Have a break, write a book

Kategorie: Lyrik

Gedichte, Songtexte und Langeweileverse

Verwählt

Heute gibt es zur Abwechslung endlich mal wieder ein Gedicht. Ich habe es ursprünglich für unsere (= Lutz und ich) grandiose Lesung „Über kurz oder lang“ geschrieben. Viel Vergnügen.

Früher hat man sich vorgestellt
Gott sei der Schöpfer dieser Welt
Er sei es, der dies alles hier zusammenhält

Dieses Bild ist nun entstellt
Wir haben es abgewählt
Jetzt ist’s der Zufall, der zählt

Wir sind nun gemeinsam einsam unterm Sternenzelt
Von der Sinnfrage gequält
Dem Tod zur Abholung bereitgestellt

Der Maulbeerbaum – 1

Die Wochen der ernsten Texte werden fortgesetzt. Was nun (und die nächsten vier Wochen) folgt, ist eine Geschichte (der Titel stammt wie immer vom lieben Lutz), die ich geschrieben habe, weil ich mir einfach mal wieder ins Gedächtnis rufen musste, dass ich auch länge zusammenhängende Sachen schreiben kann. Vielleicht musste ich mir das auch nur beweisen, bevor ich mich an meinen neuen Roman setze (Aktueller Stand: 41829 Wörter). Wie dem auch sei. Hier ist das erste „Kapitel“ von „Der Maulbeerbaum“.

