David schreibt

Have a break, write a book

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Verschlafen

Passend zum Titel erscheint der heutige Text leicht verspätet. Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß beim Lesen.

Die Leute sagen, unseres sei das verschlafenste Nest der Welt. Sie sagen das mit einer solchen Verachtung, dass man sich fragen muss, was ihnen ihr Leben in der schnellen Welt dort draußen, mit all den Burnouts, der Arbeitslosigkeit und dem ganzen Gesindel, gibt. Was bringt einem ein Smartphone mit bestem Netzempfang, wenn es einen doch nur wieder und wieder daran erinnert, dass man dem Leben nicht genügen kann? Niemand, der von draußen je bei uns zu Besuch war und verzweifelt nach einem einzigen Balken Empfang gesucht hat, konnte mir diese Frage bisher befriedigend beantworten.
Was einem das Leben in unserem Nest daher beschert – wobei „beschert“ zu negativ klingt, es müsste heißen „darreicht“ – was es einem also darreicht, ist frisches Brot vom Bäcker, gebacken aus Mehl vom Müller, frische Milch von glücklichen Kühen vom Bauer Reimund oder vom Tillmann, nette Nachbarn und vor allem Ruhe. Unendliche Ruhe.
Die meisten denken, die Ruhe entstünde, weil es bei uns keine Kinder gibt. Doch die gibt es. Sie gehen entweder in den Kindergarten neben der Kirche oder werden in der Schule vom alten Pichler unterrichtet. Es kommen zwar noch zwei junge Lehrerinnen von außerhalb, doch der Pichler hat die beiden gut im Griff, so dass sie unseren Buben und Mädeln nichts beibringen, was sie nicht wissen brauchen. Wer will schon Französisch lernen, wenn er doch nie in die Welt hinaus gehen möchte?
Die Ruhe im Dorf kommt woanders her. Wenn man tagsüber durch die Straßen schlendert, um vielleicht im Kaufladen Obst zu holen, hört man ein Brummen und kein Gerede, da jeder bei der Arbeit ist. Denn bei uns gibt es niemanden, der mal eben nichts zu tun hätte. Jeder hat sein Tagewerk zu verrichten. Manche freilich außerhalb, da die Näherei neben der alten Schmiede nicht für jeden einen Arbeitsplatz bietet, doch von halb acht bis nachmittags um fünf geht jeder seiner Pflicht nach.
Die Ruhe spürt man auch im Wald, der uns umgibt. Hier zwitschern noch die Vöglein, springen die Rehe durchs Unterholz, denn hier gibt es nichts als Natur. Kein Müll liegt abscheulich auf der Erde rum und vergiftet die Tiere oder stört den Blick des Wanderers. Kein Windrad verschandelt die Umwelt mit seiner Monstrosität. Natürlich gab es einst Bestrebungen solch ein Ding zu errichten, um die Gemeinde mit Strom zu versorgen, doch der beherzte Protest der Bürger hat dafür gesorgt, dass diese Sünde am Landschaftsbild die Nachbargemeinde begnügt.
„Was“, so fragen die Leute von außerhalb, „ist denn das Besondre an euch Dörflern?“
Menschen, die solche Fragen stellen, erzähle ich von den allsonntäglichen Fußballspielen unserer Mannschaft. Wenn die Vereine der Nachbargemeinden zu uns auf den Sportplatz kommen, ist das ganze Dorf versammelt. Man isst Rindswurst – stets steht der Tillmann am Grill und kann auf Nachfrage den Namen der Kuh nennen, die man soeben verspeist -, trinkt Bier und auf dem Platz wird gekämpft, bis der letzte Mann nicht mehr laufen kann. Hier sind wir unter uns, denn die Zuschauer der Gastmannschaften finden meist den Weg nicht, mit ihren teuren Navigationscomputern und Smartphones.
Manchmal habe ich Angst, es könne sich etwas ändern. Etwa, wenn mal wieder einer von der Telefongesellschaft kommt, um einen Standort für einen dieser Sendemasten zu finden. Dann ruht alle Hoffnung auf dem Förster. Siegbert macht dann nämlich die Geländebegehung mit dem Herrn. Der ist anfangs immer ganz angetan von der schönen Natur und findet es eigentlich auch schade, dass hier bald eines dieser Dinger aufgebaut werden soll. Doch spätestens, wenn Siegbert im die alte Fledermaushöhle gezeigt hat, ist wieder Ruhe. Dann muss nur noch jemand den Wagen des Heinis entsorgen, falls man nach ihm sucht. Doch, sollte jemand kommen und Nachforschungen anstellen, wäre noch genug Platz bei den Fledermäusen.

Ende

Das gestrichene Kapitel

Ich wage einmal etwas: Mein neuestes Machwerk liegt zur Zeit noch bei diversen Testlesern und wartet noch gespannt darauf, ein weiteres Mal überarbeitet zu werden. Der Text für heute ist ein Auszug aus einem Kapitel, dass es leider nicht über die erste Überarbeitung hinaus geschafft hat (sage und schreibe 4348 Wörter). Viel Spaß beim Lesen. Um nichts vorweg zu nehmen, habe ich mal spontan ein paar Namen geändert.

Oskar hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Jeden Morgen (war es morgens, oder doch eher abends) kam einer der Männer und gab ihm eine Spritze in den Arm. Danach waren alle Schmerzen weg. Die Welt schwand dahin und Oskar löste sich langsam auf. Wenn er erwachte, musste er sich meist übergeben. Anfangs kam nur ekliger Schleim aus seinem Mund. Später gesellte sich auch Blut hinzu. Die Tage zerflossen zu einem Brei aus Übelkeit, Spritzen und trockenem Brot dass einer der Kerle Oskar in den Mund steckte. Die drei Männer redeten nie, und nach einiger Zeit glaubte Oskar nicht mehr, dass sie wirklich da waren. Er hatte sie sich nur eingebildet, wie er sich so vieles in letzter Zeit eingebildet hatte. Die Wachträume im Koma (Dubois Stimme!), sein Leben auf dem Hof, seinen neuen Freund Sven und seine Erfolge beim Schreiben. „All das hat es nie gegeben“, dachte Oskar. Und dann fiel er.
Oskar stürzte in einen Traum und es fühlte sich an, wie damals, als er von der Brücke gesprungen war. Oskar hatte es einfach nicht mehr ertragen, ein nichts zu sein. Gefangen in einem Leben, dass er nicht mehr leben wollte. Ohne Ziele, die er erreichen konnte. Er war früh morgens losgegangen und ziellos durch die Gegend spaziert, bis er gegen Abend an der Bavariabrücke ankam. „Soll ich hier sterben?“, hatte er sich gefragt. Er hatte die Radlkoferstraße zur Hälfte überquert und war dann auf die Brücke gelaufen. Dort hatte Oskar sich auf das Geländer gestellt, die Augen geschlossen („Nicht lange nachdenken!“) und war gesprungen.
Aus diesem Sturz erwachte er jetzt. Er schrie und schrie. Als er die Augen aufriss, durchzuckte ihn ein Schmerz. Über ihm war nichts als die kahle Decke. Oskar drehte sich zur Seite und erbrach sich neben sein Bett. Als er wieder aufblickte, sah er, dass einer der Männer immer noch da war. Er saß stumm auf einem Klappstuhl. Jetzt nahm er eine Telefon aus seiner Tasche und Oskar fiel zum ersten Mal die seltsame Kleidung auf, die der Kerl trug. Er war von Kopf bis Fuß in einen schwarzen Plastikanzug gepackt. („Sie wollen keine Spuren hinterlassen du Superhirn!“) Der Bullige wählte eine Nummer und wartete.
„Ich denke, wir können ihn jetzt bringen.“
Stille. Der Bullige lauschte den Anweisungen. (Er lauschte Dubois Anweisungen.)
„Ja, wir laden ihn vor dem Hof aus.“
Wieder Stille.
„Hier ist alles klar. Wir haben keine Spuren hinterlassen.“
Wieder lauschte der Bullige dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.
„Okay, wir machen dann später hier Klarschiff.“
Er legte auf und ging auf Oskar zu.

Das ist auch völlig denkunmöglich

Vor langer Zeit hat mir der liebe Lutz obigen Titel vorgegeben. Vor noch längerer Zeit hat er mit den bereits veröffentlichten Text über Körzdörfers Kratzen geschenkt. Hier ist nun ein weiterer Körzdörfertext.

