Have a break, write a book

Kategorie: Prosa (Seite 1 von 3)

Alle Texte, die nicht bei drei auf den Bäumen waren.

Der Tag, an dem Oskar seine Frau erschoss – Kapitel 5 – Annabelle

Liebe Leserin, lieber Leser,
lange Zeit war es still auf dieser Webseite. Da aber nun aber bald – vielleicht sogar noch dieses Jahr – mein neues Buch erscheint, dachte ich mir, ich veröffentliche mal wieder etwas.
Ein guter Freund meinerseits – Mr Francis Rickenbacker – erlebte letztens eine schöne Feier. Von dieser Feier handelt die nun folgende Geschichte. Jede Woche gibt’s ein neues Kapitel. Los geht’s…

Natürlich gab es den ganzen Abend lang kein anderes Gesprächsthema als Tante Henriettas Heirat und die Tatsache, dass sie offensichtlich den Großteil ihres Vermögens armen Kindern zugutekommen lassen wollte. Ich hatte kein Interesse daran, mich an dieser müßigen Diskussion zu beteiligen. Viel lieber würde ich noch ein weiteres Glas Rotwein trinken, doch ich fürchtete, dass mein Magen da anderer Meinung wäre als mein Geist. Also lehnte ich mich einfach auf meinem Stuhl zurück und beobachtete die Leute, die sich angeregt unterhielten.
Der Konzertflügel – oder wie auch immer das Ungetüm hieß, dass dort in der Ecke stand – war mittlerweile in Betrieb genommen. Ein Kerl im Anzug saß auf einer kleinen Bank davor und spielte gefühlvoll, wobei er ständig mit dem Oberkörper vor und zurück wogte. Ein paar der Gäste hatten sich von der Musik inspirieren lassen und waren am Tanzen. Ich hatte zu befürchten, dass Gloria demnächst ebenfalls auf die glorreiche Idee kommen würde, das Tanzbein zu schwingen.
Es war nicht Gloria sondern Sophia.
„Magst du mit mir Tanzen, Oskar?“, fragte sie mich.
Ich stand auf, nahm ihre Hand und führte sie dorthin, wo vor einer Stunde noch das herrliche Wildgulasch gestanden hatte. Welch Verschlechterung.
Der Pianist spielte einen ruhigen Walzer. Anfängerkram. Das kam mir sehr recht, denn mich als Anfänger zu bezeichnen, wäre noch die Übertreibung des Jahres. Oder wäre es eine Untertreibung? Der Wein verwirrte meinen Geist.
Wir verknoteten also unsere Gliedmaßen und bewegten uns rhythmisch in Kreisen übers Parkett. Außer uns sah ich noch Annabelle, die mit dem altmodisch gekleideten Herrn tanzte. Ich musste unbedingt in Erfahrung bringen, wie sein Name war.
„Aua“, sagte Sophia plötzlich.
Ich hielt inne, die Welt um mich herum drehte sich weiter.
„Was?“, fragte ich.
„Du bist mir auf den Fuß getreten“, sagte sie lachend.
„Das tut mir leid. Vielleicht probieren wir es mit was einfacherem.“
„Leichter als Walzer? Wir könnten uns im Stehen versuchen.“
Jetzt grinste sie auch noch spöttisch.
„So viel Wein, wie ich intus habe, dürfte sogar das schwer werden.“
„Wenn du magst, können wir aufhören.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, jetzt wird getanzt.“
Ich nahm ihre Hände und wirbelte motiviert drauf los und landete prompt auf ihrem anderen Fuß.
„Aua!“, sagte sie jetzt etwas lauter.
Hatte der Pianist etwa gegrinst?
„Ich glaube, du suchst dir besser einen anderen Tanzpartner“, sagte ich.
„Darf ich dir meinen anbieten?“, fragte Annabelle, die neben uns zum Stehen gekommen war.
„Wie bitte?“, fragte ich.
„Ich fragte, ob ich Ihnen“, sie deutete auf Sophia, „meinen Tanzpartner anbieten darf. Ich kann nämlich nicht mehr und ich glaube, Franni hat noch nicht genug.“
„Er mag es vor allem nicht, wenn man ihn Franni nennt“, sagte Mister Vierzigerjahreanzug.
„Wenn du nichts dagegen hast“, sagte Sophia an mich gewandt.
„Nein, nein. Das ist kein Problem. Bevor ich dir noch eine ersthafte Verletzung zufüge, sollte ich wohl besser einem guten Tänzer Platz machen.“
Wir entknoteten uns und ich stolperte einen Schritt zur Seite. Annabelle hielt mich am Ellbogen fest.
„Hey, fall mir mal nicht hin, Oskar“, sagte sie.
„Ich glaube, ich brauch mal einen Kaffee“, sagte ich.
„Dann holen wir dir mal einen. Komm, ich trinke sogar mit dir.“
Annabelle führte mich zur Kuchentheke, die in der Zwischenzeit von irgendeinem netten Geist in einer Ecke des Raums aufgebaut worden war, und goss zwei Tassen Kaffee ein.
„Weißt du, was du außerdem brauchst?“, fragte sie.
Ich antwortete, indem ich mit glasigem Blick in die Luft starrte.
„Du brauchst frische Luft. Komm, wir gehen nach draußen.“
Ich würde viel lieber an meinen Tisch gehen, oder wenigstens vorher meine Zigaretten holen. Doch Annabelle zog mich einfach mit.
Sie war viel jünger als ich – gerade mal zwanzig Jahre alt – und studierte noch Sozialpädagogik. Wenn man reich werden will, studiert man Sozialpädagogik. Wie genau der Verwandtschaftsgrad zwischen uns ist, kann ich überhaupt nicht sagen. Ich weiß nur, dass Annabelle auf irgendeiner Familienfeier – Weihnachten oder Ostern – kreischend in meinem Zimmer gesessen hatte und mit Kuscheltieren nach meiner Modelleisenbahn geworfen hatte. So entstehen Freundschaften fürs Leben.
„Kann es sein, dass du zu viel getrunken hast, Oskar?“, fragte sie mich.
„Das dürfte im Bereich des Möglichen liegen.“
„Der Wein ist aber auch zu gut.“
„Sündhaft gut.“
Wir lehnten uns an das Geländer der Veranda und tranken unseren Kaffee.
„Woher kennst du ‚Franni‘?“, fragte ich.
Sie lächelte.
„Vom Essen. Was dachtest du denn? Dass ich mir einen alten Knacker angelacht hätte? Franni ist doppelt so alt wie ich.“
Ich hob beschwichtigend meine freie Hand, merkte jedoch sofort, dass das keine so gute Idee war. Ich hielt mich lieber noch einen Moment am Geländer fest.
„Er sitzt am selben Tisch wie ich. Wir haben uns unterhalten. Er ist Privatdetektiv. Sehr interessant. Er hat mal irgendwen für Tante Henrietta aufgespürt. So genau wollte er mir das nicht sagen. Ich glaube, er hat nicht gemerkt, dass mir das aufgefallen ist, aber er weicht all meinen Fragen einfach aus.“
„Soso. Ein Detektiv. Das gefällt dir, oder?“
Annabelle lächelte.
„Das ist jedenfalls spannender, als mit einem Tankwart zu tanzen.“
Sie knuffte mich in die Seite.
„Sag nichts gegen meine Zunft. Wir Tankwarte sind helle Köpfchen. Vor allem, wenn wir Feuer und Flamme sind.“
Eine Grillenfamilie im Ginsterstrauch neben uns lachte über meinen blöden Witz.
Wir sahen schweigend in die Dunkelheit.
„Was ist eigentlich mit Gloria los?“, fragte Annabelle plötzlich unvermittelt.
„Was soll schon mit ihr los sein?“, fragte ich.
„Du weichst mir aus. Und du bist darin noch schlechter als Franni. Also, was ist mir ihr los?“
„Ich weiß es auch nicht.“
„Ich glaube, sie heckt was mit Tom aus“, sagte Annabelle.
„Wer weiß. Vielleicht haben die beiden noch eine Überraschung für Tante Henrietta vorbereitet, von der wir alle nichts wissen sollen.“
„Du bist ja leichtgläubig.“
„Ich bezeichne mich gerne als naiv aber glücklich.“
Die Tür ging auf und wir drehten uns um.
„Wenn man vom Teufel spricht“, sagte Annabelle.
Tom und Magnus traten heraus. Sie gesellten sich zu uns und Magnus zückte eine Schachtel Zigaretten. Endlich.
„Nein danke“, sagte Annabelle. „Mir ist sowieso kalt geworden. Ich geh wieder rein.“
Ich wollte ihr nach drinnen folgen, doch Tom hielt mich zurück.
„Warte noch einen Moment, Oskar. Magnus will dir was zeigen“, sagte er.
Also wartete ich.

