennägel, Haare, verfaulte Backenzähne und Hautschuppen – zu katalogisieren. Über dem blassen Blau ihrer Iris schimmerte ein leichter Tränenfilm, auf den das Licht der Laborlampe in einem solchen Winkel fiel, dass es sich, dank der Interferenzen zwischen den verschiedenen Wellenlängenbereichen, in die Spektralfarben zerlegte. Wunderschön. Körzdörfer verspürte sofort ein Kribbeln in der Magengegend: Das untrügliche Zeichen dafür, dass er auf ein neues Forschungsgebiet gestoßen war.
Emilia hatte ein wenig verwundert gewirkt, als Körzdörfer sie fragte, ob er den Glanz ihrer Augen untersuchen dürfte, doch nach einiger Zeit hatte sie zugestimmt. Alles für die Wissenschaft.
Es blieb jedoch nicht bei den Augen. Emilias Körper erwies sich als eine Goldgrube der Wissenschaft. So galt es, ebenfalls die Zusammensetzung ihres Atems, die Fülle ihrer langen hellbraunen Haare, die Form ihrer Ohren und nicht zuletzt das Vorhandensein des Goldenen Schnitts in ihren Körperproportionen zu erforschen.
Körzdörfer schrieb Seite um Seite. Er entwarf Computerprogramme, die ihm bei der Auswertung seiner Studie halfen. Und wie durch ein Wunder – oder einfach nur deshalb, weil Amazon seine Tätigkeit auf dem Rechner überwachte – wurde ihm eines Tages bei der Internetrecherche eine Werbeanzeige für ein Buch eingeblendet. Es war Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.
Körzdörfer hatte mal von der Existenz dieses Buches gehört, so wie man wahrnimmt, dass es Blätter an den Bäumen gibt, doch er hatte es nie gelesen. Jetzt wurde er aufmerksam, und aus einem Impuls heraus bestellte er es sich. Eigentlich hielt er sich nicht für einen impulsiven Menschen. Fragte man jedoch seine Kollegen, so äußerten die meisten, sein Forschungseifer hätte schon etwas von einem impulsiven Kleinkind, das ständig ein neues Spielzeug brauche.
Am nächsten Tag las Körzdörfer den „Werther“ in einem Zug durch. Und dieses Buch machte etwas mit ihm. Es pflanzte einen Samen in sein Hirn. Einen Samen, der so klein war, dass er beinahe von den übrigen Gedanken, die jede Minute in Körzdörfers Kopf entstanden, zerdrückt worden wäre, doch wie durch Zauberhand geschah es, dass der Same zu keimen begann und aus ihm eine herrlich große Pflanze erwuchs.
Die Pflanze hatte den Namen „Erkenntnis, dass das Kribbeln, das er in Emilias Nähe empfand, nichts mit seinem Drang nach Forschung zu tun hatte, sondern schlicht ‚Verliebtheit‘ war“. Es war spät in der Nacht, als ein Ast der mittlerweile ausgewachsenen Pflanze abbrach und Körzdörfer genau auf den Kopf fiel. Er schreckte in seinem Bett hoch und das erste, was er sah, waren ihre Augen und der leichte Schimmer darin.
War es möglich, dass er verliebt war? Um Gottes Willen, nein!
Okay, Körzdörfer glaubte nicht an Gott, ebenso wenig an die Liebe.
Aber Emilia…
„Nein, das ist auch völlig denkunmöglich!“
Er löschte das Licht und schloss die Augen und dann sah er sie wieder. Ihre perfekt geformten Ohren und er verspürte den völlig unlogischen Drang, mit seiner Zunge den Ohrknorpel und die Ohrmuschel entlangzufahren.
„NEIN!“, schrie er, „DAS IST AUCH VÖLLIG DENKUNMÖGLICH!“

Ende

Der Maulbeerbaum – 5

Es folgt das Finale. Während ich die Geschichte geschrieben habe, habe ich mich dazu entschlossen, alles gut ausgehen zu lassen. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Von den knapp 66000 Wörtern sind nach einer ersten Überarbeitung noch knapp 55000 übrig geblieben. Jetzt warte ich gespannt auf die Rückmeldung meiner Testleser.)