Jojakim hasste seinen Vater abgrundtief. Er hatte dafür gute Gründe, wobei der eigentliche tiefsitzende Grund, seit langem unangetastet in der Düsternis seiner Vergangenheit lag. Verborgen unter dem geladenen Revolver, den Zacharias in betrunkenem Zustand seinem Sohn an die Stirn gehalten hatte. Vergraben auch unter den Trümmern seiner Ehe mit Mariam. Fast erschlagen von dem Gewicht seiner Ängste. Tief unter all dem lag die Wurzel des Hasses und sie trank gierig seit vielen Jahren.
Jojakim war das langersehnte Einzelkind einer mittelprächtigen Ehe. Seine Eltern hatten sich vielleicht einmal vor langer Zeit geliebt, doch mittlerweile vergessen, worin ihre Liebe einst gegründet war. Jojakims Vater, Zacharias, arbeitete im Werk. Dort stellten sie Dosen her, in denen dann konservierte Nahrungsmittel aufbewahrt werden konnten. Jeden Abend kam er nach Hause und nahm seinen Sohn in die Arme. Jojakim, der damals noch keine fünf Jahre alt war, wartete meistens sehnsüchtig auf die Schritte seines Vaters, die dann durchs Treppenhaus hallten.
Doch eines Abends kam Zacharias nicht nach Hause. Susanna hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden und die Anrichte poliert. Jetzt stand sie neben Jojakim am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Als der Vater nach über einer Stunde endlich kam, war das Essen bereits kalt und Jojakim lag im Bett. Jedoch ohne zu schlafen. Er hatte gelauscht und als er endlich die Schritte seines Vaters hörte, schob er die Decke zur Seite und setzte sich im Bett auf. Er lauschte. Draußen auf dem Flur redeten seine Eltern. Seine Mutter zischte leise, sein Vater antwortete laut. „Goldberg hatte was zu feiern. Ja und?“ Er klang ein wenig zornig. Und irgendwie war seine Stimme nicht ganz so fest, wie sonst immer. Die Stimmen verstummten und die Tür wurde geöffnet. Hell umrahmt vom Flurlicht stand Zacharias in der Tür zu Jojakims Zimmer.
„Na mein kleiner, hast du lange auf deinen Vater gewartet?“, fragte er und setzte sich auf die Bettkante. Unbeholfen streichelte er Jojakims Haare. Sein Atem roch nach Alkohol.
„Warum bist du erst so spät zuhause?“
Zacharias atmete einmal schwer durch. Süßer Alkoholgeruch schwebte durch die Luft. Nach einer langen Denkpause, die auf Jojakim beinahe so wirkte, als sei sein Vater mit offenen Augen eingeschlafen, antwortete er: „Wir hatten was zu feiern. Ein Kollege von mir ist Papa geworden.“
Jojakim dachte darüber nach. Schließlich fragte er: „Habt ihr auch gefeiert, als du Papa geworden bist?“
„Das haben wir. Das haben wir.“ Zacharias Stimme klang mittlerweile so müde und verwaschen, dass Jojakim nur noch „Das ham ir“ verstand. „Jetzt mach die Augen zu Kleiner.“
Zacharias küsste seinen Sohn auf die Stirn und deckte ihn dann zu.
Jojakim lag noch lange wach und lauschte, ob er hören könnte, wie seine Eltern sich stritten. Doch von jenseits der Tür kamen keine Geräusche mehr.
Am nächsten Morgen schien zwischen seinen Eltern wieder alles beim Alten zu sein. Sein Vater gab seiner Frau wieder einen Kuss, beide tranken ihren Kaffee und Jojakim hatte die Szene vom Abend schon fast wieder vergessen. Doch ein kleiner Teil blieb ihm im Gedächtnis hängen. In Gedanken hörte er immer wieder das Zischen seiner Mutter und die verwaschenen Sätze seines Vaters.
In der darauffolgenden Woche kam sein Vater wieder jeden Abend pünktlich nach Hause. Jojakim lief ihm immer entgegen und der Vater nahm ihn in die Arme. Das bewährte Theaterstück ging in eine neue Saison. Doch schon in der zweiten Woche verspätete Zacharias sich abermals. Wieder ging Jojakim allein ins Bett. Wieder blieb er wach, bis er die Schritte hörte. Wieder dieses Zischen. Und wieder kam der Vater an sein Bett und streichelte ihm den Kopf.
„Habt ihr wieder gefeiert?“, fragte Jojakim.
Zacharias wusste nicht sofort, was sein Sohn meinte. Schließlich nickte er. „Oh ja. Mendelson hat eine Erbschaft gemacht. Das mussten wir feiern.“
Er sprach wieder mit verwaschener Stimme und eine deutliche Fahne umwehte ihn.
„Hast du auch schon einmal eine Erbschaft gemacht?“
„Wie? Oh, nein. Deine Großeltern leben doch noch. Eine Erbschaft kann man nur machen, wenn jemand stirbt.“ Er streichelte seinem Sohn erneut durchs Haar. „Jetzt ist aber Schluss mit der Fragerei mein Großer. Mach jetzt die Augen zu.“
Jojakim tat, wie man ihn hieß. Doch er schlief nicht ein. Er dachte darüber nach, wie es wohl wäre, wenn seine Großeltern stürben und sein Vater etwas erbte. Würden sie dann auch feiern, wo sie doch eigentlich um die Verstorbenen trauern müssten? Über diesen Gedanken schlief Jojakim schließlich doch ein, und als er am nächsten Tag in die Küche kam, war wieder alles beim Alten.
Fast.
Zacharias gab Susanna keinen Kuss, als er sich seinen Kaffee einschenkte. Alles weitere verlief wie gewohnt, doch dieser Moment, als Zacharias sich mit seiner Tasse Kaffee an den Tisch setzte, ohne zuvor…
Die Tage drauf kehrten alle wieder zum gewohnten Muster zurück, doch auf eine seltsame Art und Weise haftete dieses kleine Ereignis an der Realität. Und es kam noch viel schlimmer. Es zog eine giftige Schleimspur durch Jojakims Leben. Immerzu dachte er daran, dass sich seine Eltern nicht geküsst hatten. Und das alles nur, weil Mendelson eine Erbschaft gemacht hatte.
Die Feieranlässe wurden immer zahlreicher. Die Abstände zwischen den Abenden, an denen Zacharias verspätet nach Hause kam, wurden immer kleiner. Und der Schleimklumpen, der den Alltag beschmutzte, wurde immer größer und giftiger, und er schleimte immer größer werdende Bereiche des Lebens voll.
Aus dem Zischen der Mutter wurde irgendwann ein Schreien, dann ein Weinen und zuletzt ein Schweigen. Zacharias kam trotz allem jeden Abend in Jojakims Zimmer und tätschelte ihm den Kopf. Anschließend unterhielten sie sich meist, ehe der Vater ging und Jojakim sich leise in den Schlaf weinte. Er hatte gelernt, stumm zu weinen.
Dieses Theater dauerte an, bis Jojakim sich eines Tages dazu entschloss, sich schlafend zu stellen. Irgendwann öffnete sein Vater nur noch kurz die Tür, um nach ihm zu sehen, bis er auch das ließ.
Dann entdeckte Jojakim eines Tages die Waffe.
Es war ein ziemlich alter Revolver mit Rostflecken und Kratzern im matt glänzenden Metall. Der Sechsschüsser lag in der Schreibtischschublade seines Vaters, in der Jojakim nach einem Blatt Papier gesucht hatte.
Neugierig nahm er sie in die Hand. Im echten Leben hatte er noch nie eine Waffe gesehen, sondern nur im Fernseher. Der Revolver lag schwer in seiner kleinen Kinderhand. Jojakim hob ihn hoch und zielte auf die alte Wanduhr. Plötzlich ging die Tür auf und seine Mutter kam herein. Vor Schreck ließ Jojakim die Waffe fallen. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie zu Boden.
„Großer Gott, Jojakim, was machst du denn da?“
Susanna kam hereingestürmt und hob die Waffe auf.
„Die darfst du niemals wieder in die Hand nehmen, hörst du?“, sagte sie streng.
„Ja Mama“, gab Jojakim kleinlaut als Antwort. „Sagst du mir, wieso Papa eine Waffe hat?“
„Was?“ Susanna sah ihren Sohn verwirrt an. „Ja, er hat sie von seinem Vater geschenkt bekommen. Der hat sie aus dem Krieg.“
Susanna legte hektisch die Waffe zurück in die Schublade und schloss sie mit dem Schlüssel ab. Dann steckte sie den Schlüssel in ihre Hosentasche.
„Du musst wissen, dass Waffen sehr gefährlich sein können. Vor allem, wenn man…“
Sie kam nicht weiter, denn Zacharias kam zur Tür rein.
„Was ist denn hier los?“, fragte er, tätschelte Jojakims Haar – was dieser schon seit mehreren Monaten nicht mehr schön fand – und sah seine Frau an.
„Jojakim hat Arons Pistole gefunden“, antwortete Susanna.
„Es ist ein Revolver, das weißt du, oder?“
„Ja Schatz. Ich habe ihn wieder zurück in die Schublade gelegt und abgeschlossen. Wir müssen den Schlüssel verstecken.“
„Warum? Damit Jojakim ihn nicht findet? Was soll denn schon geschehen? Glaubst du, er schießt sich mit dem alten Ding die Rübe weg?“ Zacharias lachte herablassend und streckte auffordernd die Hand aus. „Gib mir den Schlüssel. Ich will dem Kleinen die Waffe zeigen. Er darf keine Angst davor haben.“