Körzdörfer lag mal wieder wach in seinem Bett. Ein tiefsitzender Teil seines Reptilienhirns wünschte sich, er läge wach in Emilias Bett, doch es gab gute Gründe, warum dem nicht so war.
Emilia war vor etwa einem Monat zu seinem Forscherteam gestoßen. Ihre Reputation passte nicht mehr wirklich zu Körzdörfers aktuellem Untersuchungsgebiet. In Emilias Bewerbung stand nämlich noch, sie sei eine Koryphäe auf dem Gebiet des „Kratzens“, doch Körzdörfer hatte sich bereits anderen Themen – wie zum Beispiel der „Entschleunigung des Nagelwachstums“ – zugewandt.
Er hatte sie dennoch in sein Team aufgenommen und Emilia hatte sich direkt gut eingearbeitet.
„Da sieht man mal wieder, dass sich ein wahrer Wissenschaftler für jede Disziplin begeistern kann“, dachte Körzdörfer, der sich doch auch für jede Disziplin begeistern konnte, ausgenommen der Kunst und der Literatur. In jenen Zweigen des Baums des Wissens wurde – Körzdörfers Meinung nach – keine zielführende Forschung betrieben, was, wie er nicht müde wurde zu erläutern, daran lag, dass es nichts zu erforschen gab.
Das erste Mal war Körzdörfer der Glanz in Emilias Augen aufgefallen, als sie ihm im Labor half, die Proben – abgestorbene Zehennägel, Haare, verfaulte Backenzähne und Hautschuppen – zu katalogisieren. Über dem blassen Blau ihrer Iris schimmerte ein leichter Tränenfilm, auf den das Licht der Laborlampe in einem solchen Winkel fiel, dass es sich, dank der Interferenzen zwischen den verschiedenen Wellenlängenbereichen, in die Spektralfarben zerlegte. Wunderschön. Körzdörfer verspürte sofort ein Kribbeln in der Magengegend: Das untrügliche Zeichen dafür, dass er auf ein neues Forschungsgebiet gestoßen war.
Emilia hatte ein wenig verwundert gewirkt, als Körzdörfer sie fragte, ob er den Glanz ihrer Augen untersuchen dürfte, doch nach einiger Zeit hatte sie zugestimmt. Alles für die Wissenschaft.
Es blieb jedoch nicht bei den Augen. Emilias Körper erwies sich als eine Goldgrube der Wissenschaft. So galt es, ebenfalls die Zusammensetzung ihres Atems, die Fülle ihrer langen hellbraunen Haare, die Form ihrer Ohren und nicht zuletzt das Vorhandensein des Goldenen Schnitts in ihren Körperproportionen zu erforschen.
Körzdörfer schrieb Seite um Seite. Er entwarf Computerprogramme, die ihm bei der Auswertung seiner Studie halfen. Und wie durch ein Wunder – oder einfach nur deshalb, weil Amazon seine Tätigkeit auf dem Rechner überwachte – wurde ihm eines Tages bei der Internetrecherche eine Werbeanzeige für ein Buch eingeblendet. Es war Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.
Körzdörfer hatte mal von der Existenz dieses Buches gehört, so wie man wahrnimmt, dass es Blätter an den Bäumen gibt, doch er hatte es nie gelesen. Jetzt wurde er aufmerksam, und aus einem Impuls heraus bestellte er es sich. Eigentlich hielt er sich nicht für einen impulsiven Menschen. Fragte man jedoch seine Kollegen, so äußerten die meisten, sein Forschungseifer hätte schon etwas von einem impulsiven Kleinkind, das ständig ein neues Spielzeug brauche.
Am nächsten Tag las Körzdörfer den „Werther“ in einem Zug durch. Und dieses Buch machte etwas mit ihm. Es pflanzte einen Samen in sein Hirn. Einen Samen, der so klein war, dass er beinahe von den übrigen Gedanken, die jede Minute in Körzdörfers Kopf entstanden, zerdrückt worden wäre, doch wie durch Zauberhand geschah es, dass der Same zu keimen begann und aus ihm eine herrlich große Pflanze erwuchs.
Die Pflanze hatte den Namen „Erkenntnis, dass das Kribbeln, das er in Emilias Nähe empfand, nichts mit seinem Drang nach Forschung zu tun hatte, sondern schlicht ‚Verliebtheit‘ war“. Es war spät in der Nacht, als ein Ast der mittlerweile ausgewachsenen Pflanze abbrach und Körzdörfer genau auf den Kopf fiel. Er schreckte in seinem Bett hoch und das erste, was er sah, waren ihre Augen und der leichte Schimmer darin.
War es möglich, dass er verliebt war? Um Gottes Willen, nein!
Okay, Körzdörfer glaubte nicht an Gott, ebenso wenig an die Liebe.
Aber Emilia…
„Nein, das ist auch völlig denkunmöglich!“
Er löschte das Licht und schloss die Augen und dann sah er sie wieder. Ihre perfekt geformten Ohren und er verspürte den völlig unlogischen Drang, mit seiner Zunge den Ohrknorpel und die Ohrmuschel entlangzufahren.
„NEIN!“, schrie er, „DAS IST AUCH VÖLLIG DENKUNMÖGLICH!“

Ende

Der Maulbeerbaum – 5

Es folgt das Finale. Während ich die Geschichte geschrieben habe, habe ich mich dazu entschlossen, alles gut ausgehen zu lassen. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Von den knapp 66000 Wörtern sind nach einer ersten Überarbeitung noch knapp 55000 übrig geblieben. Jetzt warte ich gespannt auf die Rückmeldung meiner Testleser.)

