David schreibt

Have a break, write a book

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Spiel mir das Lied vom Brot

Vorletzte Woche war Wortwitzwoche. Heraus kam dieser wundervolle Text. Ach ja: Der Titel stammt von Lutz.

Karl lag der Käse noch schwer im Magen. Er hätte die Finger davon lassen sollen, aber wenn er eines aus der Vergangenheit gelernt hatte, dann dass er nichts aus der Vergangenheit lernte. Und so hatte er sich mal wieder den Bauch mit Bergkäse vollgestopft und lag jetzt mit üblen Bauchschmerzen in der Ecke der Stube und wünschte sich nichts mehr als einen Chirurgen, der ihm den Käse operativ entfernte.
Karl gegenüber saß Luis und knapperte an einem Stück Speck. Er war so fett, dass er kaum noch durch die schmalen Ritzen in der Wand passte. Wäre er nicht so behände, er wäre Piet, dem ollen Kater schon mehrfach zum Opfer gefallen.
„Ich will nicht mehr leben“, stöhnte Karl. Er rechnete nicht mit einer Antwort. Die einzige Äußerung, die von Luis zu erwarten war, wäre ein Rülpser gewesen. Umso erstaunter war er, als er dennoch eine Antwort bekam.
„Sag doch sowas nicht. Du weißt nie, wie schnell sich ein solcher Wunsch erfüllt.“
Die stimme kam von der Tür – einem gefährlichen Areal, in dem sich nur die mutigsten aufhielten. Karl drehte sich langsam um. Sein Magen rebellierte bei jeder Bewegung. Er hatte sich die Stimme nicht eingebildet. Dort an der Tür stand tatsächlich jemand. Es war Hank, den alle schon für tot gehalten hatten, da er vor drei Tagen verschwunden war.
„Hank, bist du es?“, fragte Karl. „Du lebst?“
„Auferstanden von den Toten, wie der olle Jesus.“
Hank durchquerte den Raum und setzte sich neben Karl auf den Boden.
„Du siehst aber gar nicht gut aus, mein Freund. Hast du wieder mal zu viel am Käse genascht?“
„Bergkäse“, stöhnte Karl. Mehr als ein Stöhnen brachte er nicht heraus. „Der gottverdammte Bergkäse ist schuld.“
„Nein“, widersprach Hank, „du bist schuld. Du allein. Du lernst es eben nie. Und man sollte nie mehr essen, als man vertragen kann. Sieh dir Luis an.“ Er deutete auf Luis, der mittlerweile den Schlaf des Überfressenen schlief. „Der kennt kein Maß. Willst du so enden, wie er? Dick und rund und glücklich?“
„Ich wäre schon gerne glücklich, aber eben ohne diese Bauchschmerzen.“
Karl fühlte, wie sich ein großer kantiger Brocken Käse seinen Weg aus dem Magen nach oben bahnte. Wenn er jetzt auch noch kotzen musste, könnte er sich auch gleich erschießen lassen.
„Glück wird überbewertet. Momentanes Glück jedenfalls. Stell dir nur vor, du bist jetzt total glücklich, aber im nächsten Moment tot. Was bringt dir dein Glück dann noch?“ Hank sah Karl jetzt tief in die Augen. „Ich denke, man ist im Großen und Ganzen glücklicher, wenn man lange lebt und dafür jeden Tag nur ein bisschen glücklich ist.“
„Das klingt schon irgendwie logisch“, sagte Karl, „doch im Moment würde ich alles dafür geben, wenn diese Bauchschmerzen aufhörten. Wirklich alles. Ich würde mein Leben dafür riskieren.“
„Wirklich? Würdest du wirklich dein Leben dafür riskieren?“, fragte Hank und senkte seine Stimme. „Ich weiß nämlich, wo es die Lösung für dein Problem gibt. Aber dort ist es verdammt gefährlich.“ Er sprach jetzt noch leiser, so dass Karl große Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Ich war nämlich gar nicht tot, verstehst du? Ich war nur nebenan. In der Todeszone. Und was soll ich sagen. Dort ist es himmlisch. Geradezu paradiesisch.“
Karl konnte nicht glauben, was sein Gegenüber ihm da erzählte.
„Du warst in der Todeszone? Wie lange? Wie sieht es da aus? Ist es dort wirklich so gefährlich?“, sprudelte es aus ihm heraus.
„Scht. Bist du wohl leise? Wenn der Fette mitkriegt, dass ich dort war, ist es vorbei mit meinem Geheimnis.“
„Welches Geheimnis?“, fragte Karl.
„Das wüsstest du wohl gerne“, antwortete Hank. Er machte eine Pause und endlich redete er weiter. „Also schön, aber du musst versprechen, es niemandem zu sagen.“
Karl nickte. Dann sagte er schnell: „Ich schwöre, ich werde es niemandem erzählen.“
Hank holte noch einmal tief Luft, dann erzählte er alles.
„Alles, was du über die Todeszone weißt, ist falsch. Es gibt dort keine Gefahren. Keine Fallen, keine Monster, nichts von alledem. Stattdessen ist es dort einfach himmlisch. Überall gibt es Essen und Trinken. In großen Mengen. Soviel könnte nicht einmal der fette Luis verputzen.“
Karl kam aus dem Staunen nicht mehr raus.
„Und das Beste ist das Brot. Es gibt unendlich viel Brot. Das schmeckt viel besser, als der alte vergammelte Käse und der schimmlige Speck, den man hier zwischen den Ritzen finden kann. Herrliches, duftendes Brot.“
Karl hatte seine Bauchschmerzen vergessen. Plötzlich hatte er Hunger. Er hatte Lust auf Brot.
„Führst du mich dahin? Zeigst du mir, wo es das Brot gibt?“, fragte er.
Hank schüttelte den Kopf. „Ich muss mich ausruhen von meiner langen Reise. Aber ich kann dir den Weg verraten.“
„Oh ja, das wäre super!“, rief Karl und verstummte sofort. Der dicke Luis hatte einen Laut von sich gegeben. Er durfte nichts von dem Essen in der Todeszone mitbekommen, sonst …
„Du gehst durch die Tür und direkt danach musst du dich links halten. Immer links an der Wand entlang. Am Ende des Raumes gibt es eine zweite Tür. Wenn du Glück hast, steht sie offen. Wenn nicht, musst du dich verstecken und abwarten, bis jemand sie öffnet. Hinter dieser Tür ist der Lagerraum. Dort ist all das Brot und das Obst und das Fleisch.“
Karl lief das Wasser im Mund zusammen. Seine Bauchschmerzen waren auf magische Art und Weise wie weggeblasen.
„Ich muss sofort dort hin. Ich muss, ich muss, ich muss.“
Hank lachte. „Aber lass mir was übrig.“ Dann wurde er wieder ernst. „Und zu niemandem ein Wort. Haben wir uns verstanden?“
Karl nickte nur noch, dann lief er auf die Todeszone zu.
Hank legte sich in eine bequeme Position und schloss die Augen. Sein letzter Gedanke, bevor er in tiefen Schlaf abtauchte, war: „Eigentlich ist es schade um ihn. Er war ein so netter.“

Ende

Die Linie

Letztens gab ich Lutz den Titel „Die Linie“ vor. Weil mir gerade mal langweilig war, habe ich ebenfalls eine Geschichte zu diesem Titel geschrieben. Hier ist also mein Text.