Zacharias sah Gott sei Dank in eine andere Richtung und so konnte Jojakim in unbemerkt beobachten. Zacharias ging schnellen Schrittes die Straße entlang und Jojakim folgte ihm. Es schien, als gingen sie ziellos durch die Stadt, doch sie näherten sich unwillkürlich dem Stadtrand. Jojakim war schon früher einmal mit Thomas dort draußen gewesen. Er wusste, was kommen würde, wäre nichts weiter als eine staubige Wüste. Was um alles in der Welt wollte sein Vater dort? Jojakim wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias sich plötzlich umdreht, ihn sah und ungläubig fragte: „Jojakim, bist du das?“
Jetzt zählte es. Jojakim spürte alle Reaktionen seines Körpers auf einmal. Sein Herz raste, Schweiß bildete sich auf seinen Händen, in seinen Ohren dröhnte ein lautes Summen, ihm wurde schwarz vor Augen. Es kostete ihn einiges an Kraft, sich nicht hinknien zu müssen, standhaft zu wirken. Er räusperte sich, ehe er mit seiner rechten Hand nach hinten in den Hosenbund griff und nach der Waffe tastete. Sie lastete schwer in seiner Hand, wie damals die Waffe seines Vaters.
„Ich bin gekommen, um das zu tun, was du früher nie geschafft hast.“
Er zog die Waffe und richtete sie auf seinen Vater.
„Ich werde dich erschießen. Hier auf dieser Straße. Ich werde das tun, was du hättest tun sollen.“
„Jojakim, nein!“, schrie sein Vater, doch Jojakim wollte nichts hören. Er wollte nur noch das loswerden, was ihm seit seiner Kindheit auf der Seele brannte, und dann wollte er endlich einen Schlussstrich ziehen.
„Wieso hast du mich und Mama damals so gequält, anstatt einfach dich selbst zu töten? Du mit deiner Sauferei! Jeden Abend warst du blau und deine Augen sagten ‚Ich will nicht mehr‘. Wieso hast du es denn dann nicht einfach selbst getan? Stattdessen musstest du mich quälen!“
„Jojakim, ich bitte dich. Lass uns über alles reden. Ich wollte das doch alles nicht!“
Jojakim wurde übel. Er spuckte auf den dreckigen Straßenboden, die Waffe immer noch auf seinen Vater gerichtet.
„Halt dein dummes Maul!“, schrie Jojakim und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
„Ich…ich wollte das nicht“, schluchzte Zacharias und sank auf die Knie. So hatte Jojakim sich das Treffen vorgestellt. Jetzt würde er es beenden. Er würde jetzt…
„Wir hatten nie etwas zu feiern.“
Jojakim verstand zunächst nicht, was sein Vater meinte. Doch dann erinnerte er sich an die Vaterschaft des Einen und die Erbschaft des Anderen und an all die anderen fadenscheinigen Gründe deretwegen sein Vater betrunken nach Hause gekommen war.
„Ich wollte nie so sein, wie mein Vater, glaub mir. Er war grausam. Die Waffe war von ihm.“
Jojakim hatte Mühe, den Satzfragmenten seines Vaters einen Sinn zu entnehmen. Je länger er zuhörte, desto mehr wurde ihm klar, dass hier auch er sprechen könnte. Die Waffe des grausamen Vaters. War es möglich, dass er die gleichen Fehler beging, wie sein Vater? Aber er war doch im Recht. Ihm war Unrecht getan worden. Er war im Recht!
„Er hat immer gesagt, er brauche sie, um sich gegen die Nazis zu schützen. Bloß gab es bei uns gar keine Nazis. Es gab nur ihn, Mutter, meine Schwester und unseren Nachbarn. Der war ein kleiner netter Palästinenser und eines Morgens lag er mit einem Loch im Kopf auf dem Hof. Mein Vater zwang mich, ihn hinterm Haus zu vergraben. Er zielte mit der Waffe auf mich, während ich das Grab aushob.“
In Jojakims Kopf blitzten Bilder auf. Sein Vater, wie er ihm die Waffe an die Stirn hält. Seine Mutter, wie sie weint. Seine Mutter, wie sie das Bügeleisen nach ihrem Mann wirft.