Zacharias sah Gott sei Dank in eine andere Richtung und so konnte Jojakim in unbemerkt beobachten. Zacharias ging schnellen Schrittes die Straße entlang und Jojakim folgte ihm. Es schien, als gingen sie ziellos durch die Stadt, doch sie näherten sich unwillkürlich dem Stadtrand. Jojakim war schon früher einmal mit Thomas dort draußen gewesen. Er wusste, was kommen würde, wäre nichts weiter als eine staubige Wüste. Was um alles in der Welt wollte sein Vater dort? Jojakim wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias sich plötzlich umdreht, ihn sah und ungläubig fragte: „Jojakim, bist du das?“
Jetzt zählte es. Jojakim spürte alle Reaktionen seines Körpers auf einmal. Sein Herz raste, Schweiß bildete sich auf seinen Händen, in seinen Ohren dröhnte ein lautes Summen, ihm wurde schwarz vor Augen. Es kostete ihn einiges an Kraft, sich nicht hinknien zu müssen, standhaft zu wirken. Er räusperte sich, ehe er mit seiner rechten Hand nach hinten in den Hosenbund griff und nach der Waffe tastete. Sie lastete schwer in seiner Hand, wie damals die Waffe seines Vaters.
„Ich bin gekommen, um das zu tun, was du früher nie geschafft hast.“
Er zog die Waffe und richtete sie auf seinen Vater.
„Ich werde dich erschießen. Hier auf dieser Straße. Ich werde das tun, was du hättest tun sollen.“
„Jojakim, nein!“, schrie sein Vater, doch Jojakim wollte nichts hören. Er wollte nur noch das loswerden, was ihm seit seiner Kindheit auf der Seele brannte, und dann wollte er endlich einen Schlussstrich ziehen.
„Wieso hast du mich und Mama damals so gequält, anstatt einfach dich selbst zu töten? Du mit deiner Sauferei! Jeden Abend warst du blau und deine Augen sagten ‚Ich will nicht mehr‘. Wieso hast du es denn dann nicht einfach selbst getan? Stattdessen musstest du mich quälen!“
„Jojakim, ich bitte dich. Lass uns über alles reden. Ich wollte das doch alles nicht!“
Jojakim wurde übel. Er spuckte auf den dreckigen Straßenboden, die Waffe immer noch auf seinen Vater gerichtet.
„Halt dein dummes Maul!“, schrie Jojakim und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
„Ich…ich wollte das nicht“, schluchzte Zacharias und sank auf die Knie. So hatte Jojakim sich das Treffen vorgestellt. Jetzt würde er es beenden. Er würde jetzt…
„Wir hatten nie etwas zu feiern.“
Jojakim verstand zunächst nicht, was sein Vater meinte. Doch dann erinnerte er sich an die Vaterschaft des Einen und die Erbschaft des Anderen und an all die anderen fadenscheinigen Gründe deretwegen sein Vater betrunken nach Hause gekommen war.
„Ich wollte nie so sein, wie mein Vater, glaub mir. Er war grausam. Die Waffe war von ihm.“
Jojakim hatte Mühe, den Satzfragmenten seines Vaters einen Sinn zu entnehmen. Je länger er zuhörte, desto mehr wurde ihm klar, dass hier auch er sprechen könnte. Die Waffe des grausamen Vaters. War es möglich, dass er die gleichen Fehler beging, wie sein Vater? Aber er war doch im Recht. Ihm war Unrecht getan worden. Er war im Recht!
„Er hat immer gesagt, er brauche sie, um sich gegen die Nazis zu schützen. Bloß gab es bei uns gar keine Nazis. Es gab nur ihn, Mutter, meine Schwester und unseren Nachbarn. Der war ein kleiner netter Palästinenser und eines Morgens lag er mit einem Loch im Kopf auf dem Hof. Mein Vater zwang mich, ihn hinterm Haus zu vergraben. Er zielte mit der Waffe auf mich, während ich das Grab aushob.“
In Jojakims Kopf blitzten Bilder auf. Sein Vater, wie er ihm die Waffe an die Stirn hält. Seine Mutter, wie sie weint. Seine Mutter, wie sie das Bügeleisen nach ihrem Mann wirft.
„Er hat mich gezwungen, seinen Mord zu vertuschen.“
Jojakim sah, wie schwer es seinem Vater fiel, all das zu erzählen. Er sah, wie es auch ihm Schmerzen bereitete, all den Schrecken erneut zu durchleben.
„Jeden Abend hat er mich geschlagen, hat mir den Lauf der Waffe an die Stirn gehalten. Einmal hat er ihn mir in den Arsch geschoben!“
Zacharias weinte jetzt hemmungslos und Jojakim kämpfte weiter gegen das Gewicht der Waffe an.
„Ich habe ihn gehasst und eines Tages habe ich ihn mit seinem eigenen Revolver erschossen!“
Jojakim erinnerte sich an Micha, der behauptet hatte, Aron sei nicht sein Großvater.
„Ich rannte weg, verlor mein halbes Leben. Und jeden Tag schwor ich mir, nie so zu werden wie mein Vater. Jeden Tag diese Qualen.“
Jojakim senkte die Waffe. Sein Vater sah ihn schon lange nicht mehr an. Er redete vielmehr zu sich selbst.
„Und dann traf ich deine Mutter. Sie hat mir das Leben gerettet. Und Aron, der mich zu sich aufnahm, mich wie seinen eigenen Sohn behandelte.“
Zacharias hatte aufgehört zu weinen. Er starrte nur weiter ins Leere und beichtete sein Leben.
„Wir waren glücklich. Ich war glücklich. Das erste Mal in meinem Leben war alles gut. Und dann kamst du. Du warst ein Engel. Alles war so gut. Wir hatten dich. Wir hatten uns. Und ich hatte Arbeit. Alles war so gut, bis…“
Zacharias machte eine Pause. Jojakim hob den Revolver wieder an. Vor lauter Anspannung tat ihm der Arm weh. „Wieso erschießt du ihn denn nicht gleich?“, fragte er sich. Doch er kannte die Antwort. Er musste mehr über seinen Vater erfahren.
„Wir stellten Konservendosen her. Das haben sie uns immer gesagt. Und wir Trottel haben es geglaubt. Wir haben jeden Tag die Maschinen eingeschaltet und gewartet und das neue Material angeschafft und uns nie gefragt, was wir da eigentlich taten. Wir stellten Konservendosen her. Wenn ich nicht lache.“ Zacharias lachte verächtlich. Dann sprach er weiter. „Eines Tages belauscht Ruben ein Gespräch der Chefs. Er faselt irgendwas von Kriegsgeräten, die wir angeblich bauen. Ich lache ihn aus, doch der Zweifel ist gesät und so brechen wir in das Büro des Chefs ein und finden Pläne von Bomben. Bomben, die Menschen töten. Und uns wird klar, dass wir für die Tode unzähliger Menschen verantwortlich sind und wir können mit dieser Schuld nicht leben und so betrinken wir uns. Und jeden Morgen, den ich aufgewacht bin, sehe ich die verkohlten Leichen der Bombenopfer vor mir und dann sehe ich deine Mutter und dich und alles ist wieder gut und auf der Arbeit rieche ich verbranntes Fleisch und höre dumpfe Explosionen und laute Schreie und ich halte es nicht aus und trinke wieder, bis ich nichts mehr wahrnehme.“
Zacharias drehte seinen Kopf und sah Jojakim jetzt wieder in die Augen. Dem war die Waffe nun doch zu schwer geworden und so hatte er die Hand gesenkt.
„Es tut mir alles so leid!“
Mehr hörte Jojakim nicht mehr. Er ließ die Waffe fallen und drehte sich um. Er rannte so schnell er konnte. Fort von seinem Vater, fort von der Stadt. Er rannte, bis ihm die Lunge brannte und er sich vor Schmerzen beinahe übergeben musste. Als er endlich stehen blieb, hatte er die Stadt weit hinter sich gelassen. Hier draußen war nicht mehr außer Fels und Sand.
Und ein Maulbeerbaum.
Jojakim ging zu dem Baum und setzte sich in den Schatten. Sein Herz hämmerte immer noch, doch dieser Ort, dieser kleine schattige Fleck, brachten ihn auf eine seltsame Art zur Ruhe.
„Es war gut, die Waffe zu senken.“
Jojakim dachte über diesen Satz nach. Er weinte, da er versagt hatte. Er hätte seinen Vater gleich erschießen sollen. Er hätte sich nicht von ihm zuschwallen lassen dürfen.
„Es ist immer besser, einander zu vergeben.“
Jojakim war sich nicht sicher, ob er seinem Vater wirklich vergeben hatte, oder ob ihm am Ende einfach der Mut gefehlt hatte. Er hätte doch einfach nur…
„Rache ist niemals gerecht. Ebenso wie die Gnade.“
…abdrücken sollen. Eine kleine Bewegung seines Zeigefingers hätte ausgereicht. Wieso hatte er es nicht tun können? Wieso?
„Weil du etwas in den Augen deines Vaters gesehen hast.“
Er hatte gesehen, dass sein Vater einst er gewesen war. Und er würde werden wie sein Vater. Beladen von der Schuld. Und es würde kein Entkommen geben. Selbst dann nicht, wenn er ein neues Leben anfing. Er würde nie ohne seine Vergangenheit leben können. Aber er würde auch nie in einer Zukunft leben müssen, in der er seinen Vater erschossen hatte. Alles, was er tun musste, war aufstehen und in dieses neue Leben gehen. Doch Jojakim war zu müde, und so beschloss er, dass er noch eine kurze Weile unter dem Maulbeerbaum sitzen bleiben würde. Sein neues Leben konnte nicht einen kurzen Moment warten.

Ende

Der Maulbeerbaum – 4

Es geht auf die Zielgerade. Viel Spaß beim Lesen. (Buchupdate: Es leben jetzt noch ca. 62000 Wörter.)