Könnt ihr sie auch sehen? Diese feine, dünne Linie, die alles trennt? Das Leben vom Tod, die Liebe vom Hass, Recht von Unrecht, die Ordnung vom Chaos. Ich sehe sie seit ungefähr fünf Jahren. So genau weiß ich das nicht mehr, da ich jegliches Zeitgefühl verloren habe. Hier unten im Keller des Krankenhauses, wo die hoffnungslosen Fälle landen, verschwindet die Zeit. Sie zerfließt langsam zwischen Doppelschichten und Stress und zu kurzen Wochenenden.
Ich glaube, die Linie sieht für jeden anders aus. Irgendwie scheint sie von ihrem Betrachter abhängig zu sein. In meinen Augen hat sie einen lilafarbenen Schimmer. Meist verläuft sie geradlinig, oder elegant geschwungen. An manchen Tagen ist sie weit entfernt und kaum zu sehen. An anderen Tagen verläuft sie keine zwei Meter entfernt von mir. Immer geradeaus. Immer schön zwischen den Dingen. Hier ist alles in Ordnung, jenseits der Linie tobt ein Sturm, der alles ins Chaos stürzt. Hier bei mir geht es all meinen Patienten gut. Drei Zimmer weiter sterben einer Schwester Zwillinge unter den Händen weg.
Die Linie ist beständig. Nur manchmal, wenn die eine Seite versucht, in den Bereich der anderen hineinzugreifen, kräuselt sie sich leicht, wie die sanften Wellen an den Ufern eines Sees. Wenn Politiker oder Polizisten, die die Schwächsten schützen sollten, sich auf die Seite der Starken schlagen und die Schwachen unterdrücken, wenn Junge Mütter von Drogendealern erschossen werden, wenn der Mann, der seine Frau eigentlich über alles liebt, eine Affäre mit der Nachbarin hat.
Ich denke, dass alle Menschen dieses Kräuseln wahrnehmen und dass jeder versucht, den richtigen Zustand wieder herzustellen, die Wogen zu glätten, die Linie zu beruhigen. Ich habe mich schon oft gefragt, was Menschen dazu bringt, die Linie absichtlich zu übertreten. Bis heute. Seit heute weiß ich, was mich dazu bringen wird, all das aufzugeben, was mir wichtig – heilig – ist.
Ich stehe am Bett von Janina. Sie hat eine schlimme Operation an ihrer Lunge hinter sich. Ihre Welt ist gerade dabei, sich wieder zu ordnen. Doch im Nachbarzimmer liegt mein Sohn Lukas und wartet auf eine gesunde Niere. Janina käme laut Krankenakte als Spenderin in Frage. Ich sehe noch einmal auf ihre Akte, auf ihre geschlossenen Augen, den Überwachungsmonitor, auf dem ebenfalls eine dünne Linie zuckt. Auf und ab. Immer im Takt ihres Herzens. Dann sehe ich über meine Schulter. Draußen im Flur schimmert sie, die dünne lilafarbene Linie.
Ich nehme die Spritze und injiziere Janina Luft in die Venen. Die Linie auf dem Monitor beginnt zu zucken. Schneller, immer schneller. Die Linie hinter mir kräuselt sich. Jetzt wogt sie vor und zurück, auf und ab, wie die Wellen eines Ozeans. Sie kommt immer näher und näher und ich spüre, wie etwas in mir zerreißt, als ich sie übertrete.

Ende

Was länge währt, wird endlich gut

Es tut gut, wenn man die Rückmeldung bekommt, eine Geschichte hätte einem Leser gut getan. Die folgende Geschichte ist eine solche (möglicherweise ist es die einzige meiner Geschichten, über die jemals so etwas gesagt wurde). Der Titel stammt wie schon zuletzt vom Lutz.