Der Tag, an dem Oskar seine Frau erschoss – Kapitel 4 – Henrietta

Liebe Leserin, lieber Leser,
lange Zeit war es still auf dieser Webseite. Da aber nun aber bald – vielleicht sogar noch dieses Jahr – mein neues Buch erscheint, dachte ich mir, ich veröffentliche mal wieder etwas.
Ein guter Freund meinerseits – Mr Francis Rickenbacker – erlebte letztens eine schöne Feier. Von dieser Feier handelt die nun folgende Geschichte. Jede Woche gibt’s ein neues Kapitel. Los geht’s…

Sophia nahm neben mir Platz. Sie wirkte jetzt etwas gefasster. Gloria begrüßte sie nur kurz, drehte sich dann wieder um.
„Hältst du immer noch Ausschau nach Tom?“, fragte ich.
Gloria gab keine Antwort. Also widmete ich mich Sophia.
„Schick siehst du aus in deinem Kleid.“
Ich war schon immer der König des Smalltalks.
„Danke. Das ist ein fair gehandeltes Biokleid aus Afrika.“
Soso. Ich warf einen Blick auf mein Weinglas, in dem schon wieder Ebbe herrschte und überlegte gerade, ob ich mir Nachschub holen sollte, als Henrietta mit ihrer Mitbewohnerin Juliette hereinkam.
„Jetzt geht es bestimmt gleich los“, sagte ich wie ein Kind, das sich tierisch auf den Beginn einer Geburtstagsfeier freut.
Henrietta war für ihr Alter noch sehr robust. Sie ging nur leicht auf einen Stock gestützt. Wenn ich in ihrem Alter noch so selbstständig wäre, ich würde Purzelbäume schlagen – und mir dabei vermutlich das Genick brechen.
Gloria drehte sich jetzt auch wieder zu uns um.
„Henrietta sieht richtig gut aus.“
Meine Tante hatte ihren Tisch erreicht. Dort saßen außer ihr nur ihr Sohn Tom, die reizende Juliette und der Herr in dem altmodischen Anzug. Sie blieb direkt stehen, nahm einen Löffel und schlug damit gegen ihr Glas. Das wäre nicht nötig gewesen, da sie ohnehin unser aller Aufmerksamkeit hatte.
„Liebe Verwandte, Freunde und Bekannte, ich grüße euch alle ganz herzlich und freue mich sehr darüber, dass ihr alle gemeinsam mit mir meinen Geburtstag feiern wollt.“
Ihre Stimme war etwas dünn. Dennoch war jedes Wort zu verstehen.
„Ich habe euch nicht nur eingeladen, um mit mir hier in diesem wunderschönen Schloss zu feiern. Wir werden heute Abend noch ausreichend Gelegenheit dazu haben, bei Musik und Wein fröhlich zu sein. Ich möchte euch auch etwas wirklich Wichtiges mitteilen.“
Gloria wirkte plötzlich nervös. Sie nahm ein Stück Brot aus dem Korb und zerbröselte es auf ihrem Teller. Auch Sophia wirkte jetzt angespannter. Diese Anspannung übertrug sich auf mich und ich spürte, wie ich den Atem anhielt. Laut hörbar atmete ich aus.
„Doch jetzt lasst uns zuerst essen und trinken und gute Gespräche führen.“
Henrietta hob ihr Glas und wir stießen mit ihr an. Dann setzte sie sich und im gleichen Augenblick setzte wieder allgemeines Gemurmel ein.
„Was glaubst du, was sie uns sagen will?“, fragte Gloria.
„Vielleicht, dass sie uns alle enterbt“, witzelte ich.
„Darüber macht man keine Scherze“, sagte Sophia. Ihre Stimme zitterte.
„Will sonst noch jemand einen Wein haben?“, fragte ich.
„Nein, danke“, sagten Gloria und Sophia im Chor.
„Nun, ich genehmige mir noch ein Gläschen.“
Ich stand auf und ging zur Bar. Magnus hatte mich wohl schon kommen gesehen, denn es stand bereits ein Glas Rotwein auf der Theke. Stumm schob er mir das Glas zu und ich schob ihm einen weiteren Geldschein zu. Dann ging ich zurück zum Tisch. Mein Kopf dröhnte etwas. Vielleicht hatte ich doch schon zu viel getrunken.
Gerade als ich mich wieder gesetzt hatte, kam der Koch zur Tür herein und bat um Aufmerksamkeit.
„Verehrte Jubilarin, geehrte Gäste, meine Helfer tragen nun das Buffett auf. Es gibt heute diverse Delikatessen. Besonders stolz bin ich auf das von mir persönlich zubereitete Wild. Ich wünsche Ihnen allen guten Appetit.“
Die Tür ging auf und drei junge Frauen kamen mit Tabletts und trugen sie zu einer langen Tafel.
„Das ist mal wieder typisch“, sagte Sophia laut.
„Was denn?“, fragte ich.
„Na, er spricht von ‚Helfern‘, hat aber nur ‚Helferinnen‘. Das geht mir so auf die Nerven.“
„Übertreibst du nicht ein bisschen?“
„Überhaupt nicht. Das passiert nämlich ständig. Immer und überall.“
„Hauptsache, es schmeckt“, sagte ich und schämte mich sogleich für diesen dummen Witz.
„Ich gehe mal schnell auf Toilette“, verkündete Gloria und stand auf.
Nachdem sie den Saal verlassen hatte, ließ ich meinen Blick schweifen. Keine Spur von Tom. Zufälle gibt’s.
„Was ist eigentlich mit dir los?“, fragte ich Sophia. Es war an der Zeit, in die Offensive zu gehen.
„Da ist nichts.“
„Das kannst du vielleicht Gloria weißmachen, die heute sowieso etwas neben der Spur ist, aber doch nicht mir. Ich bin dein Cousin. Ich kenne dich, seit gefühlt hundert Jahren.“
„Es ist nichts“, sagte Sophia und stand auf. Einfach so. Sie ging schnurgerade zur Tür hinaus.
Ich warf einen Blick auf mein Weinglas und einen zweiten auf das wundervolle Wild. Dann stand ich ebenfalls auf und folgte Sophia nach draußen. Ich fand sie auf dem Parkplatz, wo sie auf und ab tigerte. Ich gesellte mich zu ihr. Als sie mich bemerkte, blieb sie stehen und sah mich an. Sie zitterte.