Es war ein heißer Nachmittag und Jojakim schlenderte mit Mariam Hand in Hand durch die Straßen. Sie liebten beiden die kleinen Seitengassen viel mehr als die überlaufenen Hauptstraßen. Gerade hatte Jojakim in einem kleinen Laden eine Holzschnitzfigur für seinen Sohn gekauft – Mariam trug ihn auf den Rücken gebunden –, da sah er ihn. Jojakim konnte seinen Augen nicht trauen, als er den Mann, der ihn als kleiner Junge so gequält, und den er dennoch so geliebt hatte, in einem kleinen Café sitzen sah. Zacharias hatte eines Tasse Espresso, wie in die Südeuropäer bevorzugen, vor sich stehen. Jojakim wollte gerade Mariam auf seinen Vater aufmerksam machen, als er neben sich ein Klirren vernahm. Es klang, als sei eine kleine Porzellantasse zu Boden gefallen, oder als habe eine dünne Glasscheibe auf einmal einen Sprung bekommen. Jojakim drehte sich zu Mariam um und erstarrte, als er sah, wie sie wie ein Scherbenhaufen in sich zusammenfiel und sogleich fielen die Schuppen von seinen Augen und er erkannte, dass sein Leben, wie er es kannte, nichts weiter war als ein immer wieder und wieder geträumter Traum. Sein Sohn Moses hatte sich schon in Luft verwandelt und ganz langsam, wie in Zeitlupe, verschwand nun auch Mariam. Die einzelnen Scherben zerfielen zu Staubkörnern, die der Wind davontrug. Jedes Detail ihres makellosen Körpers, dass er sich in den letzten Jahren ausgemalt hatte, verblasste zu nichts, zu einer Erinnerung an ein Leben, dass nie eines gewesen war. Alles, was jetzt noch war, war sein Vater Zacharias, der – ohne es zu wissen – ein weiteres Mal Jojakims Leben zerstört hatte.
Dafür musste er büßen.
Jojakim wollte mit heiligem Zorn auf ihn zu rennen und ihm am liebsten den Schädel einschlagen, doch der gleiche Zorn, der ihn wünschen ließ, seinen Vater zu töten, hielt ihn nun zurück. Wie gelähmt stand Jojakim an der Kreuzung und beobachtete den Mann, der ihm alles genommen hatte. Er würde ihn töten, das stand fest. Aber er würde es nicht jetzt tun. Er würde warten und es zu gegebener Zeit tun. Vorher würde er herausfinden, wo sein Vater lebte.
Jojakim stellte sich so hinter eine Hausecke, dass er vom Café aus unmöglich zu sehen war. Immer wieder schielte er um die Ecke, um nachzuschauen, ob sein Vater noch dort säße. Als dieser nach einer Zeit, die Jojakim wie ein Jahr vorkam, endlich aufstand, folgte Jojakim ihm. Er ließ immer genügend Abstand zu seinem Vater und es gelang ihm, herauszufinden, wo er wohnte, ohne bemerkt zu werden.
Zacharias wohnte in einem heruntergekommen Häuserblock, in dem viele ehemalige Sträflinge untergebracht wurden. Jojakim merkte sich die Hausnummer. Er würde sich zunächst überlegen, wie er seinen Vater umbringen wollte. Dann würde er wiederkommen und darauf warten, dass sich eine günstige Gelegenheit ergab.
Er wandte sich von dem Haus seines Vaters ab und schlug die Richtung zu seinem Heim ein. Auf dem Weg dort hin schlenderte er wieder durch die engen Gassen, stets in der Hoffnung, einen klaren Kopf zu bekommen. Und in der Hoffnung, dort Mariam zu begegnen. Er wollte sein altes Leben wiederhaben. Wenigstens eines der beiden.
Als er an einem Kramladen vorbeikam, wurde er stutzig. Im Schaufenster waren einige der Waren ausgestellt. Darunter auch ein alter Revolver, den wohl einmal jemand bei einem Pfandleiher eingelöst hatte. Es war nicht exakt das Model, mit dem sein Vater ihn früher immer gequält hatte, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Jojakim blieb vor dem Schaufenster stehen und sah interessiert nach dem Preis, obwohl im klar war, dass niemand ihm eine Waffe verkaufen würde. Aber er musste sie ja nicht kaufen. Er musste nur schnell genug sein. Und das Terrain kannte er wie kein zweiter. Zu oft war er mit Mariam…
Er betrat den Laden. Man konnte von hinten ins Schaufenster greifen. Lediglich ein wackliges Regal trennte das Fenster vom Innenraum des Ladens ab. Jojakim sah sich im Laden um. Es waren keine Kunden da und der Verkäufer saß gemütlich hinter seinem Tresen und las in einer Zeitung. Jojakim holte tief Luft. Dann stieß er das Regal um, griff blitzschnell nach der Waffe und rannte aus dem Geschäft nach draußen. Vor der Tür prallte er gegen eine alte Frau, die soeben die kleine Treppe hochstieg. Das alles ging so schnell, dass der Verkäufer nicht einmal die Zeit hatte, laut aufzuschreien und hinter Jojakim herzurennen.
Draußen war die Luft immer noch drückend heiß und Jojakim musste schon nach ein paar Metern keuchend nach Luft schnappen. Er zwang sich, nicht zu rennen, sondern nur zügig zu gehen. Dabei bog er jede zweite Straße ab, um so eventuelle Verfolger in die Irre zu führen. Doch niemand folgte ihm. Und so kam er eine knappe Stunde später im Heim an.
Er ging hinunter in den Keller und versteckte die Waffe hinter einem Stapel Gerümpel. Jetzt musste er nur noch an Munition kommen. Doch er wusste schon, wo er sich die beschaffen konnte. Der einzige, von dem er wusste, dass er eine Schusswaffe besaß, war der Heimleiter Achmet. Der alte Kauz hatte immer behauptet, die brauche er, um sich gegen die wirklich üblen Typen – er hatte ihnen nie gesagt, wen er damit meinte – zur Wehr zu setzen. Das einzige Problem war, dass Jojakim dazu in Achmets Büro einbrechen musste. Sollte er dabei erwischt werden, flöge er direkt aus dem Heim, ohne die Gelegenheit, seine sieben Sachen zusammenzupacken. Er durfte einfach nicht erwischt werden.
Während des Abendessens tat er so, als sein ihm speiübel. Er erbat sich, zur Toilette gehen zu dürfen.
„Komm aber sofort wieder“, rief ihm der Pfleger noch hinterher.
Jojakim ging nicht zur Toilette, sondern schlich die alte Treppe nach oben zu Achmets Büro. Die Holzdielen knarzten bei jedem Schritt und Jojakims Herz pochte so laut, wie es zuletzt bei seinem ersten Kuss gepocht hatte. Nur, dass die hier real war. Realer.
Die Tür zu Achmets Büro stand offen, so dass er noch nicht einmal einbrechen musste. Er huschte in das kleine Büro und schloss die Tür hinter sich. Er hatte nur Gerüchte gehört, Achmet besäße eine Pistole, wusste aber weder, um welchen Typ es sich handelte – genau genommen, war er sich noch nicht einmal darüber im Klaren, dass es verschiedene Munitionstypen gab – noch wo die Waffe deponiert sein würde. Mit der Hoffnung, dass alle Männer ihre Waffen so unvorsichtig lagerten wie sein Vater, öffnete Jojakim die Schreibtischschublade. Achmets Schublade war ebenfalls nicht verschlossen. Doch sie enthielt keine Pistole. Jojakim wollte sie schon enttäuscht wieder schließen, als er die Patronen sah. Es waren zwei. Hastig nahm er sie beide und steckte sie in seine Hosentasche. Dann eilte er aus dem Büro und ging leise nach unten in den Speisesaal zurück.
„Das hat aber ziemlich lange gedauert“, sagten die anderen und Jojakim antwortete mit Schweigen. Er setzte sich stumm wieder an seinen Platz und aß brav seine Falafel.
Vor lauter Aufregung bekam er kaum einen Bissen herunter. Er war sich jetzt sicher, dass er morgen seinen Vater erschießen würde. In nicht einmal vierundzwanzig Stunden würde er den Mann töten, der…
„Erde an Jojakim!“
Achmet rüttelte ihn an der Schulter und Jojakim sackte das Herz in die Hose. Wie hatte Achmet nur so schnell feststellen können, dass er bei ihm eingebrochen war?
„Du bist heute dran mit Tischabwischen. Mach verdammt nochmal schnell, heute wird früh geschlafen!“
Jojakim nickte nur. Dann stand er langsam auf, nahm sich den Eimer und den Lappen und wischte über die Tische. Er tat dies gründlich, wollte er doch keinen weiteren Ärger provozieren. Nach zehn Minuten war er fertig. Er ging hoch in sein Zimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Er schloss die Augen, konnte jedoch nicht einschlafen. Das erste Mal seit Jahren lag er allein in dem Bett, dass er mit seiner Frau geteilt hatte. Er versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, doch was früher so gut funktioniert hatte, wollte einfach nicht klappen. Es gelang Jojakim nicht, wieder in seine Welt abzutauchen, aus der Realität aufzutauchen.
Immer wieder ging er den morgigen Tag durch und über dem sich wiederholenden Pläneschmieden schlief er doch endlich ein.
Der nächste Morgen weckte ihn mit freundlichen Sonnenstrahlen. Jojakim stand leise auf, zog sich an und verließ das Zimmer, ohne einen der anderen Jungen zu wecken. Er schlich hinunter in den Keller und holte die Pistole aus ihrem Versteck. Jojakim lud die zwei Patronen in die Trommel – sie passten tatsächlich – und schob sich den Revolver unter seinem T-Shirt in den Gürtel. Er kam sich vor wie einer der Gangster aus den Filmen, die er zusammen mit Miriam…
Jojakim verließ das Heim und ging zielstrebig auf das Haus seines Vaters zu. Dort stellte er sich an die gegenüberliegende Straßenecke und behielt die Tür im Auge. Er wartete. Nach einer Stunde schmerzten seine Füße, so dass er sich auf den noch kalten Steinboden setzte. Als ihm schließlich beide Beine einzuschlafen drohten, stand er wieder auf und trat von einem Bein aufs andere. Während er so seine Konzentration hochhielt, ging er immer wieder aufs Neue die Konfrontation mit seinem Vater durch. Sollte er ihn zuvor noch zur Rede stellen? Oder sollte er ihn einfach hinterrücks niederschießen? Er war sich sicher, dass er ihm zuvor noch in die Augen blicken wollte. Es war der Augenblick, auf den er jetzt schon so viele Jahre wartete.
Jojakim wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als Zacharias zur Tür heraustrat.

Der Maulbeerbaum – 3

Bevor es mit dem Maulbeerbaum weitergeht, gibt es eine kurze Wasserstandsmeldung zum neuen Roman: Ich war damit beim Metzger (oder Schlächter, wenn man so will). Es wurden in einer vierstündigen Session alle überflüssigen Fettschichten entfernt. Das komplette Ende wurde durch den Fleischwolf gedreht. Jetzt muss ich alles erst einmal wieder zusammensetzen. Ist auch wichtig.