„Wieso tun Menschen Gutes?“, fragte Maria in ihrer beider Schweigen hinein und Josef runzelte die Stirn.
„Was?“
Mehr kam nicht. Josef nippte an seinem Bier. Seine Zigarette war mittlerweile im Aschenbecher zusammengeschrumpft.
„Ich meine, wieso tun Menschen anderen Menschen Gutes?“, fragte Maria erneut. Ihr Bier war bereits leer. Sie gab Sophie, die heute hinter dem Tresen stand, ein Zeichen.
„Wieso tun Menschen überhaupt etwas?“, fragte Josef und zündete sich eine neue Zigarette an. „Wenn es nach mir ginge, könnten wir ruhig den ganzen Tag, jeder schön für sich, in unserer jeweiligen Wohnung vor uns hin versumpfen.“
„Jetzt hör auf, mich zu verarschen“, entrüstete sich Maria. „Ich weiß auch nicht, wo der Gedanke auf einmal herkam.“
Josef trank sein Bier aus und winkte ebenfalls zu Sophie, die bereits ein neues für Maria gezapft hatte.
„Okay, dann denken wir mal für einen kurzen Moment über deine hochphilosophische Frage nach.“
Er tat so, als müsste er angestrengt grübeln. Dazu kratzte er sich mit der Hand, die jetzt eine neue Zigarette hielt, am Haaransatz. Weiße Asche regnete leise auf seine Schultern.
„Wer sagt denn überhaupt, dass das so ist?“ Josef schien jetzt Gefallen daran gefunden zu haben, mit Maria über was anderes als die letzte Folge von „Berlin Tag und Nacht“ zu reden. „Wer bestimmt denn überhaupt, was gut ist und was nicht?“ Er zog an seiner Zigarette und Maria wollte schon antworten, doch Josef ließ sie nicht. „Was ich als gut ansehe, muss Sophie noch lange nicht gut finden. Wenn ich zum Beispiel Peter einen Schnaps ausgeben will, weil ich ja ein so guter Mensch bin, dann wird Sophie sich mit Sicherheit weigern, weil sie weiß, wie viele Peter schon intus hat und wie nah er an einer weiteren Alkoholvergiftung mit Krankenhausaufenthalt ist.“
Josef schwieg jetzt und sah Maria auffordernd an. Wie ein kleines Kind, das von seinem Vater hören möchte, wie hübsch das neuste Bild geworden ist, das es mit der Tante im Kindergarten gemalt hat. Maria schwieg ebenfalls. Sie sah ihrem Bierschaum beim Zerfallen zu. Als fast kein Schaum mehr da war, trank sie einen großen Schluck. Schließlich drehte sie sich um und sagte: „Es gibt aber doch Sachen, die sind immer gut. Wenn ich zum Beispiel jemandem mein Parkticket schenke, weil ich nicht so lange parken musste. Dann habe ich doch etwas Gutes getan.“ Sie fischte einen Moment nach dem Gedanken, der ihr im Kopf herumschwirrte. „Wieso? Warum tue ich sowas? Es hat für mich absolut keinen Nutzen.“
„Hm“, machte Josef. Und „Aha.“ Schließlich brachte er doch noch einen ganzen Satz heraus. „Glaubst du an Karma?“
„Wie bitte?“
„Ich mein ja nur. Es gibt Leute, die daran glauben, dass man so behandelt wird, wie man die anderen behandelt. Entweder jetzt, oder in einem nächsten Leben.“
Maria schüttelte den Kopf.
„Ne, an so einen Scheiß glaub ich nicht. Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei.“
„Das schon“, pflichtete Josef ihr bei, „aber glaubst du nicht manchmal, dass sich irgendwer – das Schicksal oder Gott oder das Universum – merkt, was du tust und dir das irgendwie in Rechnung stellt?“
Maria schüttelte den Kopf. „Nach allem, was ich weiß, sind wir hier verdammt allein. Kein Gott, kein Schicksal und keine scheiß Kräfte des Universums.“
Sophie brachte zwei neue Biere. Sie stellte sie ab und machte die Striche auf die Deckel.
„Entschuldigung, ich wollte euch bestimmt nicht belauschen, aber darf ich sagen, was meine Großmutter mir immer zu dem Thema gesagt hat?“
„Klar!“, sagte Josef, der sein neues Bier bereits zu einem Drittel geleert hatte. „Nur raus damit!“
„Sie hat immer gesagt: ‚Was lange währt, wird endlich gut.‘“
„Toll. Und was soll mir das jetzt sagen?“, blaffte Maria.
„Es kann doch so sein, wie Joe gesagt hat. Man tut gute Dinge im Leben, weil man darauf hofft, dass einem Andere auch mal gute Dinge tun. Und manchmal hat man vielleicht eine Durststrecke. So ähnlich wie ein ganzer Abend ohne Trinkgeld. Und trotzdem ist man nur am Lächeln und ist höflich zu allen Gästen.“
Marie wurde ein bisschen beschämt, da sie noch nie Trinkgeld gegeben hatte.
„Aber dann kommt irgendwann der Gast, der sein Bier mit einem Zehner bezahlt und nur sagt ‚Stimmt so.‘ Und dann weiß man, wieso man den ganzen Abend über so freundlich war.“
„Sag ich ja“, sagte Josef und trank sein Bier aus.

Ende

All der Erfolg, der Neid und die verdammte Glückseligkeit

Mal wieder hat mit der liebe Lutz einen Titel vorgegeben. Mal wieder ist eine bescheuerte Geschichte dabei rausgekommen. Wie immer bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich mich immer an die korrekte Zeitform gehalten habe. Mir gefällt sie dennoch.

Silvia spürt regelrecht, wie sich kleine rote Flecke in ihrem Gesicht bilden. Die Wärme, die sich auf ihren Wangen ausbreitet, das leichte Jucken an ihren Ohren und nicht zuletzt ihr krampfhafter Biss sind untrügliche Zeichen dafür, dass es mal wieder soweit ist. Und an all dem ist niemand Geringeres Schuld als ihre Kollegin Monika, die wie jeden gottverdammten Montagmorgen mit einem breiten Grinsen in der Visage, laut „GUTEN MORGEN!“ schreiend, das gemeinsame Büro betritt.
„Ah, ist das ein herrlicher Morgen. So ein tolles Wetter. Und diese klare Luft. Herrlich!“, sagt Monika und Silvia fragt sich, wie jedes Mal, ob sie mit dem Stuhl, ihrem Computer oder der Wand spricht. Jedenfalls nicht mit ihr. Silvie hängt die permanente Glückseligkeit ihrer Kollegin schon lange mächtig zum Hals raus.
„Nun, wir haben ja Gott sei Dank eine Garage. Du musstest ja bestimmt heute Morgen schon kratzen, nicht wahr?“
Die ganze verdammte letzte Woche, aber das müsste sie Monika aus dem Lummerland bestimmt nicht auf die Nase binden.
„Ich war eben noch beim Bäcker und habe uns ein paar Croissants besorgt. Die können wir nachher verputzen, wenn wir die Übergabe machen“, sagt Monika und Silvia findet es langsam, aber sicher merkwürdig, dass ihre Zornesflecken noch gänzlich unentdeckt geblieben sind. Jetzt treten auch noch ihre Adern hervor. Sie kommt sich vor, wie der alte Schnellkochtopf ihrer Großmutter, der einmal beim Marmeladeeinkochen geplatzt war. Das war die größte und zugleich leckerste Sauerei ihres damals noch jungen Lebens gewesen. War es nicht oft so, dass schreckliche Situationen auch etwas Schönes hatten? Es bleibt weiterhin abzuwarten, welche guten Seiten die Zusammenarbeit mit Monika hat.
„Wie wäre es, wenn ich dir gleich alles zeige, dann kann ich dir auch gleich von unserem tollen Urlaub erzählen. Ich freue mich ja schon so sehr.“
Mal davon abgesehen, dass Silvia all die Hochglanzwerbebilder von Monikas Südseehotel bestimmt schon dreimal gesehen hat, war es da wieder. Dieses eine Wort. All diese „uns“ und „wir“ und „gemeinsam“. Dann soll sie sich doch mit ihrem Schatzilein auf irgendeinem Südseestrand verbuddeln und an dem verdammten Sand ersticken. Viel Sand würde sie bei ihrer Bikinifigur ja ohnehin nicht benötigen.
„Es wird bestimmt so wahnsinnig schön.“
Silvia, die soeben beschlossen hat, dass es jetzt endlich reicht, nimmt einen der Croissants. Natürlich sind es mal wieder die Ökovollkorndinger, die kein Mensch isst, außer dieser immerfröhliche Hungerhaken und sein Schatzilein. Silvia isst ihn trotzdem.
Dann zieht sie Monika in den Papierkorb, rechtsklickt ihn und wählt „Papierkorb leeren“. Wie von Geisterhand verschwindet die Zornesröte aus ihrem Gesicht und ihre Adern schwellen ab.
Die Tür geht auf und ihr Chef kommt reingestürmt.
„Wo ist denn Frau Zabel?“
„In der Südsee. Mit ihrem Schatzilein.“

Ende

Der Apache

Zu der folgenden Geschichte muss ich zwei Anmerkungen machen: Der Titel wurde mir von Lutz vorgegeben. Außerdem ist der erste Satz der Geschichte ganz eindeutig eine Hommage an Karl Mays „Winnetou Teil 1“. Viel Spaß beim Lesen.