„Er hat mich gezwungen, seinen Mord zu vertuschen.“
Jojakim sah, wie schwer es seinem Vater fiel, all das zu erzählen. Er sah, wie es auch ihm Schmerzen bereitete, all den Schrecken erneut zu durchleben.
„Jeden Abend hat er mich geschlagen, hat mir den Lauf der Waffe an die Stirn gehalten. Einmal hat er ihn mir in den Arsch geschoben!“
Zacharias weinte jetzt hemmungslos und Jojakim kämpfte weiter gegen das Gewicht der Waffe an.
„Ich habe ihn gehasst und eines Tages habe ich ihn mit seinem eigenen Revolver erschossen!“
Jojakim erinnerte sich an Micha, der behauptet hatte, Aron sei nicht sein Großvater.
„Ich rannte weg, verlor mein halbes Leben. Und jeden Tag schwor ich mir, nie so zu werden wie mein Vater. Jeden Tag diese Qualen.“
Jojakim senkte die Waffe. Sein Vater sah ihn schon lange nicht mehr an. Er redete vielmehr zu sich selbst.
„Und dann traf ich deine Mutter. Sie hat mir das Leben gerettet. Und Aron, der mich zu sich aufnahm, mich wie seinen eigenen Sohn behandelte.“
Zacharias hatte aufgehört zu weinen. Er starrte nur weiter ins Leere und beichtete sein Leben.
„Wir waren glücklich. Ich war glücklich. Das erste Mal in meinem Leben war alles gut. Und dann kamst du. Du warst ein Engel. Alles war so gut. Wir hatten dich. Wir hatten uns. Und ich hatte Arbeit. Alles war so gut, bis…“
Zacharias machte eine Pause. Jojakim hob den Revolver wieder an. Vor lauter Anspannung tat ihm der Arm weh. „Wieso erschießt du ihn denn nicht gleich?“, fragte er sich. Doch er kannte die Antwort. Er musste mehr über seinen Vater erfahren.
„Wir stellten Konservendosen her. Das haben sie uns immer gesagt. Und wir Trottel haben es geglaubt. Wir haben jeden Tag die Maschinen eingeschaltet und gewartet und das neue Material angeschafft und uns nie gefragt, was wir da eigentlich taten. Wir stellten Konservendosen her. Wenn ich nicht lache.“ Zacharias lachte verächtlich. Dann sprach er weiter. „Eines Tages belauscht Ruben ein Gespräch der Chefs. Er faselt irgendwas von Kriegsgeräten, die wir angeblich bauen. Ich lache ihn aus, doch der Zweifel ist gesät und so brechen wir in das Büro des Chefs ein und finden Pläne von Bomben. Bomben, die Menschen töten. Und uns wird klar, dass wir für die Tode unzähliger Menschen verantwortlich sind und wir können mit dieser Schuld nicht leben und so betrinken wir uns. Und jeden Morgen, den ich aufgewacht bin, sehe ich die verkohlten Leichen der Bombenopfer vor mir und dann sehe ich deine Mutter und dich und alles ist wieder gut und auf der Arbeit rieche ich verbranntes Fleisch und höre dumpfe Explosionen und laute Schreie und ich halte es nicht aus und trinke wieder, bis ich nichts mehr wahrnehme.“
Zacharias drehte seinen Kopf und sah Jojakim jetzt wieder in die Augen. Dem war die Waffe nun doch zu schwer geworden und so hatte er die Hand gesenkt.
„Es tut mir alles so leid!“
Mehr hörte Jojakim nicht mehr. Er ließ die Waffe fallen und drehte sich um. Er rannte so schnell er konnte. Fort von seinem Vater, fort von der Stadt. Er rannte, bis ihm die Lunge brannte und er sich vor Schmerzen beinahe übergeben musste. Als er endlich stehen blieb, hatte er die Stadt weit hinter sich gelassen. Hier draußen war nicht mehr außer Fels und Sand.
Und ein Maulbeerbaum.
Jojakim ging zu dem Baum und setzte sich in den Schatten. Sein Herz hämmerte immer noch, doch dieser Ort, dieser kleine schattige Fleck, brachten ihn auf eine seltsame Art zur Ruhe.