„Was ist wirklich los?“, frage ich und wollte sie sanft an der Hand fassen. Doch da fiel sie mir schon um den Hals und begann bitterlich zu weinen.
„Ich bin pleite. Vollkommen bankrott. Ich habe schon seit einem halben Jahr kein Geld mehr. Und die Bank hat mir den Hahn zugedreht. Und meine Investoren wollen endlich Ergebnisse sehen, aber das Computerspiel braucht mindestens noch ein halbes Jahr, ehe es marktreif ist. Und ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Seit Wochen ernähre ich mich von Toastbrot und Äpfeln und Wasser und sonst nichts. Ich … Ich kann nicht mehr.“
Ich hatte nur die Hälfte aufschnappen können, doch irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es Sophia echt schlecht ging.
„Warum hast du denn nicht schon früher mal was gesagt“, fragte ich.
Als Antwort bekam ich nur ein Schluchzen. Sie weinte jetzt hemmungslos und ich fürchtete um mein Hemd. Vielleicht hatte Gloria für genau solche Fälle ein zweites Hemd eingepackt.
„Ich schäme mich so sehr.“
„Das musst du nicht. Sowas kann jedem mal passieren.“
Sophia schniefte nur.
„Ich habe schon überlegt, ob ich nicht ein Angebot aus der Automobilbranche annehmen soll. Ich und für die Autoindustrie arbeiten. Kannst du dir das vorstellen?“
Ich schüttelte nur den Kopf.
„Aber wenn man seit einem halben Jahr auf dem Trockenen sitzt, kommt man schon einmal in die Verlegenheit, gegen seine Prinzipien zu verstoßen.“
„Wem sagst du das“, sagte ich, ohne zu wissen, was ich damit meinte.
„Wie wäre es, wenn du Tante Henrietta um einen kleinen Kredit bittest?“, schlug ich vor.
„Das habe ich vor. Doch dann hat sie diese Andeutungen gemacht, dass sie uns noch irgendwas verkünden will. Ich sehe es schon kommen, dass sie all ihr Geld in einen Kinderhilfe-Fond steckt. Und ich schäme mich dafür, dass ich so denke. Die Kinder brauchen doch das Geld.“
Wieder weinte sie. Ich klopfte ihr sachte auf die Schulter.
„Glaubst du nicht, dass Tante Henrietta genug Geld hat, sowohl den Kindern dieser Welt als auch dir zu helfen? Und wenn sie kein Geld hat, arbeitest du halt für mich. Du wirst sehen, dass die Kundenbedienung Spaß machen kann.“
„Oskar du liebenswürdiger Trottel. Du arbeitest nicht auch zufällig in der Autoindustrie?“
„Nun …“
„Und außerdem schulde ich meinen Investoren das Spiel. Sie haben schließlich eine halbe Million investiert.“
„Soviel? Und das alles für ein Spiel?“
„Du hast keine Ahnung“, sagte sie nur.
„Das stimmt. Aber ich habe Hunger. Und deshalb gehen wir jetzt rein und essen was. Ich rieche Fleisch!“
„Widerlich!“, sagte Sophia und lachte.
Wir gingen zurück in den Saal und schaufelten unsre Teller randvoll. Dann setzten wir uns an unseren Tisch. Gloria war immer noch nicht wieder da.
„Wo die wohl bleibt?“, fragte Sophia.
„Da kommt sie schon.“
Gloria kam zur Tür rein und stellte sich direkt ans Buffet.
Ich wollte mich gerade über mein Wildgulasch hermachen, als Henrietta ein zweites Mal aufstand und an den Rand ihres Weinglases hämmerte.
Alle Augen richteten sich auf den Tisch, der ganz vorne stand.
„Liebe Verwandte, Freunde, Bekannte, ich möchte euch allen heute noch etwas Besonderes mitteilen. Es gibt nämlich noch mehr zu feiern als nur meinen Geburtstag, aber dazu komme ich gleich. Viele von euch wissen, dass ich der Meinung bin, es bringe nichts mehr, in meinem Alter noch Besitztümer anzuhäufen. Ich danke all jenen, die meinem Wunsch nachgekommen sind und etwas für die Kinderhilfe gespendet haben. Doch ich kann nicht von euch allen verlangen, etwas für die gute Sache zu geben und dabei selbst auf einem riesigen Haufen Geld sitzen bleiben. Deshalb habe ich beschlossen, drei Viertel meines Vermögens an die Kindernothilfe zu spenden. Somit ist den Ärmsten geholfen und es bleibt gleichzeitig noch genug Geld übrig, dass ich meiner Familie vermachen kann.“
Wie zu erwarten war, entstand ein allgemeines Gemurmel. Ich sah Gloria an und dann Sophia. Tom, der ganz vorne am Tisch saß – nur zwei Plätze von Henrietta entfernt – begann schallend zu lachen. Henrietta warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Damit das alles mit rechten Dingen zugeht, habe ich als Erbverwalterin meine Frau Juliette eingesetzt.“
Man hätte ein Atom fallen hören können.
„Ganz recht, ich habe meine langjährige Mitbewohnerin geheiratet. Das bedeutet nicht, dass ich – wie man so schön sagt – auf einmal vom anderen Ufer wäre. Ich habe meinen Mann geliebt und liebe ihn immer noch. Es ist vielmehr eine ‚Zweckehe‘, in der jede der anderen ihr Vermögen angetraut hat.“
Da ich nicht wusste, was ich machen sollte, begann ich zu applaudieren. Die anderen stimmten der Reihe nach mit ein. Henrietta bedankte sich und setzte sich wieder. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Der Tag, an dem Oskar seine Frau erschoss – Kapitel 3 – Gloria