Immer fällt mir, wenn ich ans Basteln denke, die Marmelade ein. Wie das sein kann, fragen Sie sich? Es liegt an der Art, wie ich bastle und wie ich Marmelade koche. Denn bei beidem gehe ich besonders gewissenhaft vor. Anders als meine Frau, die sich, wenn sie Marmelade kocht, mit einem Pürierstab durch die roten Beeren pflügt als gäbe es kein Morgen, kümmere ich mich um jede einzelne Beere, als hätte ich nur diese eine auf dem Feld gesammelt. Mit voller Hingabe zerdrücke ich sie langsam mit dem Löffel, bis schließlich ihre dünne Haut aufplatzt und der rote Saft hervorquillt. Dann greife ich zur nächsten Beere. Natürlich schaffe ich bei solch einer Vorgehensweise höchstens ein Glas pro Tag, doch schmeckt die Marmelade, dank all der Mühen, tausendfach besser.
Nach derselben Methode gehe ich vor, wenn ich bastle. Was hatte ich eine Freude beim Zusammensetzen all der Helikopter, Panzer und Flugzeugträger, die jetzt aufgereiht auf dem gläsernen Regal stehen. Unbezahlbar ist die Ruhe, die ich – unten in meinem Kellerraum – empfinde, wenn ich ein neues Model zusammensetze. Stück für Stück. Jeden Tag klebe ich nur ein einziges Bauteil an, so sehr habe ich mich diszipliniert. Doch dieses eine Bauteil muss perfekt sitzen, weshalb ich mich besonders stark konzentrieren muss.
Heute stehe ich – leicht vorübergebeugt – vor dem Apache AH 64 und halte das vorletzte Bauteil – die Heckrotoren – in der Hand. Bald schon würde er sich zu seinen Brüdern – dem Comanche, dem Eurofighter und all den anderen – gesellen. Nur noch zwei Teile sind anzubringen.
Vorsichtig bestreiche ich die Enden der Rotorblätter mit dem teuren Klebstoff. Das Teil muss perfekt sitzen. Perfekt. Mit ruhigen Fingern setze ich es exakt an seine Position und halte es kurz fest, bis der Kleber getrocknet ist, als plötzlich das Telefon klingelt und mich aus meiner konzentrierten Anspannung reißt.
Ich schrecke hoch und stoße mit dem Kopf an die Deckenlampe. Ich strauchle, drohe vornüber zu fallen und stütze mich irritiert mit der Hand auf dem Tisch ab.
Es knackst laut, als ich den Apache mit meinem Gewicht zertrümmere. Ich spüre einen Stich in meinem Herzen, als hätte ein Unbekannter mir von hinten ein Fleischermesser durch die Brust gerammt. Mein Hirn will explodieren, meine Seele zerreißt.
Schwer atmend richte ich mich auf und betrachte, was ich angerichtet habe: Der Hubschrauber – und damit die Arbeit von mehr als zwei Monaten – ist hinüber. Und das alles nur wegen eines dämlichen Anrufs, um den sich ohnehin in wenigen Augenblicken der Anrufbeantworter kümmern würde. Durch einen Tränenvorhang sehe ich zu dem letzten Bauteil. Die Rotorblätter, die ich morgen angebracht hätte, liegen neben der Pappschachtel mit dem Bild des Apaches bereit. Mit zittrigen Fingern greife ich nach ihnen, breche sie in der Mitte durch und werfe sie in den Papierkorb. Der Apache folgt ihnen.
Morgen werde ich – einen Tag früher als geplant – mit dem Bau des Leopardpanzers beginnen. Bis dahin, sollte ich mich etwas sammeln, um die nötige Konzentration aufbringen zu können. Vielleicht gönne ich mir ein Marmeladenbrot. Der rote Brei wird mir guttun. Oh, dieser schöne rote Brei.

Ende

Gastbeitrag „Körzdörfers Kratzen“

Der gute Lutz war so freundlich und hat mir eine Geschichte geschenkt. Hier ist sie.

Körzdörfers Leben kratzte ihn. Und wer ist schon ganz zufrieden, wenn ihn andauernd etwas kratzt? Richtig: Niemand. Aber Körzdörfer war jetzt auch nicht der Mensch, der es sich zur Aufgabe machte, sein Leben irgendwie annehmlicher zu gestalten. Körzdörfer war Naturwissenschaftler durch und durch. Der Versuchsaufbau durfte nicht aufgrund subjektiver Befindlichkeiten verändert werden. Vielleicht war Thales allem Runden abgeneigt gewesen. Was wäre gewesen, hätte er nie seinen berühmten Satz gesagt? Richtig: Die Geometrie steckte immer noch in den Kinderschuhen. Nein, es führte zu nichts, sich von seinen Gefühlsduseleien leiten zu lassen.

Einmal hatte Körzdörfer es dennoch versucht und ein paar Verse geschrieben. Schmierige Verse, von Pathos triefend. Sie hatten von Liebe, dem Mond und der Eulerschen Zahl gehandelt. Körzdörfer war stolz auf sie gewesen und zum ersten Mal hatte er das Kratzen fast nicht mehr gespürt. Er hatte sie einem Freund gezeigt, der sie lobte. Er hatte sie Kollegen vorgelesen, die ihn bewunderten. Schließlich gab er sie seinem Vater. Dieser lächelte und sprach vom Wetter. Es war sicher kein ungerührtes vom Wetter Sprechen, aber es war eben auch nicht mehr.

An diesem Abend konnte Körzdörfer wieder nicht einschlafen, so sehr kratzte es ihn. Und das Kratzen war längst nicht mehr nur äußerlich, nein, sein Hals kratzte auch.