„Es war gut, die Waffe zu senken.“
Jojakim dachte über diesen Satz nach. Er weinte, da er versagt hatte. Er hätte seinen Vater gleich erschießen sollen. Er hätte sich nicht von ihm zuschwallen lassen dürfen.
„Es ist immer besser, einander zu vergeben.“
Jojakim war sich nicht sicher, ob er seinem Vater wirklich vergeben hatte, oder ob ihm am Ende einfach der Mut gefehlt hatte. Er hätte doch einfach nur…
„Rache ist niemals gerecht. Ebenso wie die Gnade.“
…abdrücken sollen. Eine kleine Bewegung seines Zeigefingers hätte ausgereicht. Wieso hatte er es nicht tun können? Wieso?
„Weil du etwas in den Augen deines Vaters gesehen hast.“
Er hatte gesehen, dass sein Vater einst er gewesen war. Und er würde werden wie sein Vater. Beladen von der Schuld. Und es würde kein Entkommen geben. Selbst dann nicht, wenn er ein neues Leben anfing. Er würde nie ohne seine Vergangenheit leben können. Aber er würde auch nie in einer Zukunft leben müssen, in der er seinen Vater erschossen hatte. Alles, was er tun musste, war aufstehen und in dieses neue Leben gehen. Doch Jojakim war zu müde, und so beschloss er, dass er noch eine kurze Weile unter dem Maulbeerbaum sitzen bleiben würde. Sein neues Leben konnte nicht einen kurzen Moment warten.

Ende

Der Maulbeerbaum – 4

Es geht auf die Zielgerade. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Es leben jetzt noch ca. 62000 Wörter.)

Es war ein heißer Nachmittag und Jojakim schlenderte mit Mariam Hand in Hand durch die Straßen. Sie liebten beiden die kleinen Seitengassen viel mehr als die überlaufenen Hauptstraßen. Gerade hatte Jojakim in einem kleinen Laden eine Holzschnitzfigur für seinen Sohn gekauft – Mariam trug ihn auf den Rücken gebunden –, da sah er ihn. Jojakim konnte seinen Augen nicht trauen, als er den Mann, der ihn als kleiner Junge so gequält, und den er dennoch so geliebt hatte, in einem kleinen Café sitzen sah. Zacharias hatte eines Tasse Espresso, wie in die Südeuropäer bevorzugen, vor sich stehen. Jojakim wollte gerade Mariam auf seinen Vater aufmerksam machen, als er neben sich ein Klirren vernahm. Es klang, als sei eine kleine Porzellantasse zu Boden gefallen, oder als habe eine dünne Glasscheibe auf einmal einen Sprung bekommen. Jojakim drehte sich zu Mariam um und erstarrte, als er sah, wie sie wie ein Scherbenhaufen in sich zusammenfiel und sogleich fielen die Schuppen von seinen Augen und er erkannte, dass sein Leben, wie er es kannte, nichts weiter war als ein immer wieder und wieder geträumter Traum. Sein Sohn Moses hatte sich schon in Luft verwandelt und ganz langsam, wie in Zeitlupe, verschwand nun auch Mariam. Die einzelnen Scherben zerfielen zu Staubkörnern, die der Wind davontrug. Jedes Detail ihres makellosen Körpers, dass er sich in den letzten Jahren ausgemalt hatte, verblasste zu nichts, zu einer Erinnerung an ein Leben, dass nie eines gewesen war. Alles, was jetzt noch war, war sein Vater Zacharias, der – ohne es zu wissen – ein weiteres Mal Jojakims Leben zerstört hatte.
Dafür musste er büßen.
Jojakim wollte mit heiligem Zorn auf ihn zu rennen und ihm am liebsten den Schädel einschlagen, doch der gleiche Zorn, der ihn wünschen ließ, seinen Vater zu töten, hielt ihn nun zurück. Wie gelähmt stand Jojakim an der Kreuzung und beobachtete den Mann, der ihm alles genommen hatte. Er würde ihn töten, das stand fest. Aber er würde es nicht jetzt tun. Er würde warten und es zu gegebener Zeit tun. Vorher würde er herausfinden, wo sein Vater lebte.