Im Heim lernte Jojakim dann auch seine spätere Frau Maria kennen. Jeden Abend, wenn er einsam in seinem Stockbett lag, kam sie zu ihm gekrochen. Er träumte sie herbei. Mariam mit ihren dunklen Locken und ihrer weißen Haut. Er träumte von ihr, wie er sie als Kind kennen lernte und sie eine gemeinsame sorglose Kindheit durchlebten. Wie er sie in der Schule gegen die üblen Kerle aus den höheren Klassen verteidigte. Er träumte von ihrem ersten Kuss, wie er sich zögernd ihrem Mund genähert hatte. Jedes Mal, wenn er daran zurückdachte, sich dorthin träumte, pochte sein Herz laut in seiner Brust. Vor Aufregung, vor Freude, aber niemals vor Trauer darüber, dass dies alles nie stattgefunden hatte.
Je öfter Jojakim von Mariam träumte, desto realer wurde sie. Und so kam es ihm ganz natürlich vor, als er sie eines Tages auf der Schaukel des kleinen Spielplatzes neben dem Heim traf. Jojakim schlenderte zu ihr rüber, umarmte sie zur Begrüßung und setzte sich neben sie auf die Schaukel. Dann schwiegen sie gemeinsam. Sie hatten sich nichts zu sagen, da sie einander auswendig kannten. Sie saßen nur stumm da und genossen die Anwesenheit des jeweils anderen.
Als er abends wieder in seinem Bett lag, kam Mariam wieder zu ihm. Sie schmiegte sich an ihn und er nahm ihre Wärme auf. Wieder durchlebten sie ihre gemeinsame Jugend. Jedes Mal ein wenig detailreicher. Jedes Mal ein wenig weiter in die Zukunft hinein. Sie gingen jetzt beide schon in die höheren Klassen und standen kurz vor dem Abitur. Jojakim wollte auf jeden Fall Literatur studieren. Mariam, die eher praktisch veranlagt war, wollte nicht weiter an die Universität gehen, sondern gleich beim Militär bleiben. Sie würden sich schon irgendwie engagieren, wenn sie zu Einsätzen im ganzen Land beordert würde.
Tagsüber traf Jojakim Mariam wieder auf dem Spielplatz. Sie saßen erst schweigend nebeneinander, dann gingen sie gemeinsam runter in die Stadt. Mariam brauchte neue Kleider und da Jojakim ein wenig Geld verdient hatte, kaufte er sie ihr. Sie sah himmlisch aus in diesem blauen Kleid und in der weißen Bluse. Jojakim erfreute sich so sehr an ihrem Anblick, dass es ihm nichts ausmachte, all sein Geld ausgegeben zu haben. Er hatte, was er wollte und das konnte ihm niemand nehmen.
In dieser Nacht schliefen sie das erste Mal miteinander. Dazu träumte Jojakim sich in ein gemeinsames Hotelzimmer. Niemand im Heim bekam mit, dass er nicht in seinem Bett lag, als er in seinem Bett lag. Er war ganz bei Mariam, kannte jede Stelle ihres Körpers, jeden Moment ihres Lebens, jeden Wesenszug ihrer Seele. Und nach dieser Nacht war ihm klar, dass er sie heiraten musste.
Die Hochzeit fand an einem schönen Sommertag draußen unter freiem Himmel statt. Es waren nur die engsten Freunde und Verwandte eingeladen. Mariam Großmutter Hanna hatte ihrer Enkelin ein wunderschönes Hochzeitskleid vererbt. Mariams Eltern hatten ein kleines Büfett bereitet und ganz hinten in einer Ecke saß Jojakims Mutter Susanna.
Nach der Trauung tanzten sie die ganze Nacht. Jojakim mit Mariam, mit ihrer Mutter, mit seiner Mutter. Mariam mit ihrem Vater. Nur Jojakims Vater bekam von all dem nichts mit. Er saß hinter Gitter für den Mord an der Frau, mit der sein Sohn durch die Nacht tanzte.
Als Jojakim am nächsten Morgen erwachte, war er schweißgebadet, so sehr hatte er getanzt. Er war noch so in seinem Traum – seinem Leben – gefangen, dass er auf dem Weg zum Waschraum beinahe mit Thomas zusammengestoßen wäre.
„Mensch, pass doch auf!“, fauchte Thomas. Er sah verwundert hinter Jojakim her. War das nicht der Junge, mit dem er früher die Straßen unsicher gemacht hatte? Der Typ, der sich mit diesem Spinner Micha unterhalten hatte?
Jojakim ging in den Waschraum und genoss die gemeinsame Dusche mit seiner Frau. Er würde ihr nachher einen Kaffee kochen und dann am Abend mit ihr nach Paris fliegen, um dort in die Oper zu gehen.
Obwohl die anderen Jungen Jojakim noch wahrnahmen, sah er sie nicht mehr. Er sah nur noch Mariam. Überall tauchte sie auf. Und als er ihr eines Tages unten im Keller begegnete – Jojakim versteckte sich gerade vor einigen der größeren Jungen – bemerkte er das erste Mal, dass sie sich verändert hatte. Die Veränderung war innerlich und äußerlich von statten gegangen. Mariam strahlte von innen heraus. Sie strahlte Liebe aus jeder Pore ihres Körpers. Ihre Augen strahlten, als seien sie Sonnen, die in einem seltsamen Sonnensystem auf einen Planeten herabschienen. Und Mariam hatte sich äußerlich verändert. Sie hatte größere Brüste bekommen und ihr Bauch war ein wenig dicker geworden. War es möglich, dass…
„Ich bin schwanger!“, sagte sie, als hätte sie die Frage in Jojakims Kopf gelesen, oder als sprudelte diese Neuigkeit vor Freude aus ihr heraus. „Wir bekommen ein kleines Baby!“
Jojakim standen die Tränen in den Augen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so umarmte er seine Frau nur still. So standen sie eine Weile da und ihm schossen tausend Gedanken durch den Kopf (was würde aus Mariams Kariere bei der Armee) und Jonas, der in den Keller gekommen war, um einige Kohlen nachzulegen, wunderte sich über den Spinner, der wie in Trance einsam und allein in der Ecke stand und die Wand anstarrte.
Sie kauften ein kleines Kinderbettchen, Strampler, einen Wickeltisch und vieles mehr. Die ganze Wohnung stand voll von Kartons mit Geschenken ihrer Verwandtschaft. Alle hatten eine Glückwunschkarte geschrieben und waren zur Geburt des kleinen Moses erschienen. Jojakim hielt seinen Sohn stundenlang in den Armen und betrachtete ihn voller Faszination über das kleine Wunder des Lebens. Er entdeckte immer neue Merkmale an ihm – die kleinen Falten auf seiner Stirn, die winzigen Finger, die schon so fest zugreifen konnten – und so liebte er ihn immer mehr.
Während Mariam ihn stillte, putze Jojakim die Wohnung. Er verdiente als Literaturkritiker des Fernsehens zwar genug Geld, dass sie sich eine Putzfrau hätten leisten können, doch er wollte niemanden sonst in ihrem Leben haben. Es sollte nur noch sie drei geben.
Und so gab es keine Chance für Jojakim, als er eines Tages in dem Abklatsch seiner Welt durch einen puren Zufall – einer der Erzieher hatte ihn zum Einkaufen geschickt, weil ein anderer Junge krank geworden war – Elisabeth kennen lernte, die auf die selbe Schule ging wie er und die ihm zulächelte, die ihn süß fand mit seinen dunklen Haaren. So kam es, dass er wieder nach Hause kam, mit Windeln für das Baby, Karottenbrei und einem Strauß Blumen für seine Frau und Jojakim erwachte erst wieder, als er bei einem Spaziergang mit seiner Familie seinen Vater traf, den man wegen guter Führung vorzeitig entlassen hatte.

Der Maulbeerbaum – 2

Weiter geht’s mit Jojakim. Wie schon letzte Woche erwähnt, stammt der Titel von Lutz. Kurzes Update zum neuen Buch: Die Rohfassung des Manuskripts wurde nach 15 Tagen (inklusive ein Tag Pause) und 65613 Wörtern gestern beendet.