Körzdörfer unternahm einen letzten verzweifelten Versuch mit dem Kratzen klarzukommen. Er untersuchte es wissenschaftlich. Er erhob weltweit Daten, sammelte sie und wertete sie aus. Er erforschte das Kratzen von innen. Zerlegte es in all seine Bestandteile. Bald schon stieß Körzdörfer auf scheinbar unüberwindliche Grenzen des wissenschaftlich Aussagbaren. Aber er ließ sich nicht aufhalten, sondern erweiterte unaufhörlich das ihn umgebende Team. Sie waren multiprofessionell, überkonfessionell und manche von ihnen drogenabhängig oder schizophren. Aber all das tat der wissenschaftlichen Erforschung des Kratzens keinen Abbruch, sondern ganz im Gegenteil: Körzdörfer und sein Team eilten von Erkenntnisgewinn zu Erkenntnisgewinn. Und längst waren die Forschungsergebnisse nicht mehr auf das schmale Gebiet des Kratzens beschränkt. Die Atomphysik, die naturwissenschaftliche Erforschung des Stolperns und der Kreisligafußball im Schweizer Kanton Appenzell-Innerrhoden profitierten ungemein von allem, was Körzdörfer und sein Team an Erkenntnissen zutage förderten.

Körzdörfer starb in hohem Alter zufrieden, glücklich und ausgesöhnt mit seinem Kratzen. Er hatte sein Leben der Wissenschaft gegeben, vielen Menschen geholfen und niemandem geschadet. Ihm verdanken wir die beiden Sätze übers Kratzen, die auch nach heutigem Wissensstand noch nichts an Aktualität eingebüßt haben. So bleibt mir, als einem der dem zweiten Satz übers Kratzen vielleicht nicht weniger als sein Leben verdankt, in aller Schlichtheit nur eines zu sagen: Danke, Körzdörfer!

Deep shit #1

Eigentlich sollte es auf david-schreibt.de um Texte gehen, die für jedermann bestimmt sind. Die aus gewissen Launen heraus geschrieben wurden. Möglichst unpersönlich.

Uneigentlich führe ich noch einen zweiten Blog, ganz altmodisch mit Tinte auf Papier. Manche würden hierzu Tagebuch sagen, aber das trifft es nicht, da ich kein Mensch bin, der sonderlich reflektiert durchs Leben wandelt (und wozu sonst sollte ein Tagebuch dienen, als zur Reflexion über das am Tage erlebte?).

Nun denn. Die Eröffnung ist länger, als der eigentliche Beitrag. Und das, wo ich doch sonst nicht viele Worte verliere. Hier ist mein genialer Gedanke des Tages:

„Wir begrenzen uns, weil wir unser Leben nicht mehr im Griff haben und weil uns das Leben, das uns im Griff hat, nicht gefällt.“

Macht was draus.

Goethe auf dem Pott

Jeder Mensch hat andere hochwertige Literatur auf der Toilette liegen. Bei den meisten dürften dies ausrangierte Zeitungen sein. Neulich fand ich mich auf einem Lokus wieder, auf dem Goethes Faust auslag. Dieser Umstand inspirierte mich zu folgendem Gedicht:

Meister Goethe tobt, er schreit und schon
Hätt‘ er am liebsten euch erschlagen
Mit seines Zauberlehrlings Besen

Dann fragt er nach mit tiefem Ton:
„Ich bitte euch, wie könnt ihr’s wagen
Den Faust beim Scheißen durchzulesen?“

Der Beinahepodcast (vielleicht Teil 1)

Vergangenes Jahr habe ich versucht, jeden Monat einen Podcast zu erstellen. Ich habe nachgezählt: Es hat nicht ganz geklappt. Auf meiner Festplatte schlummern noch ein paar Dokumente (eher Fragmente), die ich ursprünglich für diesen Podcast einsprechen wollte. Der folgende Text entstammt einer Episode mit dem Titel „Filme, die einen Kloß im Hals erzeugen“. Aber lesen Sie selbst!

In dem Film „Am Sonntag bist du tot“ spielt Brendan Gleeson einen katholischen Priester, der irgendwo an der irischen Küste seine kleine Gemeinde hat. Er kennt alle seine Schäfchen und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Der Film beginnt jedoch nicht idyllisch – was daran liegen könnte, dass es sich (wie wir schnell erfahren) nur um eine scheinbare Idylle handelt – sondern mit einer Verhängnisvollen Beichte. Ein, zu diesem Zeitpunkt des Films noch unbekannter, Mann erzählt dem Priester, dass er als Kind von einem anderen – inzwischen verstorbenen – Priester vergewaltigt wurde… jeden zweiten Tag! Pfarrer Lavelle – wie Gleesons Charakter heißt – kann zunächst nichts erwidern. Als er versucht, auf den beichtenden einzugehen, eröffnet dieser, dass er plant, Lavelle am kommenden Sonntag am Strand zu erschießen.

Lavelle steckt in der Klemme: Er hat den Mann zwar an der Stimme erkannt, darf ihn aber aufgrund des Beichtgeheimnisses nicht bei der Polizei anzeigen. Sein Vorgesetzter sieht noch die Möglichkeit, das Beichtgeheimnis zu umgehen, doch Lavelle hat andere Pläne. Er fühlt sich seiner Gemeinde und vor allem seiner Tochter verpflichtet. Diese hat kurz zuvor einen Suizidversuch überlebt und will sich nun ein paar Tage bei ihrem Vater erholen.

Der Film begleitet Lavelle während seiner letzten sieben Tage. Dabei lernt der Zuschauer die illustre Gemeine kennen: Der Metzger, der seine Ehefrau schlägt; die Ehefrau, die ihren Mann, den Metzger, mit dem Automechaniker betrügt; den atheistischen Arzt, der voller Zynismus eine Zigarette in einem Spenderherzen ausdrückt; den schwulen Polizeikommissar, der eine Beziehung mit dem Prostituierten Leo hat; den reichen Banker, der seine Anleger betrogen hat und so zu unermesslichem Reichtum gekommen ist. Die Liste der kaputten Menschen ist lang. Aber alle Charaktere des Films sind zutiefst menschlich – eben weil sie so kaputt sind.

Über der Geschichte hängt jedoch noch drohend der Kindesmissbrauch der in der Katholischen Kirche stattgefunden hat. Hierfür will der Film keine Lösung bieten, wohl aber für das Thema dieses Podcasts: Kurz vor seinem Tod, telefoniert Lavelle mit seiner Tochter. Dabei kommen sie auf Sünden und Tugenden zu sprechen. Laut Lavelle wäre die Welt eine bessere, wenn man nicht mehr so oft über Schuld und Sünde spreche, sondern wieder mehr über Tugenden. Und als Tugend Nummer eins nennt er die „Vergebung“. Dass seine Tochter das begriffen hat, sieht man, wenn sie in der letzten Szene des Films im Gefängnis mit dem verurteilten Mörder ihres Vaters spricht.