Jojakim stellte sich so hinter eine Hausecke, dass er vom Café aus unmöglich zu sehen war. Immer wieder schielte er um die Ecke, um nachzuschauen, ob sein Vater noch dort säße. Als dieser nach einer Zeit, die Jojakim wie ein Jahr vorkam, endlich aufstand, folgte Jojakim ihm. Er ließ immer genügend Abstand zu seinem Vater und es gelang ihm, herauszufinden, wo er wohnte, ohne bemerkt zu werden.
Zacharias wohnte in einem heruntergekommen Häuserblock, in dem viele ehemalige Sträflinge untergebracht wurden. Jojakim merkte sich die Hausnummer. Er würde sich zunächst überlegen, wie er seinen Vater umbringen wollte. Dann würde er wiederkommen und darauf warten, dass sich eine günstige Gelegenheit ergab.
Er wandte sich von dem Haus seines Vaters ab und schlug die Richtung zu seinem Heim ein. Auf dem Weg dort hin schlenderte er wieder durch die engen Gassen, stets in der Hoffnung, einen klaren Kopf zu bekommen. Und in der Hoffnung, dort Mariam zu begegnen. Er wollte sein altes Leben wiederhaben. Wenigstens eines der beiden.
Als er an einem Kramladen vorbeikam, wurde er stutzig. Im Schaufenster waren einige der Waren ausgestellt. Darunter auch ein alter Revolver, den wohl einmal jemand bei einem Pfandleiher eingelöst hatte. Es war nicht exakt das Model, mit dem sein Vater ihn früher immer gequält hatte, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Jojakim blieb vor dem Schaufenster stehen und sah interessiert nach dem Preis, obwohl im klar war, dass niemand ihm eine Waffe verkaufen würde. Aber er musste sie ja nicht kaufen. Er musste nur schnell genug sein. Und das Terrain kannte er wie kein zweiter. Zu oft war er mit Mariam…
Er betrat den Laden. Man konnte von hinten ins Schaufenster greifen. Lediglich ein wackliges Regal trennte das Fenster vom Innenraum des Ladens ab. Jojakim sah sich im Laden um. Es waren keine Kunden da und der Verkäufer saß gemütlich hinter seinem Tresen und las in einer Zeitung. Jojakim holte tief Luft. Dann stieß er das Regal um, griff blitzschnell nach der Waffe und rannte aus dem Geschäft nach draußen. Vor der Tür prallte er gegen eine alte Frau, die soeben die kleine Treppe hochstieg. Das alles ging so schnell, dass der Verkäufer nicht einmal die Zeit hatte, laut aufzuschreien und hinter Jojakim herzurennen.
Draußen war die Luft immer noch drückend heiß und Jojakim musste schon nach ein paar Metern keuchend nach Luft schnappen. Er zwang sich, nicht zu rennen, sondern nur zügig zu gehen. Dabei bog er jede zweite Straße ab, um so eventuelle Verfolger in die Irre zu führen. Doch niemand folgte ihm. Und so kam er eine knappe Stunde später im Heim an.
Er ging hinunter in den Keller und versteckte die Waffe hinter einem Stapel Gerümpel. Jetzt musste er nur noch an Munition kommen. Doch er wusste schon, wo er sich die beschaffen konnte. Der einzige, von dem er wusste, dass er eine Schusswaffe besaß, war der Heimleiter Achmet. Der alte Kauz hatte immer behauptet, die brauche er, um sich gegen die wirklich üblen Typen – er hatte ihnen nie gesagt, wen er damit meinte – zur Wehr zu setzen. Das einzige Problem war, dass Jojakim dazu in Achmets Büro einbrechen musste. Sollte er dabei erwischt werden, flöge er direkt aus dem Heim, ohne die Gelegenheit, seine sieben Sachen zusammenzupacken. Er durfte einfach nicht erwischt werden.
Während des Abendessens tat er so, als sein ihm speiübel. Er erbat sich, zur Toilette gehen zu dürfen.
„Komm aber sofort wieder“, rief ihm der Pfleger noch hinterher.