Liebe Leserin, lieber Leser,
lange Zeit war es still auf dieser Webseite. Da aber nun aber bald – vielleicht sogar noch dieses Jahr – mein neues Buch erscheint, dachte ich mir, ich veröffentliche mal wieder etwas.
Ein guter Freund meinerseits – Mr Francis Rickenbacker – erlebte letztens eine schöne Feier. Von dieser Feier handelt die nun folgende Geschichte. Jede Woche gibt’s ein neues Kapitel. Los geht’s…

Unten war mittlerweile ziemlich was los. Die meisten Gäste kannte ich nicht – viele waren offensichtlich Freunde von Henrietta oder Bekannte und Verwandte aus einem anderen Familienzweig. Ich sah Tom, Annabelle, Simone und noch eine ältere Frau. Das musste Juliette sein, die Mitbewohnerin meiner Tante.
Gloria trug ihr rotes Kleid – es war eher weinrot – und Schuhe mit hohen Absätzen, was sie eigentlich nicht mochte. Wir sahen uns nach etwas zu trinken um. Ich erblickte die Bar und ging zielstrebig auf den jungen Mann zu, der die Gäste bediente. Ich erkannte in ihm Magnus wieder, mit dem Gloria sich bei meiner Ankunft unterhalten hatte.
„Guten Abend Herr Wolter, was darf ich Ihnen anbieten?“, fragte er, als ich den Tresen erreicht hatte.
„Zweimal Weißwein“, antwortete ich.
Eigentlich trank ich viel lieber Rotwein, doch Gloria bevorzugte weißen und so beugte ich mich der Mehrheit – also der Machtinhaberin. Man könnte sagen, dass ich aus Liebe zu meiner Frau versuchte, Weißwein etwas Positives abzugewinnen.
„Ich hätte hier einen wunderbaren Sauvignon Blanc.“
„Immer her damit.“
Während Magnus den Wein einschenkte, lehnte ich mich an den Tresen und sah mich im Raum um. Auf den Tischen standen jetzt Wasserflaschen und Brotkörbe. Etwas abseits von allem stand ein Klavier – eines von den großen Dingern, die man, so denke ich jedenfalls, Flügel nennt. Direkt neben dem Klavier stand eine Musikanlage. Henrietta schien aus unerfindlichen Gründen davon auszugehen, dass irgendjemand Musik hören wollte – oder schlimmer noch: Tanzen würde.
Gleich neben mir an der Bar stand ein älterer Herr. Wobei ich durch einen zweiten Blick feststellte, dass er gar nicht viel älter war als ich. Er war einfach nur viel älter gekleidet.
„Hier bitte sehr“, sagte Magnus, riss mich aus meinen Betrachtungen der Umgebung und reichte mir die bestellten Gläser.
„Danke“, sagte ich nur und nahm die Gläser an mich. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein Trinkgeld geben sollte. Da es ein langer Abend werden würde, entschied ich mich dazu, noch etwas zu warten, ehe ich die Spendierhosen anziehen würde.
Ich ging zurück zu Gloria und reichte ihr die beiden Gläser. Sie hatte sich mit einer Frau unterhalten, unterbrach ihr Gespräch aber sofort, sobald ich neben ihr stand.
„Danke, Schatz“, sagte sie und nippte an ihrem Wein.
„Der ist gut, oder?“, fragte ich.
„Sehr gut“, entgegnete sie.
„Wollen wir uns setzen?“
„Gleich, Oskar. Ich suche Tom. Hast du ihn gesehen?“
„Vorhin stand er noch dort neben dem Klavier.“
„Das ist ein Flügel“, verbesserte sie mich.
„Kann schon sein. Jedenfalls habe ich ihn dort gesehen.“
„Ich gehe ihn mal suchen.“
„Was willst du denn von ihm?“
„Such schon mal einen Platz aus. Ich bin gleich wieder da.“
Sie ließ mich stehen. Also suchte ich einen Platz – etwas abseits, aber nicht so weit weg vom Schuss – und stellte mein Glas ab. Ich hängte mein Jackett über die Stuhllehne – das Strandtuch einer jeden Feier – und ging zurück zur Bar.
„Hallo nochmal. Hätten Sie vielleicht auch einen schönen, schweren Rotwein?“, fragte ich Magnus.
„Ich hätte hier einen trockenen Lagrein.“
„Sehr gut. Davon bitte ein halbes Glas.“
„Wieso erklären Sie Ihrer Frau nicht einfach, dass Sie etwas anderes trinken wollen als sie?“, fragte der Mann in den altmodischen Klamotten neben mir.
„Wie?“, fragte ich eloquent zurück.
„Na, Sie können Ihrer Gattin doch einfach sagen, dass Sie lieber roten trinken und Ihre Frau trinkt ihren weißen. Was ist so schwer daran?“
„Nun, das ginge vermutlich“, sagte ich und wandte mich wieder an Magnus.
„Gießen Sie das Glas ruhig voll.“
Magnus tat wie ich ihn hieß. Ich nahm das Glas an mich und wandte mich wieder zur Seite, um mich dem Mann vorzustellen. Doch er hatte sich bereits davon gemacht. Ich sah ihn, wie er sich mit Annabelle unterhielt. Vielleicht ergab sich ja im Laufe des Abends noch die Möglichkeit, seine Bekanntschaft zu machen.
Ich ging zurück zu meinem Platz. Kaum dass ich saß, kam auch schon Gloria und setzte sich neben mich. Sie hatte ihr Glas bereits ausgetrunken.
„Einen guten Platz hast du ausgesucht“, sagte sie und griff nach meinem Weißweinglas.
„Nicht zu nah dran, aber auch nicht in der hintersten Ecke“, murmelte ich.
„Du trinkst Rotwein?“
„Ja. Ich hatte gerade mal Lust auf einen roten. Außerdem gibt es keinen Grund, weshalb wir nicht zwei verschiedene Weine trinken können.“
Sie trank einen weiteren Schluck, ohne auf meine Argumentation einzugehen.
„Hast du Tom gefunden?“
„Ja.“
„Was wolltest du denn vom ihm?“
„Och, nichts. Ich wollte ihm nur etwas geben.“
„Aha.“
Wir nippten an unseren Gläsern.
„Hast du schon mit Tante Henrietta gesprochen?“, frage ich.
„Noch nicht. Das können wir nachher zusammen machen.“
„Du hast doch den Umschlag, oder?“
„In meiner Handtasche.“
Tante Henrietta hatte darauf bestanden, keine Geschenke zu ihrem Geburtstag zu erhalten. Das letzte Hemd habe keine Taschen und sie müsse eher zusehen, wie sie all ihren Besitz loswerde, anstatt neuen anzuhäufen. Also hatte sie eine Spendenbox für Kinder in Not aufgestellt und darum gebeten, eifrig zu geben. Eine Heilige. Aber wahrscheinlich war sie tatsächlich in einem Alter, in dem es angebracht war, sich um sein Seelenheil zu kümmern.
„Weißt du, wer der Mann neben Annabelle ist?“, fragte ich.
Gloria sah sich kurz im Saal um, ehe sie Annabelle erblickte.
„Der Herr in dem schicken Anzug? Den habe ich noch nie gesehen. Interessant sieht er aus.“
„Ich glaube, ich hole mir noch ein Glas“, sagte ich und stand auf.
„Bringst du mir auch noch eins mit?“
Ich sah sie erstaunt an. Drei Gläser in so kurzer Zeit?
„Für nachher, zum Essen“, sagte sie.
Irgendwie war es ihr gelungen, meine Gedanken zu lesen.
Ich ging zurück zu Magnus und gab meine Bestellung auf.
„Weißt du, wer der Herr ist, der eben hier gestanden hat?“, frage ich Magnus.
„Der mit der Weste?“, fragte er zurück.
„Genau.“
„Nie gesehen. Aber ich kenne hier außer Tom und Henrietta niemanden.“
„Aber müssen Barkeeper nicht immer ihre Kunden in ein Gespräch verwickeln? Sie wissen schon: Wie im Krimi.“
Magnus lachte.
„Das kann schon sein. Doch eigentlich bin ich gar kein Barkeeper. Ich mache das nur, weil der richtige Barkeeper die Grippe hat.“
„Auf jeden Fall machen Sie Ihre Sache gut“, sagte ich und beschloss, dass es Zeit für ein erstes Trinkgeld war. Ich griff in meine Hosentasche und zog einen Zwanziger hervor.
„Hier, für Sie.“
„Danke, aber das kann ich nicht annehmen.“
„Wenn Sie es nicht annehmen, sage ich es meiner Frau. Und die kann sehr überzeugend sein.“
„Das habe ich bereits gehört“, sagte Magnus.
Ich lachte.
„Sie meinen die Sache mit dem Wein? Nun, eigentlich hat sie nie irgendwas gesagt. Ich habe mich eher aus vorauseilendem Gehorsam gebeugt.“
Jetzt war es an Magnus zu lachen.
„Geben Sie her“, sagte er und nahm den Geldschein.
„Bevor ich es mit ihrer Frau zu tun bekommen, nehme ich lieber Ihr Trinkgeld an.“
Ich lachte ebenfalls, nahm die Weingläser und ging damit zurück zu Gloria. Sie knabberte an einem Stück Brot und blickte nachdenklich ins Nirgendwo.
„Hier Schatz“, sagte ich und stellte den Wein vor ihr auf den Tisch.
Gloria zuckte zusammen.
„Danke“, sagte sie etwas übereilt.
„Es hat etwas länger gedauert. Ich habe mich noch mit diesem Magnus unterhalten. Du weißt schon: Der Mann, mit dem du heute auf der Terrasse gestanden hast.“
„Ah, Herr Holgersson. Das ist ein ganz netter“, sagte sie. „Er ist ein Freund von Tom.“
„Richtig. Wo ist der überhaupt?“
„Wer?“, fragte Gloria.
„Tom. Ich sehe ihn nirgendwo.“
„Ach der. Der war vorhin noch draußen im Durchgang.“
„Was wolltest du eigentlich von ihm?“
„Nichts wichtiges.“
Mittlerweile merkte sogar ich, dass Gloria mir auswich.
„Hast du Sophia gesehen?“, fragte sie.
„Nein.“
„Vielleicht guckst du mal nach ihr. Sie sah ja wirklich nicht gut aus.“
„Das hat sich erledigt“, sagte ich und winkte Sophia zu, die in diesem Moment den Saal betrat.