Was mich an diesem Film so fasziniert hat, ist, dass er es geschafft hat, dass ich mir im Kino für den Bruchteil einer Sekunde gewünscht habe, der als Kind misshandelte – zu diesem Zeitpunkt noch zukünftige – Mörder möge sich mit seiner Waffe selbst erschießen. Nach diesem Bruchteil einer Sekunde habe ich mich unglaublich schlecht gefühlt.

Totgeburt

Daniel wagt es nicht, in den Rückspiegel zu schauen. Aus Furcht vor dem, was er dort sehen könnte, oder auch nicht sehen würde, starrt er wie gebannt auf die Straße vor ihm. Die Mittelstreifen verschwimmen zu einer durchgängigen Linie und es kostet Daniel von Minute zu Minute mehr Kraft, nicht doch einmal einen Blick zur Seite oder gar nach hinten zu werfen. Nicht jetzt.

Vor etwa einer halben Stunde, als die Welt noch in Ordnung war, hat er die Nachricht seiner Frau erhalten, die Wehen hätten eingesetzt. Daniel war gerade in seinem Büro gewesen, hatte alles stehen und liegen gelassen und war in die Tiefgarage zu seinem Benz geeilt. Eine Minute später war seine Kollegin Michaela, die gerade vor dem Gebäude eine Zigarette rauchte, zu Staub zerfallen. Daniel bemerkte das erst auf den zweiten Blick, den er nach links warf, um zu sehen, ob die Fahrbahn frei wäre.

Sein Herz setzte aus. Wieso ausgerechnet jetzt, wo er doch all die Jahre Ruhe gehalten hat? Unter großer Anstrengung wischte er den Gedanken an seine Kollegin und wen es sonst noch erwischt haben mochte zur Seite und trat das Gaspedal durch.

Das erste Mal hatte ihn der Tod – oder wie er es nannte: der Verfall aller Dinge – in seiner Jugendzeit besucht. Zumindest konnte er sich an keine frühere Begegnung erinnern. Daniel war gerade durch den Wald gejoggt – angetrieben von dem athletischen Aussehen seiner Mitschüler – als er hinter sich ein Rascheln vernahm. Er zuckte leicht zusammen, während seine letzten Gedanken an seine Klassenkameradin Kira ins Nirwana flogen, und drehte sich um.

Er vermutete, dass ein solches Rascheln meist von einem kleinen Tier – etwa einem umherhüpfenden Vogel – verursacht wurde, doch an diesem Tag entsprach nichts dem, was man Normalität nennen mochte. Die Quelle des Geräuschs war tatsächlich ein kleiner Vogel gewesen. Jedoch war dieser Vogel nicht durchs Laub gehüpft, sondern tot vom Himmel gefallen.

Daniel bückte sich nach dem kleinen Geschöpf. Er hob einen Zweig auf, um den Vogel damit auf die andere Seite zu drehen. Doch, als er das Tier berührte, gab das Gefieder nach und der kurze Ast stieß durch bis auf den trockenen Waldboden. Im Vogel klaffte ein Loch, wie von einer Gewehrkugel, als hätte ihn jemand vom  Himmel geschossen. Jedoch waren die Ränder dieser Wunde nicht ausgefranst und Blut konnte Daniel auch keines sehen. Es sah vielmehr so aus, als sei der Vogel durch die Berührung des Astes zu Staub zerfallen.

Aus Angst, er könne sich durch den Kadaver mit irgendwelchen dubiosen Krankheiten infizieren, ließ er den Vogel achtlos liegen und lief weiter. Am Ende seiner Laufstrecke blieb Daniel atemlos stehen und dehnte seine Beinmuskulatur. Als er sich umdrehte, um den Weg, den er gekommen war zurückzulaufen, sah er den Schmetterling.

Der Falter saß auf einem Grashalm und schlug mit den Flügeln. Mit einem Mal klappte sein linker Flügel nach unten, während der rechte sich weiter auf und ab hob. Daniel sah das Insekt genauer an. Dabei bemerkte er einen feinen Riss, der sich durch den Falter zog, wie ein Riss in der Tapete. Entlang dieser dünnen Linie schien alles Leben aus dem Tier gewichen zu sein. Der linke Flügel wirkte irgendwie farbloser und der Fühler auf der linken Seite war kurz oberhalb des Kopfes abgeknickt, wie ein Grashalm, der dem starken Wind nicht gewachsen war.

Vorsichtig griff Daniel nach dem Schmetterling und berührte dessen linken Flügel. Er spürte, wie der Flügel in sich zusammenfiel, wie die Asche eines verbrannten Blatt Papiers. (Daniel hatte einmal eine Mathearbeit verbrannt, die er unmöglich seinen Eltern zeigen konnte.) Der Falter kam, jetzt, da ihm ein Flügel fehlte, aus dem Gleichgewicht und kippte nach rechts.

Auf seinem Weg zurück bemerkte Daniel noch weitere Veränderungen in der Natur. Einige Bäume hatten ihre Blätter verloren. Drei Bäume waren gar ganz umgestürzt. Es schien, als habe eine schreckliche Macht das Leben aus allem gesogen. Erst nach etwas mehr als einem Kilometer ließen diese Veränderungen nach. Hier blühten wieder alle Bäume und die Tiere huschten durchs Gestrüpp. Daniel blieb stehen und blickte über die Schulter zurück. Der Anblick, der sich ihm bot, nahm ihm den Atem.

Links und rechts des Weges türmten sich herabgefallene Äste, der Waldboden war übersäht mit verfaulten Blättern und genau in dem Moment, als Daniel sich umdrehte, stürzten drei weitere Vögel leblos vom Himmel.

Nur mit Mühe konnte Daniel sich aus seiner Erstarrung lösen. Als es ihm gelang, drehte er sich um und rannte so schnell er konnte zurück zu seinem Fahrrad, das er am Waldrand an einen Baum gekettet hatte.

Daniel lenkt den Benz über die Bundesstraße. Die nächste Ausfahrt ist seine. Er setzt den Blinker und fährt, ohne in den Spiegel zu sehen, auf den Verzögerungsstreifen. Vor ihm kriecht ein alter Golf über die Fahrbahn. Daniel tritt auf die Bremse. Dann wirft er einen kurzen Blick auf das Display seines Smartphones. Susanne hat ihm keine weitere Nachricht geschickt. Er weiß nicht, ob er das gut oder schlecht finden soll. Gedankenverloren legt er sein Mobiltelefon auf den Beifahrersitz. Als er seinen Blick wieder auf die Straße wirft, streift er kurz den Innenspiegel. Das Blut gefriert in seinen Adern.