Jojakim ging nicht zur Toilette, sondern schlich die alte Treppe nach oben zu Achmets Büro. Die Holzdielen knarzten bei jedem Schritt und Jojakims Herz pochte so laut, wie es zuletzt bei seinem ersten Kuss gepocht hatte. Nur, dass die hier real war. Realer.
Die Tür zu Achmets Büro stand offen, so dass er noch nicht einmal einbrechen musste. Er huschte in das kleine Büro und schloss die Tür hinter sich. Er hatte nur Gerüchte gehört, Achmet besäße eine Pistole, wusste aber weder, um welchen Typ es sich handelte – genau genommen, war er sich noch nicht einmal darüber im Klaren, dass es verschiedene Munitionstypen gab – noch wo die Waffe deponiert sein würde. Mit der Hoffnung, dass alle Männer ihre Waffen so unvorsichtig lagerten wie sein Vater, öffnete Jojakim die Schreibtischschublade. Achmets Schublade war ebenfalls nicht verschlossen. Doch sie enthielt keine Pistole. Jojakim wollte sie schon enttäuscht wieder schließen, als er die Patronen sah. Es waren zwei. Hastig nahm er sie beide und steckte sie in seine Hosentasche. Dann eilte er aus dem Büro und ging leise nach unten in den Speisesaal zurück.
„Das hat aber ziemlich lange gedauert“, sagten die anderen und Jojakim antwortete mit Schweigen. Er setzte sich stumm wieder an seinen Platz und aß brav seine Falafel.
Vor lauter Aufregung bekam er kaum einen Bissen herunter. Er war sich jetzt sicher, dass er morgen seinen Vater erschießen würde. In nicht einmal vierundzwanzig Stunden würde er den Mann töten, der…
„Erde an Jojakim!“
Achmet rüttelte ihn an der Schulter und Jojakim sackte das Herz in die Hose. Wie hatte Achmet nur so schnell feststellen können, dass er bei ihm eingebrochen war?
„Du bist heute dran mit Tischabwischen. Mach verdammt nochmal schnell, heute wird früh geschlafen!“
Jojakim nickte nur. Dann stand er langsam auf, nahm sich den Eimer und den Lappen und wischte über die Tische. Er tat dies gründlich, wollte er doch keinen weiteren Ärger provozieren. Nach zehn Minuten war er fertig. Er ging hoch in sein Zimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Er schloss die Augen, konnte jedoch nicht einschlafen. Das erste Mal seit Jahren lag er allein in dem Bett, dass er mit seiner Frau geteilt hatte. Er versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, doch was früher so gut funktioniert hatte, wollte einfach nicht klappen. Es gelang Jojakim nicht, wieder in seine Welt abzutauchen, aus der Realität aufzutauchen.
Immer wieder ging er den morgigen Tag durch und über dem sich wiederholenden Pläneschmieden schlief er doch endlich ein.
Der nächste Morgen weckte ihn mit freundlichen Sonnenstrahlen. Jojakim stand leise auf, zog sich an und verließ das Zimmer, ohne einen der anderen Jungen zu wecken. Er schlich hinunter in den Keller und holte die Pistole aus ihrem Versteck. Jojakim lud die zwei Patronen in die Trommel – sie passten tatsächlich – und schob sich den Revolver unter seinem T-Shirt in den Gürtel. Er kam sich vor wie einer der Gangster aus den Filmen, die er zusammen mit Miriam…
Jojakim verließ das Heim und ging zielstrebig auf das Haus seines Vaters zu. Dort stellte er sich an die gegenüberliegende Straßenecke und behielt die Tür im Auge. Er wartete. Nach einer Stunde schmerzten seine Füße, so dass er sich auf den noch kalten Steinboden setzte. Als ihm schließlich beide Beine einzuschlafen drohten, stand er wieder auf und trat von einem Bein aufs andere. Während er so seine Konzentration hochhielt, ging er immer wieder aufs Neue die Konfrontation mit seinem Vater durch. Sollte er ihn zuvor noch zur Rede stellen? Oder sollte er ihn einfach hinterrücks niederschießen? Er war sich sicher, dass er ihm zuvor noch in die Augen blicken wollte. Es war der Augenblick, auf den er jetzt schon so viele Jahre wartete.
Jojakim wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias zur Tür heraustrat.

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