Der Tag, an dem Oskar seine Frau erschoss – Kapitel 2 – Sophia

Liebe Leserin, lieber Leser,
lange Zeit war es still auf dieser Webseite. Da aber nun aber bald – vielleicht sogar noch dieses Jahr – mein neues Buch erscheint, dachte ich mir, ich veröffentliche mal wieder etwas.
Ein guter Freund meinerseits – Mr Francis Rickenbacker – erlebte letztens eine schöne Feier. Von dieser Feier handelt die nun folgende Geschichte. Jede Woche gibt’s ein neues Kapitel. Los geht’s…

Sophia war schon immer eine Idealistin. Und genau das wurde ihr an diesem Tag zum Problem. Sie ist meine Cousine – meine Tante Cornelia war ihre Mutter – und wir kennen uns schon seit unserer Kindheit. Sophias Idealismus zeichnete sich bereits im Kindergarten ab, wenn sie die Bauklötze gerecht auf alle Kinder aufteilte oder allen solange untersagte, Bilder auszumalen, bis nicht auch der kleine Timo ein paar Buntstifte bekam. Dass Timo in Wahrheit viel lieber mit den Kuscheltieren spielen wollte, interessierte niemanden.
Im Alter von zehn Jahren verkündete Sophia, sie sei nun Vegetarierin. Keine zwei Jahre später konvertierte sie zum Veganismus – alles der Umwelt zur liebe, und weil sie es nicht ertrug, dass ihretwegen Lebewesen auf die grausamste Art ausgebeutet wurden. Wieso musste sie mir diesen Vortrag ausgerechnet halten, als ich gerade genüsslich ein Steak in mich hineinschaufelte?
Wie dem auch sei. Sophia besaß aus diesem Grunde auch kein Auto und mied Taxen, wo es nur ging, da sie es nicht aushielt, dass ein Fahrzeug nur ihretwegen giftige Abgase in die Umwelt pustete. Also fuhr sie Bahn, Bus und Rad oder ging schlicht alles zu Fuß. In Berlin konnte sie sich das erlauben, doch wenn größere Strecken zurückzulegen waren, kam sie ganz schön in die Bredouille. Und wieso musste Tante Henrietta ihren Geburtstag auch am Arsch der Welt feiern?
Sophia fuhr also mit dem Bus von Berlin raus aufs Land. Ihr Gepäck bestand aus einem fair gehandelten, biologisch abbaubaren Koffer, der aussah, als fiele er jeden Moment zusammen. Wenigstens könnte man ihn dann direkt an Ort und Stelle liegen lassen – denn ich bin mir sicher, dass Sophias Kleidung ebenfalls biologisch abbaubar ist.
Sophia rief mich von unterwegs aus an.
„Hallo Lieblingscousin“, sagte sie.
„Hallo Lieblingscousine“, erwiderte ich, was ein wenig unsinnig ist, da Sophia meine einzige Cousine ist.
„Kannst du mich in einer Viertelstunde an der Bushaltestelle abholen?“
„Hältst du es denn aus, dass ich extra für dich mit dem Auto fahre?“
„Es ist ja auch für Tante Henrietta“, sagte sie.
„Dann ist es wohl in Ordnung. Ich mache mich sofort auf den Weg. Sag mir nur noch, wo genau ich dich abholen soll.“
Sophia nannte die Haltestelle und ich machte mich auf den Weg.
Die Fahrt dauerte keine fünf Minuten, so dass mir noch Zeit blieb, eine Zigarette zu rauchen, bevor Sophia mir Vorwürfe machen konnte, ich zerstöre nicht nur mein Leben, sondern auch die Umwelt und vor allem die Natur in Südamerika.
Nach der Zigarette lutschte ich ein Pfefferminzbonbon, um den Geruch des Rauches zu überspielen. Ich kam mir ein bisschen vor wie damals in der fünften Klasse, als ich mit dem Rauchen angefangen hatte.
Das Bonbon hatte sich soeben in seine zuckrigen Bestandteile aufgelöst, da kam auch schon der Bus. Sophia war der einzige Fahrgast. Wir begrüßten uns herzlich und ich lud ihren Koffer in mein Auto. Als ich den Motor startete, schaltete Sophia die Klimaanlage aus und öffnete stattdessen das Fenster.
„Wenn du maximal 80 Stundenkilometer fährst, ist es besser, wenn du das Fenster offen hast. Außerdem produzierst du nicht so viel Kohlendioxid, wenn du langsamer fährst.“
„Aber ich bekomme einen steifen Hals“, sagte ich, schloss die Fenster wieder und schaltete die Klimaanlage an.
„Typisch Mann“, sagte Sophia und verdrehte die Augen.
„Wie geht es dir?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
„Gut.“
Ich schielte auf den Beifahrersitz. Sophia war noch dünner geworden und sah schrecklich aus. Dass es ihr gut ging, konnte sie einem Deppen erzählen, der zu blöd wäre, aus einem Boot ins Meer zu pinkeln. Ich entschloss mich, nicht auf ihren Gesundheitszustand einzugehen.
„Was macht die Arbeit?“
„Die läuft super!“
Lüge Nummer zwo.
„Wenn alles klappt, kriege ich für mein nächstes Projekt eine Förderung vom Land. Vielleicht sogar eine vom Staat. Es wird super.“
„Was machst du zur Zeit?“
„Eine WiSim für Mobile“, sagte Sophia, als verstünde irgendjemand, was sie meinte.
„Ach so“, entgegnete ich nur. „Und worum geht es?“
„Ich entwickle eine Wirtschaftssimulation, bei der es darauf ankommt, den Planeten durch kluge Entscheidungen zu retten und auf der Welt eine gerechte und soziale Umverteilung der Ressourcen zu erreichen.“
„Okay.“
Sophia entwickelte Videospiele. Neben ihrem Idealismus in allen Dingen waren Computerspiele schon immer ihre Leidenschaft gewesen. Als ich sie einmal darauf hingewiesen hatte, dass man für die Herstellung von Computern auf Rohstoffe zurückgriff, die in ärmeren Ländern gewonnen wurden, warf sie mir Schlicht „Whataboutism“ vor. Ich musste das Wort erst einmal nachschlagen. Nachdem ich festgestellt hatte, dass es sich nur um eine bloße Rechtfertigungsausrede handelte, die gerne benutzt wurde von Leuten, die unethisch handelten, dachte ich mir, dass es die Luft zum Atmen nicht Wert sei, mich auf eine Diskussion mit Sophia einzulassen.
Aber ich schweife ab. Sophia bastelt also Computerspiele. Und sie erhält Fördergelder. Und aus unerfindlichen Gründen verliert sie permanent an Gewicht.
„Wie geht es Gloria?“, fragte Sophia.
„Gut. Sie sprüht vor Energie. Sie handelt immer noch mit irgendwelchen Dingen im Internet. Frag lieber nicht.“
„Und deine Tankstelle läuft gut?“
„Sehr gut sogar.“
Auf einer Skala der Verachtung von eins bis zehn erhalte ich von Sophia für meine Investition in eine Tankstelle mindestens eine neun. Aber sie arbeitet an sich und hat sich mittlerweile ganz gut im Griff.
„So, da wären wir“, sagte ich, als ich den Golf zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Parkplatz vor dem Schloss lenkte.
Sophia stieg aus und hatte sich, ehe ich ihr meine Hilfe anbieten konnte, schon ihren Koffer geschnappt.
„Danke fürs Abholen. Bis nachher“, sagte sie und verschwand nach drinnen.
Ich blieb noch neben dem Auto stehen und rauchte eine zweite Zigarette.
Was war nur los mit Sophia? Ich vermutete nicht, dass sie krank war. Sie hatte eher abgemagert gewirkt – fast so, als habe sie in letzter Zeit nichts gegessen. Dabei liebte sie es, zu essen. Schon als Kind hatte sie immer Unmengen verschlungen. Anfangs noch Wurst und Käse und Fleisch, später dann Salat und Salat und Salat. Aber sie hatte noch nie so ausgezehrt gewirkt. Vermutlich hatte sie einfach Stress auf der Arbeit und dabei das Essen vergessen. Ich würde sie am Abend im Auge behalten.
Gloria kam aus dem Schloss.
„Oskar, da steckst du. Ich habe dich überall gesucht.“
„Ich habe Sophia vom Bus abgeholt.“
„Das dachte ich mir schon. Aber jetzt komm rein. Du musst dich doch noch umziehen.“
Ich sah auf die Uhr. Es war mittlerweile kurz vor fünf. In einer Stunde sollte der ganze Zinnober losgehen. Ich warf meine Zigarette auf den Boden und zertrat sie mit dem Absatz. Dann ging ich mit Gloria nach drinnen.
„Was guckst du denn so nachdenklich?“, fragte sie.
„Es ist nichts. Nur Sophia macht mir ein wenig Sorgen.“
„Wieso?“
„Sie wirkt so gestresst.“
„Sie ist eine selbstständige Frau und groß genug, selbst auf sich aufzupassen.“
„Vielleicht sollte ich mal mit ihr reden.“
„Tu, was du nicht lassen kannst. Aber untersteh dich, Witze über ihren Lebensstil zu machen.“
„Ich doch nicht“, sagte ich lachend.
Wir hatten unser Zimmer erreicht.
„Jetzt zieh dich schnell um und dann ab nach unten“, wies Gloria mich an.
„Ich dusche vorher nochmal.“
„Schon wieder?“
„Ich will eben glänzen für meine Tante.“
„Dann beeil dich.“
Ich ging ins Bad und duschte. Als ich wieder ins Schlafzimmer kam, hatte Gloria bereits ihr Kleid angezogen. Sie sah einfach nur wundervoll aus. Ich würde neben ihr wie ein billiger Abklatsch von einem gut gekleideten Mann wirken. Trotzdem schlüpfte ich in meinen Anzug, band mir die Krawatte um und besah mich dann im Spiegel. Sah ich gestresst aus? Höchstens ein bisschen.

