Have a break, write a book

Kategorie: Sachtexte

Davids Bücherregal – „Schilf“

Irgendwie sticht mich zur Zeit der Hafer nicht so recht. Die Muse möchte nicht küssen. Ich komme einfach nicht zum Schreiben. Also dachte ich mir, ich schreibe einfach mal über die Bücher anderer Leute. Wie gewohnt habe ich mir ein viel zu hohes Ziel gesteckt: Jeden Sonntag möchte ich wahllos ein Buch aus meinem Bücherregal vorstellen. Gut, ganz so wahllos sollte es nicht ablaufen, denn dann bestünde die Gefahr, dass ich drei Wochen hintereinander was von King oder Crichton präsentiere. Aber eben so halbwahllos. Anfangen möchte ich mit Juli Zehs „Schilf“.

Erzählt wird die Geschichte zweier Physiker – Sebastian und Oskar – die unterschiedliche Ansichten zum Thema „Vielweltentheorie“ haben. Sebastians Sohn wird entführt und er erhält den Auftrag den Kollegen seiner Frau zu töten, wenn er sein Kind gesund wieder haben will.
Besagter Kollege trägt den Namen Dabbeling und liebt den Radsport. Irgendwie hatte ich beim Lesen des Buches immer Ted Buckland aus Scrubs vor Augen. Sebastian arrangiert einen Radunfall, den Herr Dabbeling nicht überlebt. Anschließend wartet er weiterhin auf die Befreiung seines Sohnes, rammt sich zwischendurch eine Gabel ins Bein und wird im weiteren Verlauf der Geschichte vom krebskranken Kommissar Schilf überführt.
Genauer gesagt ist bereits Seite 185 (von 381) überschrieben mit „Fünftes Kapitel, in dem der Kommissar den Fall löst, ohne dass die Geschichte deshalb zu Ende wäre.“
Das der Mord nur aufgrund einer phonetischen Ähnlichkeit verübt wurde, tut der Geschichte keinen Abbruch. Das liegt vor allem daran, dass das Buch ein wirklich spannendes Thema hat („Das Wesen der Zeit“) und in schöner Sprache erzählt wird („Vielleicht ist ‚Berührt, geführt‘ weniger eine Schachregel als eine Charakterfrage, dachte der Kommissar, denkt der Kommissar.“)
Von mir erhält das Buch glatte 9,5 von 3 Sternen. Lesen Sie selbst…

Hermann liest

Irgendwie habe ich gerade genug vom Schreiben. Also lese ich. Und zwar alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Mit Lutz quatsche ich über Gelesenes. Damit die Welt etwas davon hat, haben wir es aufgezeichnet. Das erwähnte Gewinnspiel läuft noch bis einschließlich 29.05.2020. Viel Spaß mit der Folge. Die Antwort auf die Quizfrage bitte in die Kommentare.

Deep shit #1

Eigentlich sollte es auf david-schreibt.de um Texte gehen, die für jedermann bestimmt sind. Die aus gewissen Launen heraus geschrieben wurden. Möglichst unpersönlich.

Uneigentlich führe ich noch einen zweiten Blog, ganz altmodisch mit Tinte auf Papier. Manche würden hierzu Tagebuch sagen, aber das trifft es nicht, da ich kein Mensch bin, der sonderlich reflektiert durchs Leben wandelt (und wozu sonst sollte ein Tagebuch dienen, als zur Reflexion über das am Tage erlebte?).

Nun denn. Die Eröffnung ist länger, als der eigentliche Beitrag. Und das, wo ich doch sonst nicht viele Worte verliere. Hier ist mein genialer Gedanke des Tages:

„Wir begrenzen uns, weil wir unser Leben nicht mehr im Griff haben und weil uns das Leben, das uns im Griff hat, nicht gefällt.“

Macht was draus.

Der Beinahepodcast (vielleicht Teil 1)

Vergangenes Jahr habe ich versucht, jeden Monat einen Podcast zu erstellen. Ich habe nachgezählt: Es hat nicht ganz geklappt. Auf meiner Festplatte schlummern noch ein paar Dokumente (eher Fragmente), die ich ursprünglich für diesen Podcast einsprechen wollte. Der folgende Text entstammt einer Episode mit dem Titel „Filme, die einen Kloß im Hals erzeugen“. Aber lesen Sie selbst!

In dem Film „Am Sonntag bist du tot“ spielt Brendan Gleeson einen katholischen Priester, der irgendwo an der irischen Küste seine kleine Gemeinde hat. Er kennt alle seine Schäfchen und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Der Film beginnt jedoch nicht idyllisch – was daran liegen könnte, dass es sich (wie wir schnell erfahren) nur um eine scheinbare Idylle handelt – sondern mit einer Verhängnisvollen Beichte. Ein, zu diesem Zeitpunkt des Films noch unbekannter, Mann erzählt dem Priester, dass er als Kind von einem anderen – inzwischen verstorbenen – Priester vergewaltigt wurde… jeden zweiten Tag! Pfarrer Lavelle – wie Gleesons Charakter heißt – kann zunächst nichts erwidern. Als er versucht, auf den beichtenden einzugehen, eröffnet dieser, dass er plant, Lavelle am kommenden Sonntag am Strand zu erschießen.