Zacharias zeigte Jojakim die Waffe. Immer wieder hielt er sie ihm an die Schläfe, wenn er zu viel getrunken hatte. Dabei zitterten seine Hände so stark, dass der Lauf der Waffe auf Jojakims Kopf hin und her sprang. Susanna hielt stehts den Atem an und beobachtete das Schauspiel fassungslos. Jojakims Herz hämmerte und Tränen liefen ihm die Wangen herunter, doch er wollte sich seinem Vater nicht widersetzen, schwelte doch irgendwo in ihm drinnen die Hoffnung, dieser täte das alles, um auf irgendeine kuriose Weise seine Liebe zu zeigen.
Jojakim weinte jetzt immer öfter, stets lautlos. Am meisten schmerzte es ihn, wenn sein Vater seine Kunstwerke – Bilder, die er in der Vorschule gemalt hatte, oder kleine Modelle, die er aus Streichhölzern gebastelt hatte – zerstörte, oder – was noch schlimmer war – gar nicht beachtete.
„Mach was Vernünftiges, mit dem du Geld verdienen kannst!“, sagte er immer.
„Aber lass doch den Jungen noch Kind sein“, entgegnete die Mutter dann.
„Wie soll er denn für dich sorgen, wenn du mal alt und krank bist, und er sein gesamtes Leben mit Kindsein verbracht hat?“, blaffte Zacharias und dann fing es wieder an, das Schreien und Zischen und Weinen.
Noch schlimmer wurde es nur, als selbst die Streitereien zwischen den Eltern einer gleichgültigen Kälte gewichen waren. Jetzt weinte jeder im Stillen für sich und Mutter zischte im Stillen für sich und der Vater schrie für sich und sie lebten jeder für sich und Jojakim wurde Angst und Bange, er könne sich irgendwann einfach auflösen und seine Eltern bekämen es nicht mit und so lernte er die Straße kennen.
Dort schrien alle laut durcheinander und die Autofahrer hupten, wenn ihnen jemand die Vorfahrt nahm. Hier schien die Welt noch in Ordnung, was sich dadurch zeigte, dass sie im Chaos versank und die Menschen dies wahrnahmen.
Jojakim lernte Thomas kennen, der ihm beibrachte, wie man Äpfel vom Krämer stahl und der ihm zeigte, wie man rauchte und trank. Als Susanna das erste Mal roch, dass ihr Sohn Alkohol getrunken hatte, strafte sie ihn mit einer Woche Hausarrest. Beim zweiten Mal waren es nur noch drei Tage. Von da an nahm sie keine Notiz mehr von dem, was Jojakim tat, was er trank, was er rauchte.
Jojakim vermutete, dass das daran lag, dass er immer raffinierter vorging, was das Verbergen seines Alkoholkonsums anging, doch nach einiger Zeit merkte er, dass es seiner Mutter auch egal war, wenn er mit einer Fahne nach Hause kam. Dabei war er doch gerade einmal acht Jahre alt.
Jojakim zog mit Thomas jetzt regelmäßig um die Häuser, manchmal auch Tage lang. Am liebsten lief er von zuhause fort, nachdem ihm sein Vater mal wieder den alten Sechsschüsser an die Stirn gehalten hatte. Seine Mutter hatte nur weggesehen. Und er hatte es ertragen.
Die Hände seines Vaters zitterten jetzt immer, unabhängig davon, ob er betrunken war oder nicht. Und wenn sie die schwere Waffe hielten, hatte Zacharias allem Anschein nach Mühe, sie überhaupt hoch zu heben und ruhig zu halten. Ganz so, als wollte die Waffe, dass sich dank der zittrigen Hand ein Schuss löste; als sehnte sie es herbei. Sie musste sich noch einige Jahre gedulden.
Bei einem ihrer Streifzüge trafen die beiden Jungen auf Micha, einen alten Rabbi. Zumindest behauptete er das von sich, doch Jojakim hatte da so seine Zweifel. Soweit er wusste, waren Rabbiner gut gekleidete Männer, die die Thora lehrten. Micha hingegen sah aus, wie ein alter versoffener Landstreicher. Er sah so aus, wie Jojakim aussehen würde, folgte er weiterhin dem eingeschlagenen Pfad.
„Ich kenne deinen Vater und ich habe auch dessen Vater gekannt“, sagte Micha.
„Was heißt, du hast meinen Großvater gekannt. Er lebt doch noch. Wie kannst du von den Lebenden in der Vergangenheitsform sprechen?“, fragte Jojakim den Rabbi.
„Bist du dir da sicher?“, entgegnete dieser nur. Ansonsten schwieg er.
Jojakim dachte über das nach, was der Alte gesagt hatte, und als er wieder zu Hause war, fragte er zögernd seinen Vater: „Lebt dein Papa noch?“
Zacharias war gerade damit beschäftigt gewesen, seine Schuhe zu polieren. Er hielt mitten in der Bewegung inne. Dann legte er die Schuhcreme zur Seite und sah seinen Sohn an.
„Wie kommst du auf diese Frage?“
Jojakim überlegte einen Moment, ob er von Micha dem verrückten Rabbi erzählen sollte. Er entschied sich dagegen. Schließlich sagte er: „Ein Freund von mir hat gemeint, Opa sei gar nicht dein Vater.“
„So, wer sagt denn so einen Unsinn?“
„Ein Freund.“
Zacharias nahm die Schuhcreme wieder zur Hand und polierte weiter an seinen Schuhen. Er sah seinem Sohn nicht in die Augen und Jojakim meinte, eine Träne in den Augen seines Vaters zu sehen.
„Du musst nur wissen, dass mein Revolver nicht deinem Großvater Aron gehört hat.“
Bei dieser knappen Antwort ließ Zacharias es beruhen. Jojakim wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Er beschloss, es morgen noch einmal beim Rabbi zu probieren. Und sollte dieser auch nicht mit weiteren Informationen herausrücken, würde er in einem passenden Moment noch einmal seinen Vater fragen.
Doch weder der Rabbi, noch sein Vater machten den Mund auf und so vergaß Jojakim fast, dass er seinen Vater hatte fragen wollen, wieso jemand behauptete, Aron sei nicht sein Großvater. Wäre Jojakim auf die Idee gekommen, seinen Großvater selbst du fragen, würde Susanna möglicherweise noch leben. Doch Jojakim hatte an diese Möglichkeit nicht gedacht. Stattdessen fragte er ein letztes Mal seinen Vater.
Zacharias saß mit hängenden Schultern an seinem Schreibtisch und starrte mit trübem Blick ins Leere. Susanna bügelte gerade die Wäsche. Jojakim saß auf dem Sessel und las in einem Buch. So beiläufig wie möglich fragte er: „Wem hat die Pistole gehört, wenn nicht meinem Großvater Aron?“
Zacharias wurde mit einem Male kreidebleich. Langsam zog er die Schublade auf und griff nach der alten schweren Waffe. Er hielt sie hoch und betrachtete sie.
„Diese Waffe gehörte meinem Vater. Und weißt du, was er damit gemach hat?“, fragte er fast flüsternd. „Soll ich dir sagen, was er mit diesem Ding gemacht hat?“
Jojakim spürte, wie sich die Stimmung seines Vaters wandelte. Er hatte auf einmal Angst, etwas schreckliches könnte geschehen, doch der Wunsch, zu erfahren, was es mit der Waffe auf sich hatte, war zu groß.
„Sag es mir“, zischte er.
„Ich soll es dir sagen? Wie wäre es, wenn ich es dir zeige?“, fragte sein Vater und stand auf. Er ging langsam auf Jojakim zu. Susanna, die immer noch am Bügelbrett stand, legte das Bügeleisen nieder. Sie hielt die Luft an, wie überhaupt die ganze Welt die Luft anzuhalten schien, als merke sie, dass sich alle an einem Scheideweg befänden.
„Lass das“, brachte Susanna schließlich heraus.
„Sag du mir nicht, was ich zu machen habe, Weib!“, herrschte Zacharias sie an. „Er hat danach gefragt, jetzt zeige ich es ihm!“
Jojakim bekam es jetzt richtig mit der Angst zu tun. Er war verwundert, als er sah, wie Tränen über die Wangen seines Vaters liefen.
„Ich zeige dir jetzt, was mein Vater Moses mit mir und der Waffe gemacht hat. Zieh deine Hose aus, dann zeige ich es dir!“
„Nein!“, schrie Susanna und schlug Zacharias mit dem heißen Bügeleisen gegen den Arm. Zacharias schrie auf, ließ die Waffe jedoch nicht fallen. „Nein!“, schrie Susanna immer noch und holte zu einem weiteren Schlag aus, doch Zacharias drückte ab und hinderte sie so daran, einen weiteren Treffer zu landen; hinderte sie am Weiterbügeln, am Weiterleben.
Susanna starb, weil sie ihren Sohn, den sie immer geliebt hatte, vor einem wahnsinnig gewordenen Vater schützen wollte. Sie starb an einem Samstag, an dem sie als Jüdin eigentlich nicht hätte Bügeln sollen. Rabbi Micha hätte das gewusst. Er hätte gesagt, dass die Gottlosen irgendwann gestraft werden, wie schon damals, zu Zeiten des alten Testaments. Er hätte gesagt, dass Zacharias ein Werkzeug Gottes wäre. Und damit hätte er Jojakim überzeugt, denn obwohl er seine Mutter geliebt hatte, fühlte er mit seinem Vater. Er hatte den Schmerz gesehen, der aus den Augen seines Vaters gesprochen hatte. Und er hatte seinen Vater doch ebenfalls geliebt.
Jetzt flog die Tür auf und brachte Jojakim wieder zurück in die Gegenwart. Zacharias stand stumm im Raum, starr wie Lots Frau, und weinte. Er weinte still, wie man es in ihrer Wohnung seit zu langer Zeit getan hatte.
Der Nachbar kam hereingestürmt. Er packte Jojakim am Arm und riss ihn aus der Wohnung. Nach draußen, weg vom Vater, weg von der Mutter. Jojakim lernte das Kinderheim von innen kennen, vergaß Thomas und Micha und weinte jeden Abend. Jetzt könnte er laut weinen, doch er konnte es nicht. Er fragte sich immer wieder, was sein Vater ihm hatte zeigen wollen und wieso er dafür die Hose hatte ausziehen sollen. Er traute sich nicht, diese Frage laut auszusprechen, denn obwohl er Freunde fand und jede Woche ein Gespräch mit der Heimleitung hatte, wusste er doch, dass der einzige Mensch, der ihm diese Frage beantworten konnte, unerreichbar im Gefängnis saß und die Tage zählte, die er noch zu leben hatte.
Und so kam es, dass Jojakim, der die nächsten zehn Jahre im Heim verbringen sollte, diese Frage in seinem Herzen bewahrte und diese Frage zum Nährboden für einen Plan wurde, den Jojakim wieder und wieder verwarf und dann in immer neuen Variationen schmiedete: Er würde seinen Vater erschießen. Einzig die Gefängnismauern hinderten ihn an der Umsetzung seines Vorhabens, und die Zeit tat ihr Bestes, ihn seinen Plan vergessen zu lassen. Doch selbst die Zeit arbeitet unzureichend, und so kam es, dass Jojakim sich an sein Vorhaben erinnerte, als er seinen Vater zehn Jahre später auf dem Markt sah und alles kam wieder in ihm hoch.

Der Maulbeerbaum – 1

Die Wochen der ernsten Texte werden fortgesetzt. Was nun (und die nächsten vier Wochen) folgt, ist eine Geschichte (der Titel stammt wie immer vom lieben Lutz), die ich geschrieben habe, weil ich mir einfach mal wieder ins Gedächtnis rufen musste, dass ich auch länge zusammenhängende Sachen schreiben kann. Vielleicht musste ich mir das auch nur beweisen, bevor ich mich an meinen neuen Roman setze (Aktueller Stand: 41829 Wörter). Wie dem auch sei. Hier ist das erste „Kapitel“ von „Der Maulbeerbaum“.