Morgentod 2

Der liebe Lutz schenkte mir diese Geschichte:

Ruth saß an dem kleinen Schreibplatz in der Ecke ihrer Werkstatt und arbeitete an ihrem Roman. Sie war selbstständige KFZ-Meisterin, denn zur Schriftstellerin hatte das Zutrauen ihres Vaters nicht gereicht. Das meinte zumindest die Therapeutin. Also reparierte sie hauptberuflich anderer Leut’s Autos und schrieb in ihrer Freizeit Geschichten.

Es war Sonntagmorgen, ihr Mann war in der Kirche („Meinst du nicht, es täte dir auch gut, dich der Religion wieder ein klein bisschen mehr zu öffnen?“) und die Kinder sahen fern: Ruth hatte Zeit für sich und ihr Hobby. Gerade nahm sie ihren neuen Füller zur Hand, um eine Szene über die Mutter ihrer Hauptfigur zu schreiben, da hörte sie hinter sich eine sonore Stimme: „Wann lässt du endlich diese Kinkerlitzchen?“

Ruth war augenblicklich wieder das sechsjährige Mädchen, das sie nie mehr hatte sein wollen, trug ein nettes Kleidchen, Spängchen im Haar und rannte freudestrahlend auf ihn zu, den sie wie nichts auf der Welt anhimmelte.

Ruth war aber augenscheinlich eine erwachsene Frau, die ihrer Leidenschaft nachging, in der sie hoffte, das zu finden, was der Alltag ihr versagte.

Leider ist es so, dass das Wenigste im Leben sich logisch erklären lässt und vor allem ein Mord erscheint Außenstehenden oft als ein unverhältnismäßiger Ausweg aus einer mittelmäßig verzwickten Situation.

Ruth steckte ihrem Vater den Füller tief ins Auge, wie sie es einmal im Kino gesehen hatte, obwohl ein einfaches „Lass mich endlich in Ruhe“ wahrscheinlich genügt hätte.

Morgentod – 1

Ich startete unlängst ein kleines Spiel, bei dem ich Bekannte und Verwandte und solche, die es gerne werden möchten, bat, eine Geschichte (vom Umfang her nicht länger als 2000 Anschläge) zu schreiben. Die einzigen Vorgaben seien:
Titel: „Morgentod“
Protagonistin: Ruth, eine Automechanikerin
Handlung: Ein Mann stirbt

Hier ist nun meine Version der Geschichte. Etwaige Einsendungen veröffentliche ich gerne auf meiner Homepage:

Bei einem Automotor hätte Ruth gewusst, was zu gewesen wäre. Welches Ventil neu einzustellen wäre, welches Kabel sich gelockert haben könnte, welche Leitung leck sein könnte. Meistens half es auch schon, wenn man dem Metallklotz einfach eins mit dem 19er-Schlüssel überzog. Ruth stellte sich die Motoren der alten Karren, die sie in Waldemars Werkstatt reparierte, manchmal als alte, dickbäuchige Kerle vor, denen man nur mal ordentlich in den Hintern treten musste, damit sie wieder funktionierten, und endlich lernten, den Müll runter zu tragen. Natürlich versuchte sie es immer erst einmal mit Liebe, indem sie dem Klang des Motors lauschte. Meistens konnte sie so schon erkennen, welche der vier Zylinderkopfdichtungen durchgebrannt war.
Doch in jedem Fall wusste Ruth immer, was zu tun ist.
Anders verhielt es sich beim Menschen. Was sollte man tun, wenn der eigene Freund morgens beim Frühstück mitten im Satz innehielt, nach vorne klappte und mit dem Gesicht voll auf dem Salamibrötchen landete?
Ruth war sofort aufgesprungen und hatte versucht, den Notruf zu erreichen, doch es gab Momente im Leben, in denen sich einfach alles im Universum gegen einen verschwor, denn natürlich war der Akku ihres Smartphones leer und das Ladekabel nirgends zu finden. Und selbstverständlich hatte Björn vor einem Monat den Festnetzanschluss gekündigt, weil sie dringend Geld sparen mussten und keiner von ihnen auf das Netflix-Abonnement hatte verzichten wollen. Und wie es der Zufall wollte, waren alle Nachbarn im Haus bereits auf dem Weg zur Arbeit.
Also tat Ruth das einzige, was ihr einfiel: Sie holte aus der Abstellkammer den 19er-Schlüssel und …

Das Geschäft mit der Hoffnung

Passend zu Ostern gibt es eine Geschichte über Gott. Wahrscheinlich ist sie theologisch nicht sonderlich durchdacht. Vielmehr geht sie mal wieder auf eine Titelvorgabe durch den lieben Lutz zurück. (Buchupdate: Die unlektorierte Fassung Nr. 1 ist jetzt zu 36 % überarbeitet. Es geht voran.)