Lavelle steckt in der Klemme: Er hat den Mann zwar an der Stimme erkannt, darf ihn aber aufgrund des Beichtgeheimnisses nicht bei der Polizei anzeigen. Sein Vorgesetzter sieht noch die Möglichkeit, das Beichtgeheimnis zu umgehen, doch Lavelle hat andere Pläne. Er fühlt sich seiner Gemeinde und vor allem seiner Tochter verpflichtet. Diese hat kurz zuvor einen Suizidversuch überlebt und will sich nun ein paar Tage bei ihrem Vater erholen.

Der Film begleitet Lavelle während seiner letzten sieben Tage. Dabei lernt der Zuschauer die illustre Gemeine kennen: Der Metzger, der seine Ehefrau schlägt; die Ehefrau, die ihren Mann, den Metzger, mit dem Automechaniker betrügt; den atheistischen Arzt, der voller Zynismus eine Zigarette in einem Spenderherzen ausdrückt; den schwulen Polizeikommissar, der eine Beziehung mit dem Prostituierten Leo hat; den reichen Banker, der seine Anleger betrogen hat und so zu unermesslichem Reichtum gekommen ist. Die Liste der kaputten Menschen ist lang. Aber alle Charaktere des Films sind zutiefst menschlich – eben weil sie so kaputt sind.

Über der Geschichte hängt jedoch noch drohend der Kindesmissbrauch der in der Katholischen Kirche stattgefunden hat. Hierfür will der Film keine Lösung bieten, wohl aber für das Thema dieses Podcasts: Kurz vor seinem Tod, telefoniert Lavelle mit seiner Tochter. Dabei kommen sie auf Sünden und Tugenden zu sprechen. Laut Lavelle wäre die Welt eine bessere, wenn man nicht mehr so oft über Schuld und Sünde spreche, sondern wieder mehr über Tugenden. Und als Tugend Nummer eins nennt er die „Vergebung“. Dass seine Tochter das begriffen hat, sieht man, wenn sie in der letzten Szene des Films im Gefängnis mit dem verurteilten Mörder ihres Vaters spricht.

Was mich an diesem Film so fasziniert hat, ist, dass er es geschafft hat, dass ich mir im Kino für den Bruchteil einer Sekunde gewünscht habe, der als Kind misshandelte – zu diesem Zeitpunkt noch zukünftige – Mörder möge sich mit seiner Waffe selbst erschießen. Nach diesem Bruchteil einer Sekunde habe ich mich unglaublich schlecht gefühlt.

Where the story happens

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich meinen Kurzkrimi „ESAV EID – Die Vase“ für den Krimiwettbewerb des Krimifestivals in Gießen geschrieben. Einer der beiden zentralen Grundgedanken war, dass die Geschichte an nur einem Ort spielt (was ich zugegebenermaßen nicht ganz eingehalten habe, aber ****** drauf). Hierzu habe ich mir zu allererst einmal den Handlungsort – das Wohnzimmer der Familie S. – aufgemalt. Doch wie schafft man es, den Schauplatz einer Geschichte in das Hirn des Lesers zu teleportieren? Es gibt zwei einfache Wege:

  1. Man lässt die Figuren handeln. Dadurch, dass die Charaktere mit der Umgebung interagieren, erhält der Leser direkt ein Bild des Schauplatzes. In ESAV EID liest sich das dann so:
    Nachdem sie das Bücherregal durchforstet hat, rückt sie die übriggebliebenen Bücher enger zusammen, um die entstandenen Lücken zu kaschieren. Auf die frei gewordenen Flächen wird sie später einige dekorative Gläser oder Vasen stellen. Martina stellt den Karton auf dem kleinen Sofatisch ab. Dann geht sie zu dem kleinen Schränkchen, in dem Johannes‘ Musikanlage steht.
    Als Leser weiß ich jetzt, dass es in dem Wohnzimmer ein Bücherregal, einen kleinen Sofatisch und ein kleines Schränkchen – vielleicht eine Art Kommode – gibt.
    Weiter geht’s dann mit den Herren Ermittlern:
    Der Anwaltsgehilfe wirkt unsicher, als wüsste er nichts Rechtes mit sich anzufangen. Er tritt ständig von einem Fuß auf den anderen und blickt dabei immer wieder vom Ecksofa zur Sesselgruppe, die im sechseckigen Erker steht.
    Das Wohnzimmer verfügt offenbar über einen Erker und eine Sesselgruppe. All diese Informationen hat der Leser erhalten, ohne eine langweilige Beschreibung der Umgebung zu lesen, womit ich direkt komme zu Möglichkeit Nr. 2.
  2. Man beschreibt, wie die Gegend halt so aussieht. Ich war allerdings noch nie ein großer Fan von seitenlangen Landschaftsbeschreibungen à la Karl May (auch wenn mein absoluter Lieblingsautor, Michael Crichton, ebenfalls sehr gut darin war), was mich jedoch nicht davon abhält mich ab und an ebenfalls dieser Methode zu bedienen (ich vermute, dass man hierfür sehr viel besser sein muss, als ich es bin). So geschehen in meiner Kurzgeschichte „Sein letzter Witz“, in der Franklin die Wohnung von Rocco dem Clown betritt.
    Der einzige Raum ist gerade einmal so groß wie Franklins Küche und dient als Schlaf- und Esszimmer. In einer Ecke sind eine kleine Herdplatte und eine Spüle installiert. Die Tür zur Toilette ist aus den Angeln gefallen und lehnt an der Wand. Der Toilettendeckel ist hochgeklappt. Im ganzen Raum stinkt es. Absurderweise hängt an der Decke – als wäre er aus einem anderen Universum in die kleine Wohnung hereingeschneit – ein großer alter Leuchter.