Hinter ihm fällt ein verrosteter alter Laternenpfahl in sich zusammen, die Straße ist brüchig und dort wo einige Büsche am Straßenrand gestanden haben, klafft ein Loch in der Realität, wie ein Loch in einer Mauer, auf die jemand mit einem schweren Hammer eingeschlagen hat. Daniel kann seinen Blick nur schwer vom Spiegel losreisen. Seine Schläfen pochen. Großer Gott, hinter dem Loch war nichts. Keine Wirklichkeit!

Daniel war einige Tage später noch einmal in den Wald zurückgekehrt. Die Natur hatte sich wieder etwas erholt. Das Forstamt hatte die umgestürzten Bäume an den Wegesrand geschafft. Daniel suchte den Waldboden konzentriert ab, konnte jedoch keinen Vogelkadaver finden. „Im Wald bleibt nichts liegen“, hatte sein Biolehrer immer gesagt. Daniel war sich nicht sicher, ob das Verschwinden der toten Vögel auf die anderen Tiere zurückzuführen war. Er glaubte vielmehr, dass sie einfach zu Asche zerfallen waren. Als er die Stelle erreichte, an der er einige Tage zuvor umgekehrt war, blieb er stehen. Er wagte es nicht, sich umzudrehen. Langsam schloss er seine Augen, atmete tief ein und wieder aus und dreht sich dann um. Als er seine Augen wieder öffnete, bot sich ihm das gewohnte Bild. Die Blätter hingen alle noch an den Bäumen, die Vögel flogen weiterhin durch die Luft oder hüpften über den Boden und die Insekten schwirrten umher. Dennoch spürte Daniel ein Gefühl der Beklemmung. Er wusste nur nicht, wieso. Erst, als er spät in der Nacht in seinem Bett lag, wurde ihm klar, woher dieses Gefühl gekommen war: Er hatte nichts gehört. Der Wald war vollkommen still gewesen.

Der Verfall aller Dinge war ihm nur noch zweimal über den Weg gelaufen. In keinem der Fälle hatte Daniel ihn kommen sehen. Er kam unangekündigt, wie die Zeugen Jehovas oder ein Landstreicher, der an der Tür klingelte und nach etwas Geld fragte.

Das zweite Mal trafen sie aufeinander, als Daniel kurz vor seiner letzten Abiturprüfung stand. Er war nach dem Unterricht etwas länger in der Schule geblieben, um in der Bibliothek noch etwas zu recherchieren. Nach einer Stunde bekam er so starke Kopfschmerzen, dass er beschloss, das Lernen für diesen Tag einzustellen. Er nahm die geliehenen Bücher und trug sie zurück zu den entsprechenden Regalen.

Schon von weitem konnte er sehen, dass die anderen Bücher, die sich in dem Regal befanden, alt und verrottet waren. Die Einbände waren schimmlig geworden, die Farbe blätterte ab und das Papier war brüchig und vergilbt. Daniel wusste sich nicht anders zu helfen, als seine drei Bücher in das Regal zu legen und die Bibliothek durch den Hinterausgang zu verlassen. Er war direkt zur Bushaltestelle gegangen und nachhause gefahren. Seitdem hatte er nie wieder einen Fuß in die Bibliothek gesetzt.

Ihre dritte und bisher letzte Begegnung hatten Daniel und der Tod vor etwas über drei Jahren während eines Theaterbesuchs. Daniel war in der Pause auf die Toilette gegangen. Als er sich die Hände wusch und währenddessen im Spiegel betrachtete, fiel sein Blick auf den Mann, der gerade eben aus der Kabine kam. Er hatte langes, weißes Haar, dass ihm ungekämmt ins Gesicht hing und gelbe, lange, brüchige Fingernägel, die an mehreren Stellen eingerissen waren. Das erschreckendste war jedoch seine Haut. In seinem Gesicht hatten sich Blasen gebildet und von seiner Stirn hing ein großer Lappen blauer Haut herab. In der dort entstandenen Lücke klaffte das Nichts.

Daniel erbrach sich ins Waschbecken und verließ das Theater ohne, sich noch einmal umzudrehen. Erst als er draußen war, schrieb der Susanne eine SMS. Dann wartete er vor dem Eingang, den Blick auf die Tür gerichtet. Er wollte seiner Frau ins Gesicht sehen, wenn sie die Treppe herunterkam. Er wollte auf keinen Fall hinter sich blicken. Und auf keinen Fall würde er jemals wieder leichtsinnig in einen Spiegel schauen.

Daniel erreicht sein Haus eine halbe Stunde, nachdem er sein Büro verlassen hat. Er lässt den Wagen in der Einfahrt stehen und rennt, ohne noch einmal hinter sich zu sehen, den kurzen Weg zur Haustür hinauf. Vor der Tür fällt ihm der Schlüssel aus der Hand, so schweißnass sind seine Finger. Er hebt ihn auf und öffnet die Tür. Dann tritt er ein. Er weiß, dass Susanne oben im Schlafzimmer liegen wird (der Arzt hat ihr Bettruhe verordnet), trotzdem ruft er nach ihr. Ihre Stimme gibt ihm recht. Er eilt die Treppe nach oben, bleibt jedoch auf halber Strecke stehen. Mit pochendem Herzen dreht er sich um und rennt runter in die Küche, um eine Schere zu holen.

Als er wieder die Treppe hochläuft, sieht er die feinen Risse in der Tapete und die Wurmlöcher im Treppengeländer. Er ist da. Der Verfall aller Dinge.

Daniel öffnet die Schlafzimmertür und schließt sie sofort wieder, als er den Raum betreten hat. Er schließt sie, ohne sich umzudrehen. Er wagt es nicht, seiner Frau den Rücken zuzudrehen. Nicht jetzt. An ihrem Gesichtsausdruck versucht er abzulesen, ob ihr die vermoderte Tapete im Flur aufgefallen ist. Sie blickt ihn völlig normal an.