Jeden Tag kamen sie in Scharen zu ihm. All die Mühseligen und Beladenen, all die kleinen Kinder mit ihren kranken Katzenbabys und all die Menschen ohne Essen und Trinken. Jeden Tag schrien sie zu ihm hinauf, jeder in seiner Sprache. Doch Gott wollte das alles nicht mehr hören. Schon lange nicht mehr. Er hatte sich noch nie als den gesehen, den die Menschen in ihm sahen: Einen alten Opa, zu dem man kommt, wenn es einem nicht gut geht und der einem ein Lutschbonbon gibt, damit man wieder lächelt.
Gott sah sich vielmehr als Beobachter. Nicht nur von außen, sondern auch von innen. Schließlich war er ja mehrere Male auf die Erde gegangen und hatte als Mensch gelebt. Dabei hatte er ihnen doch gezeigt, dass sie sich selbst helfen konnten, wenn sie auf einander achteten. Doch irgendwie war der Teil seiner „Botschaft“, wie manche Leute gerne sagten, verloren gegangen.
Stattdessen kamen sie nach wie vor in Scharen.
Gott wollte sich schon griesgrämig von der Welt, die er erschaffen hatte, abwenden, als ihm die rettende Idee kam: Das Stichwort lautete Hoffnung. Er würde die Menschen hoffen lassen. Und zwar alle Menschen, auch diejenigen die schon gelebt hatten. Hoffnung würde sich für die Menschen anfühlen wie eine sanfte Hand, die sie über die Wange streichelt.
Jetzt konnte der Hungernde hoffen, er würde gesättigt. Der trauernde konnte auf ein Wiedersehen in einer anderen Welt hoffen. Der Arme konnte hoffen, jemand gäbe ihm Geld. Und Gott hatte endlich seine Ruhe. Seit Äonen mal wieder Zeit für sich, kein Klingeln im Ohr, keine Probleme.
Bis es an der Tür klingelte. Gott machte neugierig auf, da er keinerlei Besuch erwartete. Draußen stand Luzifer, den Mantel nass vom strömenden Regen.
„Darf ich reinkommen, Gott?“, fragte er und Gott ließ ihn ein.
„Was willst du? Hast du in deiner Welt nichts mehr zu tun?“
„Nein, nein, das ist es nicht“, versicherte Satan. „Ich wollte mich nur bei dir bedanken.“
„Wofür?“
„Na, für die tolle Idee mit der Hoffnung. Ich habe sie natürlich direkt in meiner Welt ausprobiert und du wirst nicht glauben, was das alles verändert hat.“
Satan setzte sich auf das Ledersofa und sah zum Fenster raus. Unten auf der Erde sah er mit seinen Adleraugen einen kleinen Lichtblitz.
„Da“, rief er erfreut, „jetzt fangen sie bei dir auch an!“
Gott ging zum Fenster und starrte angestrengt hinaus.
„Womit fangen sie an?“
Doch, noch ehe er die Frage zu Ende ausgesprochen hatte, wusste er, was Satan meinte. Er sah Explosionen und wild schreiende Mütter mit ihren Kindern davonlaufen.
„Was zum Teufel…“, presste er heraus und verstummte, da er an seinen Gast dachte. „Oh, entschuldige Bitte. Ich wollte deinen Namen nicht missbrauchen.“
„Schon gut. Aber siehst du, was ich meine? Es gibt doch tatsächlich Spinner dort unten, die in anderen Spinnern die Hoffnung wecken, sie kämen in eine Art Paradies, wenn sie sich und andere Menschen in die Luft jagen.“
„Das ist nicht gut.“ Mehr sagte Gott nicht.
„Das ist doch fantastisch!“, jubelte Satan und schlug sich vor Lachen mit den Händen auf die Schenkel. „Stell dir doch nur mal vor, wie die sich fühlen, wenn sie merken, dass sie sich umsonst in die Luft gesprengt haben. Zum Brüllen ist das!“
„Na, deinen Humor möchte ich haben. Sie werden gar nix fühlen, weil sie dann ja tot sind. Aber ihre Hinterbliebenen werden Trauer und Schmerz fühlen. Und dann kommen sie doch wieder zu mir. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.“
„Tja, es ist gar nicht so einfach, sich um eine Welt zu kümmern, nicht wahr Gott?“
„Da hast du recht, Satan.“ Gott stand immer noch am Fenster und jetzt liefen ihm Tränen über die Wangen. „Aber ich habe mich an diese Welt gewöhnt. Ich will nicht, dass sie vor die Hunde geht. Ich denke, ich krieg das wieder hin, wenn ich mich mal ernsthaft um die Welt kümmere.“
Gott steigerte sich aus seiner Traurigkeit in einen Tatendrang hinein. Er spürte ein Kribbeln am ganzen Körper und ahnte nicht, dass es Hoffnung war.

Ende

Nicht vergessen!

Totaler Nonsense. Blitzeinschlag in mein Autorenhirn.

Rumms. Oskar landete ungebremst auf dem Hintern. Er bildete sich ein, spüren zu können, wie – begleitet vom Ticken der Uhr – auf seiner Stirn ein großes Horn wuchs. Vorsichtig befühlte er mit der Hand seinen Kopf. Wenigstens spürte er kein Blut, soviel war ihm erspart geblieben. Stattdessen glaubte er, einen Abdruck der Verzierungen der großen alten Standuhr zu ertasten.
Die Uhr war ein Geschenk seines Großvaters gewesen und stand seit Jahren links an der Wand, gegenüber der Badezimmertür. Nur diese Nacht befand sie sich auf einmal mitten im Gang. Der Hausgeist hatte die Uhr umgestellt.

Ende

Mut und Torte

Zuletzt vergaß ich vor lauter Corona-Aufregung tatsächlich, einen Text online zu stellen. Momentan komme ich vor lauter Lesen kaum zum Schreiben. Irgendwann zwischen Homeschooling und Waldspaziergang entstand der folgende Text. Viel Spaß beim Lesen. Bleib zuhause und gesund!