Jojakim hasste seinen Vater abgrundtief. Er hatte dafür gute Gründe, wobei der eigentliche tiefsitzende Grund, seit langem unangetastet in der Düsternis seiner Vergangenheit lag. Verborgen unter dem geladenen Revolver, den Zacharias in betrunkenem Zustand seinem Sohn an die Stirn gehalten hatte. Vergraben auch unter den Trümmern seiner Ehe mit Mariam. Fast erschlagen von dem Gewicht seiner Ängste. Tief unter all dem lag die Wurzel des Hasses und sie trank gierig seit vielen Jahren.
Jojakim war das langersehnte Einzelkind einer mittelprächtigen Ehe. Seine Eltern hatten sich vielleicht einmal vor langer Zeit geliebt, doch mittlerweile vergessen, worin ihre Liebe einst gegründet war. Jojakims Vater, Zacharias, arbeitete im Werk. Dort stellten sie Dosen her, in denen dann konservierte Nahrungsmittel aufbewahrt werden konnten. Jeden Abend kam er nach Hause und nahm seinen Sohn in die Arme. Jojakim, der damals noch keine fünf Jahre alt war, wartete meistens sehnsüchtig auf die Schritte seines Vaters, die dann durchs Treppenhaus hallten.
Doch eines Abends kam Zacharias nicht nach Hause. Susanna hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden und die Anrichte poliert. Jetzt stand sie neben Jojakim am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Als der Vater nach über einer Stunde endlich kam, war das Essen bereits kalt und Jojakim lag im Bett. Jedoch ohne zu schlafen. Er hatte gelauscht und als er endlich die Schritte seines Vaters hörte, schob er die Decke zur Seite und setzte sich im Bett auf. Er lauschte. Draußen auf dem Flur redeten seine Eltern. Seine Mutter zischte leise, sein Vater antwortete laut. „Goldberg hatte was zu feiern. Ja und?“ Er klang ein wenig zornig. Und irgendwie war seine Stimme nicht ganz so fest, wie sonst immer. Die Stimmen verstummten und die Tür wurde geöffnet. Hell umrahmt vom Flurlicht stand Zacharias in der Tür zu Jojakims Zimmer.
„Na mein kleiner, hast du lange auf deinen Vater gewartet?“, fragte er und setzte sich auf die Bettkante. Unbeholfen streichelte er Jojakims Haare. Sein Atem roch nach Alkohol.
„Warum bist du erst so spät zuhause?“
Zacharias atmete einmal schwer durch. Süßer Alkoholgeruch schwebte durch die Luft. Nach einer langen Denkpause, die auf Jojakim beinahe so wirkte, als sei sein Vater mit offenen Augen eingeschlafen, antwortete er: „Wir hatten was zu feiern. Ein Kollege von mir ist Papa geworden.“
Jojakim dachte darüber nach. Schließlich fragte er: „Habt ihr auch gefeiert, als du Papa geworden bist?“
„Das haben wir. Das haben wir.“ Zacharias Stimme klang mittlerweile so müde und verwaschen, dass Jojakim nur noch „Das ham ir“ verstand. „Jetzt mach die Augen zu Kleiner.“
Zacharias küsste seinen Sohn auf die Stirn und deckte ihn dann zu.
Jojakim lag noch lange wach und lauschte, ob er hören könnte, wie seine Eltern sich stritten. Doch von jenseits der Tür kamen keine Geräusche mehr.
Am nächsten Morgen schien zwischen seinen Eltern wieder alles beim Alten zu sein. Sein Vater gab seiner Frau wieder einen Kuss, beide tranken ihren Kaffee und Jojakim hatte die Szene vom Abend schon fast wieder vergessen. Doch ein kleiner Teil blieb ihm im Gedächtnis hängen. In Gedanken hörte er immer wieder das Zischen seiner Mutter und die verwaschenen Sätze seines Vaters.
In der darauffolgenden Woche kam sein Vater wieder jeden Abend pünktlich nach Hause. Jojakim lief ihm immer entgegen und der Vater nahm ihn in die Arme. Das bewährte Theaterstück ging in eine neue Saison. Doch schon in der zweiten Woche verspätete Zacharias sich abermals. Wieder ging Jojakim allein ins Bett. Wieder blieb er wach, bis er die Schritte hörte. Wieder dieses Zischen. Und wieder kam der Vater an sein Bett und streichelte ihm den Kopf.
„Habt ihr wieder gefeiert?“, fragte Jojakim.
Zacharias wusste nicht sofort, was sein Sohn meinte. Schließlich nickte er. „Oh ja. Mendelson hat eine Erbschaft gemacht. Das mussten wir feiern.“
Er sprach wieder mit verwaschener Stimme und eine deutliche Fahne umwehte ihn.
„Hast du auch schon einmal eine Erbschaft gemacht?“
„Wie? Oh, nein. Deine Großeltern leben doch noch. Eine Erbschaft kann man nur machen, wenn jemand stirbt.“ Er streichelte seinem Sohn erneut durchs Haar. „Jetzt ist aber Schluss mit der Fragerei mein Großer. Mach jetzt die Augen zu.“
Jojakim tat, wie man ihn hieß. Doch er schlief nicht ein. Er dachte darüber nach, wie es wohl wäre, wenn seine Großeltern stürben und sein Vater etwas erbte. Würden sie dann auch feiern, wo sie doch eigentlich um die Verstorbenen trauern müssten? Über diesen Gedanken schlief Jojakim schließlich doch ein, und als er am nächsten Tag in die Küche kam, war wieder alles beim Alten.
Fast.
Zacharias gab Susanna keinen Kuss, als er sich seinen Kaffee einschenkte. Alles weitere verlief wie gewohnt, doch dieser Moment, als Zacharias sich mit seiner Tasse Kaffee an den Tisch setzte, ohne zuvor…
Die Tage drauf kehrten alle wieder zum gewohnten Muster zurück, doch auf eine seltsame Art und Weise haftete dieses kleine Ereignis an der Realität. Und es kam noch viel schlimmer. Es zog eine giftige Schleimspur durch Jojakims Leben. Immerzu dachte er daran, dass sich seine Eltern nicht geküsst hatten. Und das alles nur, weil Mendelson eine Erbschaft gemacht hatte.
Die Feieranlässe wurden immer zahlreicher. Die Abstände zwischen den Abenden, an denen Zacharias verspätet nach Hause kam, wurden immer kleiner. Und der Schleimklumpen, der den Alltag beschmutzte, wurde immer größer und giftiger, und er schleimte immer größer werdende Bereiche des Lebens voll.
Aus dem Zischen der Mutter wurde irgendwann ein Schreien, dann ein Weinen und zuletzt ein Schweigen. Zacharias kam trotz allem jeden Abend in Jojakims Zimmer und tätschelte ihm den Kopf. Anschließend unterhielten sie sich meist, ehe der Vater ging und Jojakim sich leise in den Schlaf weinte. Er hatte gelernt, stumm zu weinen.
Dieses Theater dauerte an, bis Jojakim sich eines Tages dazu entschloss, sich schlafend zu stellen. Irgendwann öffnete sein Vater nur noch kurz die Tür, um nach ihm zu sehen, bis er auch das ließ.
Dann entdeckte Jojakim eines Tages die Waffe.
Es war ein ziemlich alter Revolver mit Rostflecken und Kratzern im matt glänzenden Metall. Der Sechsschüsser lag in der Schreibtischschublade seines Vaters, in der Jojakim nach einem Blatt Papier gesucht hatte.
Neugierig nahm er sie in die Hand. Im echten Leben hatte er noch nie eine Waffe gesehen, sondern nur im Fernseher. Der Revolver lag schwer in seiner kleinen Kinderhand. Jojakim hob ihn hoch und zielte auf die alte Wanduhr. Plötzlich ging die Tür auf und seine Mutter kam herein. Vor Schreck ließ Jojakim die Waffe fallen. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie zu Boden.
„Großer Gott, Jojakim, was machst du denn da?“
Susanna kam hereingestürmt und hob die Waffe auf.
„Die darfst du niemals wieder in die Hand nehmen, hörst du?“, sagte sie streng.
„Ja Mama“, gab Jojakim kleinlaut als Antwort. „Sagst du mir, wieso Papa eine Waffe hat?“
„Was?“ Susanna sah ihren Sohn verwirrt an. „Ja, er hat sie von seinem Vater geschenkt bekommen. Der hat sie aus dem Krieg.“
Susanna legte hektisch die Waffe zurück in die Schublade und schloss sie mit dem Schlüssel ab. Dann steckte sie den Schlüssel in ihre Hosentasche.
„Du musst wissen, dass Waffen sehr gefährlich sein können. Vor allem, wenn man…“
Sie kam nicht weiter, denn Zacharias kam zur Tür rein.
„Was ist denn hier los?“, fragte er, tätschelte Jojakims Haar – was dieser schon seit mehreren Monaten nicht mehr schön fand – und sah seine Frau an.
„Jojakim hat Arons Pistole gefunden“, antwortete Susanna.
„Es ist ein Revolver, das weißt du, oder?“
„Ja Schatz. Ich habe ihn wieder zurück in die Schublade gelegt und abgeschlossen. Wir müssen den Schlüssel verstecken.“
„Warum? Damit Jojakim ihn nicht findet? Was soll denn schon geschehen? Glaubst du, er schießt sich mit dem alten Ding die Rübe weg?“ Zacharias lachte herablassend und streckte auffordernd die Hand aus. „Gib mir den Schlüssel. Ich will dem Kleinen die Waffe zeigen. Er darf keine Angst davor haben.“

Weihnachten ohne dich

Heute gibt es einmal einen etwas ernsteren Text (genaugenommen, läute ich hiermit die Wochen der ernsten Texte ein). Weihnachten steht vor der Tür und alle Familien treffen sich, essen gemeinsam und überreichen einander Geschenke. Doch leider gibt es auch Familien, in denen das nicht mehr möglich ist. Diesen Familien widme ich den folgenden Text.