„Da bist du ja endlich.“

„Es tut mir leid, aber vor mir fuhr eine alte Oma ihren klapprigen Golf spazieren.“

„Fahr mich bitte ins Krankenhaus.“

Daniel hat damit gerechnet, dass Susanne das verlangen wird. Er schüttelt den Kopf. „Das geht nicht.“

„Wieso?“

Weil er wieder da ist. Daniel schweigt zunächst. Dann legt er die Schere auf das Bett. „Wir erledigen das selbst.“

„Ich will keine Hausgeburt!“ Susanne sieht in Daniels Augen, dass er nicht bereit ist, von seinem Vorhaben abzurücken. „Ruf wenigstens Maria an.“ Daniel überlegt einen Moment, ob er es riskieren kann, die Hebamme hinzuzuziehen, dann schüttelt er langsam den Kopf.

„Es geht nicht. Es tut mir so leid.“

Irgendwas an seinem Blick macht Susanne Angst. Sie kann es nicht genau ausmachen, doch sie weiß, dass sie sich zurecht fürchtet. Sie weiß, dass sie sich vor allem um ihre Tochter sorgen machen muss.

Daniel umrundet das Bett. Dabei ist sein Blick fest auf Susanne fixiert. Er geht rückwärts in das kleine Badezimmer und holt einige Handtücher. Dann steht er etwas ratlos im Schlafzimmer. Schließlich fragt er: „Wie häufig kommen die Wehen?“

„Etwa alle fünf Minuten. Es verwundert mich, dass du bisher noch keine mitbekommen hast.“ Kaum hat sie es ausgesprochen, als auch schon die nächste Wehe einsetzt. „Würdest du jetzt bitte Maria anrufen und herbitten?“ Es ist mehr eine Aufforderung als eine Frage. Daniel denkt fieberhaft nach. Schließlich zieht er sein Smartphone aus seiner Tasche. Er entsperrt es und blickt auf das Display. In der Scheibe spiegelt sich die Gardine hinter ihm. Augenblicklich zerfällt sie zu Staub. Susanne schreit laut auf.

„Ich kann sie nicht anrufen. Die Welt würde zerfallen. Verstehst du das denn nicht?“ Daniel sieht dem Gesicht seiner Frau an, dass sie nichts versteht. Aber da ist noch etwas in ihrem Blick. Durch die Verzweiflung hindurch scheint etwas, das Daniel für Vertrauen hält. „Wir werden das auch ohne Marie schaffen.“ Er nimmt Susannes Hand und drückt sie fest. Susanne nickt. Dann fängt sie an zu schreien.

„Es geht los!“

Und es geht los. Susanne drückt immer fester Daniels Hand. Das Smartphone liegt mittlerweile achtlos auf dem Fußboden. Etwas knackst in Daniels Hand. Susanne atmet jetzt immer hektischer. Daniel versucht sich an die Dinge zu erinnern, die sie gemeinsam mit der Hebamme besprochen haben. Verzweifelt versucht er, seine Hand aus Susannes festem Griff zu lösen. Als ihm das nicht gelingt, geht er in die Knie und streicht mit der freien Hand sanft über Susannes Kopf. Sie entspannt sich ein wenig, ohne jedoch den Griff um Daniels Hand zu lockern. Ihre Atmung ist jetzt kontrollierter.

Auf einmal kann sich Daniel doch an etwas aus den Vorbereitungskursen erinnern: Eine Geburt kann zwischen acht und fünfzehn Stunden dauern. Er versucht noch ein letztes Mal, sich aus dem Griff seiner Frau zu befreien. Schließlich gibt er auf und denkt nur noch, dass es ja auch irgendwie fair ist, dass er ebenfalls Schmerzen ertragen muss.

Keine fünf Stunden später legt Daniel die Schere weg, mit der er zuvor die Nabelschnur durchtrennt hat. Seine Tochter weint lauthals, was Daniel zunächst besorgt registriert, bis er sich daran erinnert, dass es sich nur um ein Zeichen dafür handelt, dass das Baby Luft bekommt.

Susanne liegt völlig erschöpft in ihrem Bett. Das Bettzeug ist blutverschmiert. Daniel lächelt seiner Frau zu während er seine Tochter im Arm wiegt. Er ist so fasziniert von dem kleinen Geschöpf in seinen Händen, dass er sich gedankenverloren im Kreis dreht. Als er seine Frau das nächste Mal sieht, ist sie allem Anschein nach tausend Jahre alt. Daniel lässt vor Schreck beinahe seine Tochter fallen. Er stürzt auf das Bett zu. Das Holzgestell ist überall morsch, die Blutlache auf dem Laken ist völlig vertrocknet. Das Bettzeug ist zu Staub zerfallen. Susannes Haut ist nahezu an jeder Stelle ihres Körpers abgefallen und liegt wie feine Asche neben dem schwarzen Skelet. Ihre Haare sind grau.

Daniel schießen die Tränen in die Augen. Als er anfängt laut und ohne Scham zu weinen, beginnt auch seine Tochter in seinen Armen zu schreien. Er drückt sie jetzt fester an sich und wiegt sie hektisch hin und her, wodurch sie nur noch lauter weint. Daniel steht hilflos inmitten eines toten Schlafzimmers und weint, bis seine Tränen versiegen, schreit lautlos in die Nacht, bis seine Kehle vertrocknet.

Daniel hat aufgehört zu weinen. Er ist mit Susanna – er hat es nicht übers Herz gebracht, seiner Tochter den Namen ihrer Mutter zu geben – nach unten ins Wohnzimmer gegangen. Die Treppenstufen haben unter seinem Gewicht leicht nachgegeben. Die Tapete im Flur und auf der Treppe ist mittlerweile in ihre Bestandteile zerfallen und hängt ausgebleicht lose an der Wand.

Susanna liegt jetzt auf einer Wolldecke auf dem Fußboden und spielt vergnügt mit einem kleinen Plastikball, den sie immer wieder fallen lässt. Daniel hebt ihn jedes Mal auf und reicht ihn ihr. Susanna nimmt ihn unbeholfen in ihre kleinen Hände und quietscht fröhlich, als sie ihn ein weiteres Mal wegwirft. Reflexartig dreht Daniel sich nach dem Ball um, der unter den Klavierhocker rollt und erstarrt mitten in der Bewegung. Sein Herz hört auf zu schlagen und in seinem Hals bildet sich ein Kloß, der ihm den Atem nimmt. Daniels Lippen zittern unkontrolliert. Angespannt horcht er in die Stille, doch da ist nichts. Kein Ticken einer Uhr, kein Atemgeräusch seiner Tochter. Wäre doch wenigstens das Rascheln eines herumhüpfenden Vogels zu hören. Daniel fegt diesen Gedanken zur Seite.

Plötzlich hört er doch etwas. Ein leiser Atemzug seiner Tochter. Daniel fallen ganze Gebirge vom Herzen. Dann beginnt Susanna qualvoll zu schreien.

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