Goethe auf dem Pott

Jeder Mensch hat andere hochwertige Literatur auf der Toilette liegen. Bei den meisten dürften dies ausrangierte Zeitungen sein. Neulich fand ich mich auf einem Lokus wieder, auf dem Goethes Faust auslag. Dieser Umstand inspirierte mich zu folgendem Gedicht:

Meister Goethe tobt, er schreit und schon
Hätt‘ er am liebsten euch erschlagen
Mit seines Zauberlehrlings Besen

Dann fragt er nach mit tiefem Ton:
„Ich bitte euch, wie könnt ihr’s wagen
Den Faust beim Scheißen durchzulesen?“

Der Wanderer

Das folgende Gedicht entstand – wenn man der Legende glauben schenken möchte – im Physikunterricht, während der Praktikant über den Mond schwadronierte. Eventuell vielleicht ist an dieser Geschichte etwas dran. Sie würde zumindest die Thematik des Werks erklären.

Wir steh’n in deiner Bahnen Mitte
Nachts erhellst du unsre Schritte
Verbirgst ganz selten dein Gesicht
Sendest uns dein fahles Licht
Mal wächst du an, mal wirst du klein
„Wieso verändert sich dein Schein?“
Fragten einst der Gelehrten Kreise
Und antworteten auf diese Weise
„Oh welche Freud, oh welche Wonne,
die Ursache liegt bei der Sonne!“

Warum?

Ich stehe am Ufer

Vor mir: Ein Ozean aus Fragen

Fragen nach dem Sinn, dem Weg und dem Grund

Dem Grund für alles hier

 

In meinem Kopf: Mückenschwärme aus Antworten

Zwecklos, nach ihnen zu greifen

Ich tue es dennoch

Und tappe ins Leere

 

Ich stehe am Ufer

Zwischen meinen Zehen: Der Sand der Zeit

Jener Zeit, der man nachsagt, sie heile alle Wunden

Sie rieselt vor sich hin

 

Die Weisen wollen mich mit ihren Antworten erleuchten

Ihre Irrlichter ziehen mich an

Welcher Rat wird sich als Nebelkerze erweisen?

Die Zeit wird es zeigen

© 2020 David schreibt

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