„Wo zum Henker ist der große Weihnachtsstern?“, hast du immer gefragt. Gefunden hast du ihn nie. Und deshalb haben wir jedes Jahr einen neuen gebastelt. Nach dem Fest wanderte der dann in die Tonne. Du konntest die Hoffnung einfach nicht aufgeben, im nächsten Jahr den Stern deiner Kindheit auf dem Dachboden zwischen all den anderen Kisten zu finden.
Jetzt stehe ich auf den Zehenspitzen und versuche, mit ausgestreckten Armen den neuen Stern am oberen Ende der Tanne zu befestigen. Ich werde ihn nach dem Fest wieder wegwerfen und nächstes Jahr nach dem echten Weihnachtsstern suchen.
Alles scheint wie immer. Doch der Schein trügt, denn obwohl dein Geschenk neben all den anderen unterm Baum liegt, ist seit Wochen nichts mehr wie immer. Früher war es so einfach, für dich ein Geschenk auszusuchen. Jedes Jahr kam eine neue Puppe hinzu, später Bücher oder schicke Schuhe. Als du langsam erwachsen wurdest, hatten dein Vater und ich immer größere Probleme, das passende Geschenk zu finden. Was sollte man einer Tochter schenken, die dank ihres Jobs bereits alles besaß?
Dieses Jahr liegt ein neuer roter Bademantel für dich unter dem Baum. Rot, wie dein Haar. Rot, wie dein Lieblingskleid. Rot, wie dein Auto.
In meiner Brust wächst wieder ein Kloß an, wie in der Nacht, in der du nicht nachhause gekommen bist. Ich habe das Gefühl, mein Herz würde platzen. Nicht vor Freude, sondern vor Schmerz. Dieser nichtendende Schmerz.
Meine Glieder werden wieder taub. Genauso, wie in der Nacht, als du es nicht mehr geschafft hast, deine Schuhe in den Flur zu stellen, als Zeichen, dass du sicher angekommen bist. Als du es nicht geschafft hast, deinen Corsa sicher ans Ziel zu lenken. Wie schon unendliche Male zuvor, die immer gleiche Straße, das immer gleiche Auto.
„Wahrscheinlich ein Sekundenschlaf“, meinte die Polizei. Nach einer schrecklichen Sekunde schläfst du jetzt für immer. Und wir, dein Vater und ich, wir feiern dieses Jahr Weihnachten ohne dich. Das erste von vielen.

Ende

Bärbel und der Kontrollverlust

Ein weiser Mann behauptete einst, es täte gut, seine Figuren die Kontrolle verlieren zu lassen. Ein hochnäsiger Mann entgegnete hingegen, ein solcher Kontrollverlust sei stets nur ein „scheinbarer Kontrollverlust“, da der Autor ja als Gott seiner Welt stehts die Zügel in der Hand halte. Wie dem auch sei. Bärbel hat definitiv die Kontrolle über ihr Leben verloren und ich hatte definitiv keine Zeit, die Geschichte zu überarbeiten. Ich finde sie trotzdem gut. Nicht hervorragend, aber gut. Das muss reichen.

Bärbel erhängte sich vor knapp fünf Minuten. Sie tat dies nicht etwa, weil sie ihres Lebens überdrüssig geworden wäre. Nein, Schuld waren ihre Großmutter (im doppelten Sinne) und in gewisser Weise der Umstand, dass Bärbel vor geraumer Zeit die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte. Aber der Reihe nach.
Alles fing damit an, dass Timo eines Morgens aufwachte und meinte: „Ich will nicht mehr mit dir zusammenleben, du ekelst mich an!“ Sprachs, kochte sich noch einen letzten Kaffee in der kleinen Küche und verließ für immer Bärbels Leben.
Bärbel war wie vor den Kopf gestoßen. Sie rief Tanja an und Jenny und Barbara, doch niemand hatte Zeit für sie. Laura teilte ihr sogar mit, sie wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und so blieb Bärbel nichts anderes übrig, als vor lauter Zorn das gesamte Mobiliar der Küche zu Kleinholz zu verarbeiten.
Gerade als sie mit der Spüle beschäftigt war (das verdammte Ding war überaus widerstandsfähig), kam Bärbels Großmutter Ingeborg zur Tür herein.
„Aber Schätzchen, wie sieht es denn hier aus? Wurde bei euch eingebrochen?“
Bärbel, die bei all dem Aufstand keine Träne vergossen hatte, schüttelte mit dem Kopf. „Das war ich. Weil ich wütend bin.“
„Aber auf wen bist du denn wütend?“, fragte die Oma.
„Auf alle. Und am meisten auf Timo. Der Drecksack hat mich heute Morgen verlassen. Einfach so. Er hat gemeint, ich sei zu eklig!“ Bärbel redete sich jetzt in Rage. Sie schrie beinahe. „ZU EKLIG! STELL DIR DAS DOCH MAL VOR!“
Ingeborg, die noch nie viel von Timo gehalten hatte, versuchte ihre Enkelin zu beruhigen. „Jetzt komm erst mal runter. Weißt du was, ich koch uns mal einen Tee. Der beruhigt die Nerven.“
Ingeborg nahm den Wasserkocher, der unter den Trümmern des Hängeschranks lag, und füllte ihn mit Wasser. Es dauerte einen Moment, bis das Wasser heißt genug war. Während sie wartete, räume Ingeborg das Schlachtfeld auf. Ganz mechanisch, so wie sie es immer getan hatte, wenn sie irgendetwas in Unordnung vorgefunden hatte.
Mit ihren Tees gingen sie nach nebenan ins Wohnzimmer, das Bärbel sich für eine mittägliche Ausrasterrunde aufgespart hatte. Sie setzten sich auf das kleine Sofa und Ingeborg zauberte aus ihrer Handtasche ein Garn Wolle und zwei Stricknadeln und begann zu stricken. Dabei plapperte sie drauf los.
„Weißt du, vielleicht kannst du diese Situation auch als einen Neuanfang betrachten. Ich mochte den Knaben ja nie so wirklich. Und jemand wie du, der findet doch bestimmt schnell einen neuen. Wie heißt es doch so schön: Es gibt für jeden Topf einen Deckel.“
Bärbel sagte zu all dem nicht, sondern starrte nur fasziniert auf die schnell hin und her huschenden Stricknadeln und den darunter entstehenden Schal.
„Darf ich das auch mal probieren?“, fragte sie.
Ingeborg, die zunächst nicht verstand, was ihre Enkelin meinte, sagte nur: „Gerne. Pass aber auf, dass du die Maschen nicht verlierst.“
Es war einer dieser Augenblicke, in denen man feststellte, dass es Dinge gab, die man nie verlernte, wie etwa das Fahrradfahren. Ganz offensichtlich gehörte Stricken auch dazu. Bärbel fing erst vorsichtig und in einem Tempo, das man wahrhaftig als Schneckentempo bezeichnen konnte, an, die einzelnen Maschen zu knüpfen. Dann wurden ihre Bewegungen immer schneller, bis sie beinahe das Tempo ihrer Großmutter erreichte.
Sie strickte und strickte und strickte und vergaß so fast, dass ihre Großmutter zu Besuch war. Erst, als sie innehalten musste, weil ihr nun doch eine der Maschen von der Nadel gefallen war, wurde ihr klar, dass sie die letzten zwei Minuten gestrickt hatte, ohne ein Wort zu sagen, ohne zornig zu sein, ohne an Timo zu denken.
„Kann ich das behalten?“, fragte sie und ihre Großmutter nickte.
„Ich geh dann jetzt mal. Wenn du noch einmal jemanden zum Reden brauchst, melde dich bitte bei mir.“
Doch Bärbel hörte schon nicht mehr zu. Sie war wieder ins Stricken vertieft.

Am Nachmittag war die mitgebrachte Wolle der Großmutter aufgebraucht. Deshalb ging Bärbel in den örtlichen Handarbeitsladen und kaufte sich einen riesigen Berg an Wolle.
Wieder zu Hause angekommen, strickte sie wie wild drauf los. Sie versuchte sich an einem Topflappen, einem Pullover, Socken, Legwarmern und dergleichen, stellte jedoch schnell fest, dass sie am besten Schals stricken konnte. Und so strickte sie einen Schal nach dem nächsten. Breite Schals, lange, kurze, Rundschals, welche mit Fransen, gestreifte, einen mit ihrem Namen und noch viele mehr. Sie strickte die ganze Nacht durch. Die fertigen Schals hängte sie über Stühle, Sessel und an die Kleiderhaken ihrer Garderobe und als all diese Stellen besetzt waren, hängte sie die neuen Schals in den Türrahmen auf oder an die Deckenlampen.

Am nächsten Morgen – Bärbel hatte durchgängig gestrickt – stellte Ingeborg fest, dass sie ihre Stricknadeln brauchte. Sie griff zum Telefon und rief ihre Enkelin an. Bärbel schreckte aus ihrer Stricktrance auf und eilte zum Telefon. Um den Hörer hatte sich jedoch ein Schal gewickelt, der offenbar ein Eigenleben entwickelt hatte, und deshalb musste Bärbel kräftig ziehen. Als sie es endlich schaffte, den Telefonhörer aus der Umklammerung des Schals zu befreien, kam sie durch den plötzlichen Ruck ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und stolperte in einen grünrotgepunkteten Schal, der es sich zwischen zwei Deckenlampen gemütlich gemacht hatte. Bärbel fiel so ungeschickt, dass sie sich mit dem Hals im Schal verhedderte und jetzt da hing, wie ein zum Tode verurteilter Schwerverbrecher.
So hing sie fünf Minuten und hätte Timo nicht, als er sie Hals über Kopf verlassen hatte, seine Zahnbürste vergessen, würde diese Geschichte wirklich eklig enden.

Ende

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