Es war kein Paukenschlag, der Richard Mayer vollends aus dem Gleichgewicht brachte, auch keine Weltbewegende Nachricht über irgendeine neue globale Krise, ja nicht einmal eine persönliche Nachricht, etwa über den plötzlichen Tod eines guten Freundes, sondern lediglich ein lilafarbener Postitzettel, der da an seinem Monitor klebte. Ein Postit mit der Aufschrift „BITTE INS BÜRO VOM CHEF KOMMEN“.
Mayer war schon des Öfteren zum Chef zitiert worden. Und jedes einzelne Mal hatte er den Schwall wütender Worte über sich ergehen lassen. Jedes Mal hatte er sich wieder und wieder sein Mantra aufgesagt, dass einen alles nur abhärte und er gestärkt aus jeder Krise hervorgehen würde.
Mayer war geübt darin, sich abzuhärten. Strampelte er sich doch schon seit Jahren ab, wie ein Ertrinkender im Ozean. Tag für Tag arbeitete er Berge von Akten ab, und Tag für Tag türmten sich neue Berge vor ihm auf, entstanden durch die Plattentektonik der Abteilung K – Q, und Mayer nahm auch diese Berge in Angriff. Zum Ausgleich ging er jeden Tag eine Stunde schwimmen, forderte seinen Körper, der doch all diese Anstrengungen zu bewältigen hatte. Abend für Abend legte Mayer sich mit einer Schmerztablette und seinen Vitaminpräparaten ins Bett, las einige Kapitel in einem Buch und schloss um Punkt elf Uhr die Augen, nur um am nächsten Morgen erneut in das Mühlrad einzutreten.
Mayer stellte sich sein Leben manchmal vor wie einen endlosen Korridor, von dem unzählige Türen abzweigten in andere Leben. Doch alle Türen waren verschlossen. Manchmal klopfte er an eine der Türen an, doch immer eilte er weiter, im weiter, so dass er nie mitbekam, ob jemand öffnete.
Heute Morgen hatte der Korridor in Flammen gestanden. Schon auf dem Weg ins Badezimmer hatte Mayer die vielen ungelesenen Nachrichten auf seinem Smartphone gesehen. Während des Frühstücks hatte er sie der Reihe nach beantwortet, doch noch ehe er das Haus verlassen hatte, waren schon drei neue Nachrichten eingegangen. Als er in der Firma angekommen war, waren es bereits 27. Mayer schaltete seinen Rechner ein und las jede einzelne Nachricht durch. Nachdem er alle beantwortet hatte, ging er zum Kaffeeautomaten. Auf dem Weg dorthin sah er bereits den Stapel an Akten und Ordnern, den irgendjemand in der Firma auf ihn abgewälzt hatte. Mayer stöhnte geräuschvoll auf. Er dachte, wie schön es wäre, einfach einmal für eine Woche nichts zu tun. Einfach einmal die Füße hochzulegen und der Stille zu lauschen. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass sich in dieser Woche ein Aktenberg an seinem Schreibtisch auftürmen würde, so hoch wie der Himalaya. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als immer weiter zu strampeln. Akten, Schwimmen, Schmerztablette. Jeden Tag den Korridor entlang laufen und sich gelegentlich ausmalen, was sich hinter der einen oder anderen Tür verbergen mochte.
Als Mayer vom Kaffeeautomaten zurückkam, fand er besagten Klebezettel vor. Sofort wurden seine Knie weich. Er stellte den Kaffee ab und ließ sich auf den rückenschonenden Bürostuhl fallen. Es war nie gut, wenn man vom Chef gerufen wurde. Mayer nahm den Zettel und betrachtete ihn genauer. Die Handschrift musste die der Chefsekretärin sein. Eine Zwanzigjährige, die der alte Franke nur eingestellt hatte, damit er ihr auf den knackigen Arsch starren konnte. Mayer atmete noch einmal tief durch, dann stand er auf. Es half ja doch nichts.
Er trottete zum Aufzug und fuhr nach oben in die Chefetage. Auf dem Weg dort hin ertappte er sich dabei, wie er die leise Melodie der Fahrstuhlmusik mitsummte. Sofort hielt er inne. Er musste sich jetzt konzentrieren. Was konnte Franke bloß von ihm wollen? Erledigte er seine Arbeit nicht ordentlich genug? Hatte sich ein Kunde über ihn beschwert? Oder vielleicht eine Mitarbeiterin? Sollte er gar gefeuert werden? Das Klingeln des Aufzugs riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür öffnete sich. Er war da. Nur noch wenige Meter trennten ihn von Frankes Büro.
Mayer ging mit vorsichtigen Schritten auf die Bürotür zu. Der Vorraum war leer, die Sekretärin nirgends zu sehen. Am Rand seines Gesichtsfeldes verschwamm die Einrichtung. Mayer glaubte jetzt unzählige Türen zu erkennen. Er war in seinem langen Korridor gefangen. Hinter jeder der Türen wartete ein anderes Leben. Was sich wohl hinter dieser Tür verbarg? Oder hinter jener? Mayer wollte gerne anklopfen und nachsehen, doch am Ende des Korridors wartete Frankes Büro, in dem ihm mit Sicherheit verkündet würde, er sei den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen, sei zu alt, man müsse ihn leider entlassen.
Dann wäre er das erste Mal seit Jahren ohne Job. Ohne Druck. Frei.
Er wäre frei. Dann könnte er endlich hinter all die Türen sehen, das Leben leben, aufhören zu strampeln und endlich Boden unter den Füßen spüren. Er könnte…
Mayer hatte die Tür erreicht. Er klopfte an und trat ein.
Ah, schön Sie endlich zusehen, setzen Sie sich doch, wie geht es Ihnen heute…
Er wäre frei. Könnte Leben.
Wir sind sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit und möchten Ihnen gerne einen Posten in leitender Funktion anbieten, damit sie sich noch mehr in die Firma einbringen können.
Noch mehr einbringen, noch mehr Akten wälzen, noch mehr strampeln.
Mayer hatte keine Lust mehr auf all den Trott, die Routine, das allmähliche Dahinvegetieren. Er wollte endlich FREI SEIN. Wieso ließen sie ihn nur nicht? Musste er etwa darum betteln? Er würde es tun, er würde betteln, wenn sie ihn dann nur endlich gehen ließen. Er würde…
Auf dem Schreibtisch stand ein Teller mit einem Stück Sahnetorte. Ganz oben auf der Torte thronte eine Kirsche.
Wäre das nicht die Gelegenheit?
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns darüber freuen, Sie hier oben bei uns begrüßen zu…
Mayer nahm die Torte und klatschte sie Franke ins Gesicht. Danach lief er lachend aus dem Büro. Draußen gab er der jungen Sekretärin einen Kuss auf den rotgeschminkten Mund. Dann wandte er sich um und rannte den Flur entlang. Unterwegs klopfte er an jede Tür. Klopfte und lauschte. Klopfte und lauschte und lebte sein Leben.

Ende

Ein Geheimnis kommt ans Licht

Letztens nahm ich an einem Schreibwettbewerb teil, den ich leider nicht gewinnen konnte, da ich aus unerfindlichen Gründen doch nicht so wirklich teilgenommen habe. Möglicherweise fehlte es mir einfach an der nötigen Intelligenz, meine Geschichte parallel auf zwei Portalen hochzuladen. Die Vorgabe war: Ein Geheimnis kommt ans Licht in weniger als 2500 Satzzeichen (inklusive Leerzeichen). Bitte sehr:

Kennen Sie das Gefühl der Erleichterung, das man verspürt, wenn man bei einer Lüge ertappt wird? Wenn die Angst von einem abfällt, man könne erwischt werden? Nur, um sogleich durch die absurde Angst ersetzt zu werden, der Belogene könnte einen bestrafen.
Und irgendwo unter all dieser Angst huscht eine Freude durch die Schatten. Die Freude darüber, endlich von der Last des Lügengebildes befreit zu sein. Die Freude darüber, dass ein lange gehegter Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen ist: Der heimliche Wunsch, alles würde irgendwann auffliegen, ans Licht kommen.
All das habe ich bei meiner Frau gesehen. Wie die Hoffnung auf Gnade mit der Gewissheit des Todes gekämpft hat. War da ein Aufflackern von Erleichterung in ihren Augen, nun endlich zu ihrer Affäre stehen zu können? Und dann die Enttäuschung, als sie realisiert hat, was das bedeuten würde: Mit durchlöcherter Stirn im Hinterhof zu liegen.
Was wird meine Frau gedacht haben? Hat sie beim Auftreffen des Schlagbolzens auf die Patrone noch schnell ein Gebet gesprochen zu einem Gott, der sie nicht hört? Ist ihre Hoffnung, ich würde sie leben lassen, bei der Explosion der Treibladung geplatzt wie eine Seifenblase?
Was hat sie zuletzt verspürt? War es die Angst vor dem Tod, oder die Erleichterung darüber, dass nun alles vorbei ist, oder gar eine völlig irrationale Freude auf ein Leben nach dem Tod? Wie mag es sich für sie angefühlt haben, als die Welt um sie herum langsam erlosch? Ihr lebloser Körper verschwand im Dunkel des Vergessens, zwei Meter unter der Grasnarbe.
Und all die Jahre wuchs in mir die Angst, jemand könnte doch noch ihre Leiche finden und mich zur Rechenschaft ziehen. Nachts, erwachten dann Ungeheuer der Furcht, die durch meine Träume liefen und wieder und wieder riefen, alles käme ans Licht, die beiden Tode seien nicht unbemerkt geblieben.
Bei jedem Klingeln des Telefons ließ mich diese Angst zusammenzucken. Jedes Klopfen an der Tür sorgte dafür, dass mein Herzschlag für einen Moment aussetzte.
Letztlich überwog bei meiner Verhaftung aber doch die Freude. Diese völlig irrationale, unkontrollierte Freude darüber, ertappt zu sein.

Ende

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