Mir fällt kein kluges Schlusswort für diesen Beitrag mehr ein, drum höre ich einfach so auf. Punkt.

Ein Absatz im Wandel der Zeit

Wie ändert sich ein Text im Laufe der Überarbeitung (die ja, zwangsläufig iterativ verläuft)? Meine Texte bieten dafür wahrscheinlich kaum Anschauungsmaterial, da ich – entgegen der Empfehlung eines gewissen Herrn King – eher „mit geschlossener Tür“ (na, vielleicht doch eher „leicht angelehnter Tür“) an die Überarbeitung meiner Texte gehe.

Nichts desto trotz habe ich einmal einen Absatz aus meinem Buch „Haus Marianne“, den ich gerne – in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien – teilen möchte.

1. Die „Rohfassung des Manuskripts“ (von vorne nach hinten runtergeschrieben, Null Überarbeitung, Rechtschreibefehler zum Mitnehmen):
Ich kannte Mia von Früher, als wir beide noch jugendliche waren und noch nicht an Tod oder Dinge wie Darmkrebs dachten. Wobei ich schon an Tod dachte, hatte ich doch kurz nachdem Mia fortgezogen war, einen üblen Kerl die Treppe heruntergestoßen. Das jedenfalls war die Version, der ich seit dem erlaubt hatte, in meinem Gedächtnis zu verweilen.          
Wie man unschwer erkennen kann, ist alles noch arg „verschwurbelt“ und dilettantisch (man beachte den plumpen Versuch des Foreshadowings). Also gings zunächst mal zum Adverbienstreicher Mr. Lu.

2. Die Manuskriptfassung, mit der ich zum ersten Mal eine etwas größere Testlesergruppe quälte. Auch hier gab es noch Tippfehler. Die einzige Überarbeitung, die zwischenzeitlich stattgefunden hatte, waren ein paar Rechtschreibefehler. Wie gesagt: Ich überarbeite mit geschlossener Tür.
Ich kannte Mia von Früher, als wir beide noch Jugendliche waren und noch nicht an Tod oder Dinge wie Darmkrebs dachten. Wobei ich schon an Tod dachte, hatte ich doch kurz nachdem Mia fortgezogen war, einen üblen Kerl die Treppe herunter in den Tod gestoßen. Das jedenfalls war die Version, der ich seit dem erlaubt hatte, in meinem Gedächtnis zu verweilen.
Ich schäme mich ein wenig dafür, dass ich nicht all die Worte weggelassen habe, die mir mein Erstleser gestrichen hat (zum Beispiel „ich schon an Tod dachte, hatte ich doch kurz nachdem“). Aber wie man noch sehen wird, bin ich auch zu Änderungen fähig.

3. Aus den Rückmeldungen meiner sechs Testleser bastelte ich eine Version, die ich meiner Lektorin vorlegte.
Ich kannte Mia von früher, als wir beide noch Jugendliche waren und noch nicht an Tod oder Dinge wie Darmkrebs dachten. Das fing erst an, als ich, kurz nachdem Mia fortgezogen war, einen üblen Kerl die Treppe herunter in den Tod gestoßen hatte. Das jedenfalls war die Version, der ich seitdem erlaubt hatte, in meinem Gedächtnis zu verweilen.
Die einzige Entschuldigung, die ich für meine Sturheit habe, ist eine Charaktereigenschaft von mir, die mein Bruder einmal wie folgt beschrieb: „Ein David Hermann hat keinen Sinneswandel!“

4. Werfen wir einen Blick ins fertige Buch. Wie man unschwer erkennen kann, bin ich, wenn man mich nur lange genug nervt (okay, sagen wir mal „auf Dinge hinweist“), doch zu Änderungen fähig.
Ich kannte Mia von früher, als Mia noch jung und ich noch unschuldig war und wir noch nicht an Dinge wie Tod oder Darmkrebs dachten.

Wie ich schon in den Danksagungen meines Machwerks schrieb (oder „schrob“, wie es eigentlich heißen müsste), gehe ich nicht wirklich mutig an meine Texte heran. Ich gelobe an dieser Stelle Besserung. Das Netz ist mein Zeuge.

© 2020 David schreibt

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